Der dunkle Fluss

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau, 2015, Seiten: 313, Übersetzt: Nicolai von Schweder-Schreiner

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Sebastian Riemann
Fluch und Segen der Menschheit in einer Familie im turbulenten Nigeria

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2015

Der Vater wird versetzt, um in einer Einrichtung der Zentralbank im anderen Teil des Landes zu arbeiten. Frau und Kinder bleiben zurück, er kann oder will sie nicht mitnehmen. Und dadurch lässt er einen Riss im Fundament entstehen, der seine Familie langsam und kontinuierlich auseinanderreißt. Die Einheit von Eltern und Kindern wird einer Spannung ausgesetzt, die sie nicht erkennt, da sie mystischer Natur ist und im Verborgenen arbeitet, am Ende aber große Kraft entfaltet und die Dinge durcheinanderwirft.

Nachdem der Vater die Familie zurücklässt und nur selten Besuche abstattet, werden die vier ältesten Brüder – insgesamt gibt es sechs Kinder im Haushalt, worauf der Vater sehr stolz ist – zu Anglern am nahegelegenen Fluss, der dreckig und unheilvoll ist. Niemand hält sich gern in der Nähe dieses Gewässers auf, Gestank und Gerüchte umgeben diesen Ort, an dem die vier Jungen heimlich angeln. Sie wissen, dass ihre Eltern dafür kein Verständnis haben, es ihnen sofort verbieten würden, wenn sie davon Kenntnis hätten. Deshalb schleichen sie sich Tag für Tag an den Fluss, verstecken ihre Angeln und bringen zusätzliche Kleidung mit. Sie gehen klug vor und lange Zeit wird ihr neues Hobby nicht entdeckt. Dann jedoch kommt es zum Unglück: Sie begegnen dem Verrückten Abulu und er prophezeit ihnen eine verhängnisvolle Zukunft. Der Fluss als verfluchter Ort wird seinem Ruf gerecht.

Dann erfährt der Vater vom neuen Zeitvertreib seiner Kinder und schlägt sie mit der Peitsche, um ihnen dumme Ideen und vielleicht auch böse Geister auszutreiben. Nur hilft es nichts. Das Geheimnis, die Prophezeiung, behalten die Jungen für sich und langsam frisst es sich in ihre Seelen.

Das Debüt vom nigerianischen Autor Obioma ist eine afrikanische Familiengeschichte, die dem Leser eine gehörige Portion Exotik vermittelt, aber nicht bei bloßer Faszination für das Fremde halt macht, sondern eine ergreifende Abfolge von Begebenheiten zu erzählen weiß, die dem Leser nahe geht, auch wenn das Szenario so weit entfernt scheint. Dem Autor ist eine Geschichte gelungen, die das Schicksal einer Familie erzählt und mehr erzählt, als man beim ersten Lesen zu erkennen glaubt. Nichts geringeres als menschliches Schicksal vermag er mittels seiner Figuren der vier Brüder zu vermitteln, in anschaulicher und leicht verständlicher Weise. Glauben und Wissen, Angst und Wut, Zorn und Vergebung, Liebe und Hass: Das Buch ist voll großer Themen und ihrer realen, nachvollziehbaren Verkörperungen. Derartiges vollbringen nur wenige Schriftsteller. Obioma konzentriert sich auf die vier Brüder, die dem Unglück beiwohnten und vom Fluch des Verrückten betroffen sind, Vater und Mutter stellt er daneben wie einen zweistimmigen Chor. Zwischen den Figuren erzeugt er viel Spannung und Bewegung, der Leser kommt ihnen sehr nah und leidet mit ihnen. Die Geschichte ist dabei nicht an Details des Ortes oder der Kultur gebunden, sondern bezieht ihre Kraft aus den Beziehungen zwischen den Figuren und kann deshalb für jedermann ansprechend und nachvollziehbar sein.

Die Geschichte wird von einem Kind erzählt, aber nicht mit Kinderstimme, nicht mit Kindesworten. Darin unterscheidet sich das Buch bspw. von Faulkner. Obioma lässt nicht eine junge Erzählerstimme sprechen mit all ihren direkten Empfindungen und naiven Ansichten, sondern vielmehr eine ältere, reifere Variante des kleinen Protagonisten. Rückblickend berichtet der Erzähler von seiner Kindheit und den damaligen Ereignissen in der Familie. Er ist einer der vier Brüder und schildert dem Leser und einem weiteren Publikum, wie das Unglück über die Familie kam und seinen Lauf nahm. Er gibt seine damaligen kindlichen Gefühle wieder und ergänzt sie durch seine in Überlegung gereiften Kommentare. Diese etwas halbherzige Erzählperspektive vermindert an manchen Stellen die Authentizität und die Einschlagskraft der Ereignisse. Am Ende überzeugen aber die menschliche Nähe und das intelligente Themenkonglomerat am Himmel der Geschichte, über dem dunklen, unheilvollen Fluss.

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