Blutorangen

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau, 2015, Seiten: 411, Originalsprache

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Claire Schmartz
Zwei Familiengeschichten, zwei Seiten einer Medaille

Buch-Rezension von Claire Schmartz Dez 2015

Austauschsemester in Deutschland – was auf den ersten Blick wie die perfekte Möglichkeit für die Spanierin Maite erscheint, ihr konservatives und strenges Elternhaus zu verlassen, entpuppt sich bald als Wendepunkt ihres Lebens. Maite wird in München bleiben. Denn die Entdeckungen, die sie in München macht, lassen ihre Heimat Valencia und vor allem ihren Vater unter einem anderen Licht erscheinen.

Maite ist in Valencia aufgewachsen, in einem bürgerlichen Elternhaus, inmitten von Orangen und Paella. Doch Maite lehnte sich öfters gegen ihren strengen und autoritären Vater auf, der sie nach seinem Willen erziehen wollte. Endlich bietet sich für sie die Gelegenheit, ein Semester lang nach München zu ziehen, um dort Deutsch zu studieren. Und zwar nicht ins Kloster, wie ihr Vater es wollte, sondern ins Wohnheim. Mit dem Nachtzug und einem scheußlichen Pulli im Gepäck, der sie gegen die ungeahnte Kälte in Deutschland schützen soll, reist Maite alleine nach München. In Deutschland angekommen, lebt Maite zum ersten Mal ein selbstbestimmendes Leben in Unabhängigkeit und Freiheit. Durch Zufall lernt sie Carlos kennen, der aus einer deutsch-spanischen Familie stammt, und verliebt sich in ihn. Bei einer Familienfeier mit seiner Familie entdeckt sie dabei ein altes Foto von dessen Onkel Hans - in einer deutschen Uniform. Und dieser Anblick erinnert sie an ein Bild ihres Vaters, das sie durch Zufall entdeckt hatte. Doch wie gelangte ihr Vater, Spanier, im Zweiten Weltkrieg in eine deutsche Uniform?

Maite fängt an, sich mit dem Zweiten Weltkrieg zu befassen und recherchiert die Rolle Spaniens. Mithilfe Carlos' Großvaters Antonio, der aus eigenen Erfahrungen erzählen kann, stößt sie schnell auf die Rolle der Blauen Division, fünfzigtausend Spanier, die Franco an Hitler verlieh und die nach Russland geschickt wurden um dort für die gleichen Ideale wie die Nazis zu kämpfen. Maite, die die Vergangenheit und Rolle ihres Vaters bei der Guardia Civil nie hinterfragt hatte, entdeckt eine schmutzige Vergangenheit, die sie nie vermutet hätte. Ihr Spanien, wie sie es durch ihren Vater geschildert bekam, erhält einen bitteren, falschen Nachgeschmack.

Die Familie spielt dabei eine wichtige Rolle: Als Rahmen und Halt, aber auch als Gefängnis oder Last – genau wie die Vergangenheit, die, wie Maite sie nennt, "Erbkrankheit" Schuld. Es sind zwei Familien, die sich innerhalb der Familie sehr nah zu stehen scheinen, durch Rituale wie das sonntägliche gemeinsame Paella-Essen immer wieder zusammen treffen. Drei Generationen, zwei Familien, wohlhabende Obstplantagenbesitzer und Franquisten oder Orangenverkäufer und Republikaner. Dabei wird nicht die erste Generation gegeneinander ausgespielt, die unmittelbar betroffen war, auch nicht die zweite, stumme, die mit den Folgen lebte, sondern die dritte, die das Verstummen oder Vergessen nicht akzeptiert, aber dennoch riskierte, nicht daran gedacht zu haben – oder nicht gefragt. Die Vergangenheit wurde in Maites Familie beschwiegen, obwohl alle davon wussten und viele betroffen waren.

Doch nicht nur in Maites Vergangenheit hat die Politik tiefe Narben hinterlassen, auch Antonio, der mit Frau und Kind, Carlos' Vater, aus Spanien floh, belastet die Vergangenheit. Er war in einem französischen Lager untergebraucht und wurde mit einem Zug nach Deutschland gefahren ...

Verena Boos lebt in Frankfurt. Sie hat Anglistik und Soziologie studiert und ist in Zeitgeschichte promoviert. Boos arbeitet als Journalistin, Referentin und Autorin. Sie hat am Klagenfurter Literaturkurs und der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung teilgenommen. Mit Blutorangen erscheint 2015 ihr erster Roman, der ihre Kenntnis der Geschichte und Spaniens belegt. Klar und leicht erzählt Boos zwei Familiengeschichten, zwei Seiten einer Medaille, die sich sehr nah und unendlich fern sind, und sich am Ende vereinen: in Maite und Carlos. Es ist ein beeindruckender Roman, der spannend und lehrreich ist, schön und traurig. Zu dem spannenden Aufbau des Romans trägt Boos' wechselnde, aber nicht hektische Erzählstruktur bei, die die Geschichten verwebt und das Interesse des Lesers auf einem konstanten Level zu halten vermag, aber auch die zarten und starken Figuren, die mit vielen Details und viel Menschlichkeit beschrieben werden.

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