Ein ganz neues Leben

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2015, Übersetzt: Luise Helm

Couch-Wertung:

85
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Kathrin Plett
Weiterleben oder doch nur überleben?

Buch-Rezension von Kathrin Plett Dez 2015

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist es oft gar nicht so leicht, selbst weiterzuleben. Die Trauer reicht bis in den kleinsten Winkel. Überall, auch da, wo man es überhaupt nicht vermutet, lauern Erinnerungen, die einem den Verlust schmerzlich bewusst machen. Mal ist es ein Kleidungsstück, das bei einem gemeinsamen Ausflug getragen wurde, mal ein Essen, das Gefühle hervorruft oder ein Lied im Radio, das an die gemeinsame Zeit erinnert. Einfach weiterleben wie zuvor ist quasi unmöglich. Welcher Weg schließlich wieder ins eigene Leben zurückführt, ist individuell ganz unterschiedlich. Dem einen helfen vielleicht die Strukturen des Alltags, die Arbeit, Freunde oder Familie, dem anderen hilft es vielleicht mehr, alles hinter sich zu lassen und erst einmal weit weg zu fahren. Doch wenn das eigene Leben auch dann noch nicht wieder lebenswert erscheint und eher einem "Überleben" gleicht, wird es Zeit, dass sich etwas ändert, wie Jojo Moyes in ihrer Fortsetzung zu Ein ganzes halbes Jahr erzählt.

Sechs Monate hatte Louisa Clark, um den vom Hals abwärts gelähmten Will Traynor davon zu überzeugen, dass das Leben auch mit seinem Schicksal lebenswert ist. Doch sie scheiterte. Will Traynor ist Tod, obwohl beide am Ende Liebe füreinander empfanden. Ein halbes Jahr hatten sie nur zusammen. Ein ganzes halbes Jahr. Und diese sechs Monate haben beide verändert. Lou ist nicht mehr das Mädchen aus der Kleinstadt, das Angst vor seinen eigenen Träumen hat. Aber sie führt auch nicht das unerschrockene Leben, das Will sich für sie gewünscht hat. Ohne Will fehlt ihr der Sinn, denn wie lebt man weiter, wenn man den Menschen verliert, den man am meisten liebt? Eine Welt ohne Will, das ist für Lou immer noch schwer zu ertragen. Lou existiert, aber ein Leben ist das nicht. Eigentlich nur ein überleben und funktionieren. Zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, essen, schlafen und wieder zur Arbeit. Doch dann steht eines Tages Wills Tochter vor ihr, ein Teenager mit lauter Problemen, der ihre Hilfe mehr als nötig hat. Lou schöpft wieder Hoffnung. Hoffnung auf ein ganz neues Leben und vielleicht auch auf eine neue Liebe...

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex. Mit ihrem Roman Ein ganzes halbes Jahr, der aktuell in Hollywood verfilmt wird und auf den diese Geschichte aufbaut, gelang ihr international der Durchbruch - auch in Deutschland stand der Roman monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Die Autorin erzählt in ihrem neuesten Roman, wie es mit Louisa Clark, der Protagonistin ihres Bestsellers Ein ganzes halbes Jahr weitergeht. Wie in ihrem Blog zu lesen ist, hatte sie ursprünglich gar keine Fortsetzung geplant, doch nachdem sie täglich zahlreiche E-Mails und Tweets erreichten, in denen sie gefragt wurde, wie es mit Lou nach Wills Tod weiterginge und sie gleichzeitig am Skript für die Verfilmung des Buchs arbeitete, ließ sie Lou nie richtig los und beschloss, Louisas Geschichte weiterzuerzählen. Fast nahtlos, nur mit einem kleinen Zeitsprung versehen, schließt sich der Roman seinem Vorgänger an. Will ist inzwischen seit 18 Monaten Tod. Louisa war inzwischen in Paris, um dort zu arbeiten, wohnt nun aber in dem Apartment, welches Will ihr noch vor seinem Tod gekauft hat. Lous Trauer ist immer noch unermesslich groß, ihr fehlt der Sinn im Leben und hat auch keine Hemmungen, todesmutig auf Dachkanten zu balancieren und das Risiko eines tödlichen Unfalls einzugehen. Als sie schließlich bei einer ihrer Kamikaze-Aktionen tatsächlich vom Dach fällt und mit schwersten Verletzungen überlebt, muss sie sich selbst Stück für Stück ins Leben zurückkämpfen und sich auch ihren Gefühlen zu Will und ihrer Trauer stellen.

Einfühlsam und berührend schildert die Autorin aus der Perspektive ihrer Protagonistin deren Weg aus der Trauer zurück ins Leben. Wie auch im ersten Teil geschieht dies wieder mit einer großen Portion Humor, der vor allem durch die vielen schrägen, aber doch sehr liebenswerten Charaktere entsteht. Es gibt ein Wiedertreffen mit Lous Eltern, die durch die Emanzipationsideen der Mutter in einer Ehekrise stecken. Die ewige Rivalität mit der Schwester, die durch ihren Sohn in der Karriere nicht weiterkommt, setzt sich fort. Auch die Traynors spielen wieder eine Rolle: Wills Vater hat seine viele Jahre jüngere Geliebte geschwängert und lebt nun mit ihr zusammen, wohingegen die früher doch so auf den Schein bedachte Mrs. Traynor einsam und abgestiegen in einem kleinen Häuschen fernab von London wohnt. Eine unterhaltsame Mischung, wenn diese doch so unterschiedlichen Figuren aufeinandertreffen, noch dazu, wenn von Jojo Moyes so lebhaft erzählt:

 

"Achtzehn Monate. Achtzehn ganze Monate. Wann ist es endlich genug?", sage ich in die Dunkelheit. Und da ist sie. Ich spüre, wie sie wieder hochkocht, diese überfallartige Wut. Ich gehe zwei Schritte weiter, schaue kurz auf meine Füße. "Das hier ist nämlich kein Leben. Das hier ist gar nichts!"

 

Ob und wie sie aus diesem Loch herauskommt, lässt sich in Ein ganz neues Leben erfahren.

Alles in allem eine würdige Fortsetzung des Romans, der seinem Vorgänger in nichts nachsteht und kaum Fragen offen lässt. Unterhaltsam und spannend erzählt Moyes, wie es mit Lou weitergeht und ob sie es schafft, auch ohne Will weiterzuleben. Lesenswert!

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