Am Anfang war Heimat

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • München: Blessing, 2016, Seiten: 384, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Die vielen Wege zur Heimat und die Flucht

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2015

"Was ist Heimat?", gehört zu den schwierigsten und wichtigsten Fragen unserer gegenwärtigen, sich immer schneller bewegenden und verändernden Welt. Es ist die Frage nach Bezugspunkten, nach Identität und Zugehörigkeit, aber auch nach falschen Ideen, Instrumentalisierungen und Enttäuschungen. Die Heimat ist Teil des Selbst, mag sie in der Ferne liegen oder die gewohnte Umgebung des Alltags sein. Sie zeigt an, woher wir kommen, wie wir wurden, was wir heute sind. Dabei kann man sich von der Heimat entfremden, an ihr verzweifeln und zugrunde gehen, oder sie zur steten Erbauung nutzen, ihr Bild hochhalten, sie verehren und verklären. Wer sich aufmacht, die Frage nach der Heimat zu beantworten, begibt sich also in unruhiges und trübes Gewässer, muss vielerlei bedenken, in verschiedene Richtungen denken und auch Widersprüche hinnehmen. Und muss sich einschränken, denn die Frage nach der Heimat kann nicht vollständig beantwortet werden, dafür ist sie schlichtweg zu groß und umfangreich. Vorsichtig, mit Fingerspitzengefühl oder guten Werkzeugen, muss man sich dieser Frage nähern, wenn man nicht verlorengehen will.

Eberhard Rathgeb stellt zu Beginn seines neuen Buches klar, dass er sich in ein schwieriges Unternehmen begab, da er sich anschickte, das Gefühl der Heimat zu untersuchen. Dabei versucht er nicht, dieses schwierige Gefühl zu definieren, er versucht keine deutsche Kulturgeschichte zu schreiben. Vielmehr will er mittels kleiner Geschichten aus seiner Familie einen persönlichen Ansatz ausprobieren, denn er dann mit kulturgeschichtlichen Material ergänzt. Er will das Erklären und das Erzählen nebeneinander stellen, damit sie sich gegenseitig befruchten. Ein schwieriges Unternehmen ist das, da muss man ihm Recht geben.

Die Familiengeschichte der Rathgebs ist kein schlechter roter Faden für dieses Buch. Opa Rathgeb wanderte einst aus Deutschland aus, ihn zog es nach Argentinien. Die Vergangenheit verlor er an die Nazis, die der einst so geliebten Heimat die Seele entrissen und sie zu einem Monster machten. Weit weg wollte er und nahm eine Arbeit in Buenos Aires an. Und damit ist Opa Rathgeb ein Flüchtling der Heimat, so wie es auch Stefan Zweig war, der sein Wohl in Brasilien suchte und es nicht fand. Später, nach dem zweiten Weltkrieg, ging Vater Rathgeb - also der Sohn des Geflohenen - wieder zurück nach Deutschland, weil die ferne Heimat ihm viel bedeutete und ihn nicht losließ. Er wusste, dass dort seine Wurzeln waren, und wollte nicht länger in der Ferne leben. Was ihn anzog war die deutsche Kultur, wie sie sich in den verschiedensten Ausdrucksformen finden lässt.

Eberhard Rathgeb - der Sohn des Rückkehrers und Autor des Buches - erklärt die Faszination für die Frakturschrift und für blumige Schnitzkunst in Deutschland und die Weltsicht Heideggers. Es ist am Ende doch der Versuch einer Kulturgeschichte, nur das dieser Versuch nicht geordnet ist, sondern sich vielmehr anekdotenhaft gibt, um keine großen Erklärungen produzieren zu müssen. Dieser Spagat ist viel schwieriger als es im Eingang des Buches beschrieben wird. Das Buch liest sich wie zwei Bücher, daran kann auch das Fingerspitzengefühl und gute Handwerk des Autors wenig ändern. Es bleibt ein zu großes, zu widersprüchliches Vorhaben, das seine beiden Teile nicht recht zusammenbringen kann und oft nur Geschichten aus der Familiengeschichte neben deutsche Geschichte und Kultur stellt.

Im Kontext der gegenwärtigen Entwicklung in Deutschland vermag die Erkundung des Heimatgefühls allerhand interessante Ideen hervorzubringen. Wenn die Wahrung der eigenen kulturellen Identität wieder wichtiges Thema ist, macht es Sinn in die Vergangenheit zu blicken und zu vergleichen, zu fragen, wie diese Diskussion früher gelenkt und benutzt wurde. Aber auch die persönlichen Geschichten im Buch sind aufschlussreich, da sie es vermögen, ganz unterschiedliche Vorstellungen von Heimat begreiflich zu machen und somit der allzu leichtfertigen Verwendung dieses Begriffes eine Absage erteilen. So ist Am Anfang war Heimat trotz seiner erzähltechnischen Defizite eine durchaus ansprechende und anregende Lektüre, die tief ins Jetzt hineinreicht.

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Letzte Kommentare:
25.04.2016 16:31:07
Herbert Schmachtenberg, Oslo

Ich kann in dem Buch keine Defizite - wie S. Riemann schreibt, erkennen. Im Gegenteil, es ist für mich ein phantastisches Werk. Gerade der fast spierlische Umgang mit der deutschen Geschichte und all den grossen Namen aus dem geistigen und politischen Leben ist phantastisch. E. Rathgeb komponiert - oft mit wenigen, einfachen "Pinselstrichen" ein ganz einmaliges Bild zu Deutschland, unserer Geschichte und dazu, wo wir nun heute nach all den Katastrophen stehen.

Toll der Anfang: Was wäre wenn die grossen Nazis in ihrer Jugend ein Jahr ins Ausland gegangen wären, die Welt gesehen hätten, nicht nur in deutscher Sprache gedacht hätten. Toll auch die Gegenüberstelling Heidegger-Arendt.

Das Buch muss man gelesen haben!