Ein sterbender Mann

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2016, Übersetzt: Martin Walser, Bemerkung: ungekürzte Ausgabe

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Sebastian Riemann
Schreiben und Sterben

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jan 2016

Ein alter Mann denkt ans Sterben, schreibt übers Sterben, weil er sterben will, und schreibt dann übers Leben und übers Sterben, bemerkt, dass er wohl doch nicht sterben will, sondern vielmehr leben und schreiben. Der neue Roman von Martin Walser ist eine traurige, schöne Ode, wechselhaft und unterhaltsam, so wie man es von ihm erwartet, manchmal aber auch leicht zu durchschauen. Skandalös, weil jener alte Mann über Suizid schreibt, ist die Sache nicht, auch wenn man den alten Mann ernst nehmen sollte.

Theo wurde von Carlos betrogen. Seine Firma investierte in Patente, in vielversprechende Entwicklungen, in die Zukunft. Carlos ist Dichter und war Theos bester Freund. Im Zuge der größten geschäftlichen Aktion der Firma Theos, große Investition in ein neues Medikament, kündigt Carlos jedoch die Freundschaft auf und verrät die Sache an den Erzrivalen Theos, der sogleich alles übernimmt und den Sieg davonträgt. Das Geld ist weg, mit ihm die Freundschaft und das Vertrauen. Durch nichts hatte sich der Verrat angekündigt, Theo fiel aus allen Wolken, konnte kaum glauben, was ihm passierte. Verraten vom besten, innigsten Freund. Warum? Niemand kann es erklären, nur ein paar Andeutungen und Hinweise gibt es, aber letztlich kann Theo kein Licht ins Dunkel des Verrats bringen. Unerklärliche Ungerechtigkeit. Das ist zu viel für Theo, das kann er nicht ertragen. Sein Lebenswille knickt ein. Die Einsicht, dass er betrogen wurde vom besten Freund und somit die ganze Zeit betrügbar war, kann er nicht ertragen. Sein bisheriges Leben falsch und wertlos, eine Illusion.

Theo will nicht mehr leben – sagt er zumindest – und wird Mitglied im Suizid Forum. Ganz angeregt liest er dort, informiert sich über die Motivationen der anderen Suizid-Kandidaten, über das Hinauszögern und Hinausschieben des entscheidenden Momentes, aber auch über effektive Techniken, sich das Leben zu nehmen, die Erfolg versprechen für diejenigen, die es ernst meinen. Bald berichtet er dort von seiner persönlichen Katastrophe und von seinem Willen zu sterben. Die Reaktionen bringen das erwartete Ergebnis: er wird erhört, knüpft Kontakt. Aster, eine Frau mit starkem Willen, schickt ihm persönliche Nachrichten, die beiden beginnen einen regen Gedankenaustausch – und schon dabei bemerkt der Leser, dass es Theo nicht so sehr um seinen baldigen Tod geht, sondern vielmehr um eine Therapie, in der seine Niedergeschlagenheit und Frustration akzeptiert und zum Thema gemacht werden. Er will über sein Schicksal reden, will es darlegen und diskutieren. Geistigen Austausch sucht er, nicht so sehr einen Ausweg aus einem Leben, welches unerträglich geworden ist. Mittels Mitteilen will er sein Leben und seine Last teilen, will alles wieder erträglich machen. Das schreibt er nicht, aber der Leser erkennt es an den unzähligen Haken, die er eloquent und wortgewandt in seinen Texten schlägt. Unter Verwendung der Sprache holt er das Unmögliche wieder zurück in die eigene Welt und macht es möglich, begreifbar und überwindbar. Die Freude am Leben gewinnt er dadurch nicht zurück. Aber neues Interesse findet er und somit einen Weg weiterzumachen, auch wenn der neue Weg stets mit dem großen Verrat, dem großen Fall verbunden ist.

Theo erzählt gern und eloquent. Wenn er über das Sterben schreibt, ist immer mehr enthalten, ist immer eine Bemühung zu sehen, die nach dem Leben greift. Zum einen ist es das Schreiben selbst, welches ihn belebt, zum anderen sind es seine neuen Bekanntschaften, die sich mit seinem neuen, gebrochenen Ich verbinden und ihm Gehalt, Anerkennung und Gewicht geben.

 

"Liebe Aster, ich habe keine Ahnung, wie es einem Menschen, der so etwas mitteilt, in dem Augenblick, in dem er es mitteilt, zumute ist. Ich kann mich nicht zurückhalten, die unmögliche Frage zu stellen: Was hast du, als du das geschrieben hast, angehabt! Ich ziehe die Frage als hoch unseriös zurück."

 

Dem Ton der Texte kann man einen klassischen Hauch nicht absprechen. Gebildet und elegant drückt sich Theo aus, wirkt dabei manchmal altertümlich, selten jedoch verstockt. Das ist durchaus unterhaltsam und ansprechend, aber auch befremdend, da es dem Ganzen den Anschein gibt, ein klassischer Briefroman zu sein, der nur hin und wieder Wörter wie Forum oder Email benutzt, im Grunde aber einer längst vergangenen Form huldigt und nicht gewillt ist den alten Glanz der Sprache zu opfern, um sich der Gegenwart anzupassen.

Schreiben hält ihn am Leben, erfährt man und ist nicht überrascht, ja, das spürte man schon zu Beginn, dass dieser Theo sich nicht beeilt mit dem Freitod. Interesse hat er an seinem Fall und der Idee der Unerträglichkeit. Das Ganze fasziniert ihn. Wichtiger und für den Leser schöner ist aber diese wunderbare und zugleich düstere Aussage, dass das Schreiben Leben ist und das Nicht-Schreiben Nicht-Leben. Theo schreibt und lebt dann doch, weil er im Schreiben das Leben fand und jemanden, der ihn liest.

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