Das gerettete Kind

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer, 2016, Seiten: 352, Originalsprache
  • München: Droemer, 2017, Seiten: 352, Originalsprache

Couch-Wertung:

89
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Rita Dell'Agnese
Wenn alte Wunden aufbrechen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jan 2016

Irma liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus, liebevoll umsorgt von ihren Zwillingssöhnen und deren Ehefrauen. Nur ihre Tochter Leah will die 86-jährige nicht sehen. Schon seit frühester Kindheit Leahs haben Mutter und Tochter ein gespanntes Verhältnis. Während Irma die Situation mit Leah möglichst verdrängt, leidet Leah darunter, von ihrer Mutter abgelehnt zu werden. Sie ahnt nicht, dass die Härte ihrer Mutter in deren Vergangenheit begraben liegt. Irma war eines der jüdischen Kinder, die von ihren Eltern nach Großbritannien geschickt wurden, um sie dem Zugriff der Nazi zu entziehen. Noch immer trägt Irma die tiefen Verletzungen aus jener Zeit in sich. Verletzungen und auch eine Schuld, die dazu geführt hat, dass sich Irma tief verschloss. Während Leah in ihrer Situation gefangen ist und mit dem Schicksal hadert – auch weil ihr Ehemann sie wegen einer anderen verließ – ist ihre Tochter Rebecca auf der Suche nach der Vergangenheit. Die junge Frau, die sich ausgerechnet in einen Deutschen verliebte, will wissen, was damals mit Irma passierte. Die Lieblingsenkelin der alten Frau schafft es, ihre Großmutter mit der Vergangenheit zu konfrontieren und ihre Bereitschaft zu wecken, sich mit vielem auszusöhnen.

Es ist ein nachdenklich stimmender Roman, den die Autorin Renate Ahrens hier vorlegt. Vordergründig könnte man meinen, es gehe hier um ein bereits vielfach behandeltes Thema: Die Verschickung jüdischer Kinder ins englische Exil. Doch schnell wird klar, dass es hier hauptsächlich um einen anderen Themenkreis geht: Die Versöhnung mit sich selber. Beide Figuren, Leah und Irma, sind mit sich nicht in Einklang. Das lässt sie zu harten Frauen werden, jede gegenseitige Annäherung endet in einer verbitterten Sprachlosigkeit. Dabei schafft es die Autorin durch einen sehr geschickten Aufbau der Erzählung beiden Frauen eine Stimme zu geben. Der Leser erfährt sowohl, was die Mutter denkt, als auch, was die Tochter umtreibt. Damit wird der Konflikt, in dem die beiden stehen, sehr gut sichtbar und es wird offenbar, dass im Prinzip beide Frauen dasselbe suchen: Die Anerkennung der anderen. Dass Leahs Brüder eine verhängnisvolle Position einnehmen, verschärft den Konflikt noch.

Ein weiterer Themenkreis bewegt sich um die Frage der Patchwork-Familie. Rebecca, die im normalen Konflikt einer jungen, noch nicht ganz in sich ruhenden Frau mit ihrer Mutter zeigt, leidet unter der neuen familiären Situation ihres Vaters. Er hat mit seiner zweiten Partnerin wieder Kinder und Rebecca fühlt sich dadurch zurückgesetzt. Sie ist auf der Suche nach Halt, will von ihrer verstörten Mutter wegziehen und beim Vater unterkommen. Dass er davon nichts wissen will, verstört die junge Frau sehr. Auch diesen Konflikt arbeitet Renate Ahrens sehr gut und nachvollziehbar auf. Damit gibt sie dem Leser das Gefühl, mitten im Geschehen zu stecken und mit den handelnden Figuren sehr vertraut zu sein. Ein Pluspunkt ist, dass alle Figuren ihre Fehler haben, sehr menschlich reagieren und deshalb niemals ein verklärtes Heldenimage aufkommt. Dadurch bekommt der Roman viel Tiefe, regt zum Nachdenken ein.

Dass Renate Ahrens es schafft, die Leser mit den verschiedenen Szenen zu konfrontieren und deren Interesse für das Ganze zu erhalten, zeugt von der Erzählkunst der Autorin. Sie versteht es, optimal zu gewichten und auf gerade mal 330 Seiten eine Geschichte mit sehr viel Tiefgang und Hintergrund auszubreiten. Das gerettete Kind ist kein Mainstream-Roman, der in der Erinnerungswelle mitschwingt, sondern ein wundervolles Familienportrait, das zum Nachdenken anregt.

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