Winters Garten

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2015, Seiten: 154, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Die Natur als Ursprung und die Kultur als Verderbnis

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2015

Der Mensch ist von Natur aus gut, und besonders gut in der Natur; seine schlechten Eigenschaften erhält er durch die Gesellschaft, die sich von der Natur gelöst hat und Städte baut, um sich wie eine Krankheit auszubreiten. Der Mensch kann wahres Glück und harmonisches Miteinander finden in einem natürlichen Zustand, so wie ihn unbeschwerte Kinder kennen, ohne Sorge und ohne Voraussicht. Eine Kindheit in der unberührten Natur ist das Paradies. Der erwachsene Überlebenskampf in der Stadt ist hingegen das wahre Grauen, still und verzweifelt. Winters Garten, der zweite Roman der Fotografin und Autorin Valerie Fritsch, entwirft eine duale Welt in der Manier düsterer Romantik, kritisiert die Form des Daseins und lässt erschaudern.

Die Kinderjahre sind die schönsten Jahre im Leben von Anton Winter, er verbringt sie im Garten, einem Ort, der dem Paradies gleicht, fernab jeglicher schlechter Einflüsse. Kein Schrebergarten sondern eine ganze Landschaft ist dieser Garten, groß und prächtig, mit unendlich vielen Geheimnissen, Früchten, Beeren, Heilkräutern und Getier. Er gibt alles, was man zum Leben braucht. Kinder und Alte genießen die Natur, die einen spielend, die anderen sinnierend. Antons Vater arbeitet viel, in der Hafenstadt, eine Stunde entfernt, oder eingeschlossen in der heimischen Werkstatt, zu der die Kinder keinen Zutritt haben, und so wächst der Junge zu großen Teilen bei seinen Großeltern auf. Diese väterliche Abwesenheit trübt die ansonsten idyllische Kindheit, vielleicht hat sie auch eine Hand darin, dass der Junge so verschlossen und schweigsam wird. Trotzdem ist die Zeit im Garten – daran lassen die Beschreibungen der Autorin keine Zweifel – eine herrliche Zeit, getrennt von der anderen Welt, die sich in Form der Stadt präsentiert. Die Natur ist die heile Welt.

Die Stadt wird in der Zukunft präsentiert; Anton ist erwachsen, lebt in einem Apartment über den Dächern der anderen Menschen. Er ist Vogelzüchter und einsam, das Gezwitscher ersetzt ihm den Umgang mit seinesgleichen. Warum er so geworden ist, bleibt fraglich, der Zeitraum zwischen Kindheit und dem Erwachsenenalter ein Graubereich. Der Gegensatz entspricht aber dem Bild der Stadt, welches zuvor schon gezeichnet wurde – sie war stets der Gegenpol zur Gartenidylle. Die Stadt ist verdorben, das ahnte man zu Beginn des Buches, mit dem erwachsenen Anton erfährt man es. Wie ein Zombie bewegt er sich durch sie oder bleibt ihr fern, eingeschlossen in sein Apartment hoch oben.
Die Stadt verdirbt den Menschen, der zuvor glücklich und unbeschwert in der Natur lebte. Da steckt Rousseau drin mit seiner grundlegenden Gesellschaftskritik, mit seiner Idee vom Menschen, der von Natur aus gut ist und alle Laster durch die Kultur erwirbt. Ein im Garten lebendes Kind ist dann der Inbegriff des richtigen Lebens, der vereinsamte Stadtmensch eine verlorene Seele, die den Bezug zu den Wurzeln des Daseins verloren hat.

Doch Valerie Fritsch begnügt sich nicht mit dieser allzu einfachen Dichotomie, sie gibt dem Ganzen noch einen epischen Anstrich. Schlecht ist nicht nur das Leben in der Stadt, sondern das Leben an sich. Das Ende der Welt naht, die apokalyptischen Reiter machen sich fein für den großen Ausritt. Anton leidet nicht nur unter dem alltäglichen Übel der Stadt, er wird auch noch konfrontiert mit den letzten Regungen der Menschheit. Massenselbstmorde werden zu einem ernsten Problem, die Leichen bedecken öffentliche Plätze und treiben im Hafen. Die Menschen sind verzweifelt, wissen nicht mehr weiter und kapitulieren vor dem kommenden Ende. Dass Anton noch am Leben ist, verdankt er wohl seiner Antriebslosigkeit.

Die Autorin Valerie Fritsch mag die kleinen Worte nicht. Wie der Inhalt ist auch der Stil groß und theatralisch, mitunter fantastisch und überzogen. Es gibt wenige Details, die Handlungen erstrecken sich meist über einen größeren, nicht genau definierten Zeitraum, die Personen wirken oft schemenhaft. Ideen werden vermittelt, das Geschehen kommentiert, selten wird hingegen eine Szene ausführlich dargestellt. Die Figuren spazieren durch eine grob gezeichnete Welt, in der Luft sind Stimmen zu hören, die flüsternd die Geschichte vom Dasein erzählen, aber sie verschwinden, wenn man sich nach ihnen umdreht. Es ist ein Buch voller Gleichnisse, in dem man verschiedenes finden kann: Leichenberge, wilde Wälder, Falten, keine Momente und große Symbole.

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Letzte Kommentare:
18.01.2016 07:20:38
KHG

Leider kein überzeugender Wurf- es wird keine echte Geschichte erzählt, und es wird auch keine Figur entwickelt und somit zum Leben erweckt. Der Autorin geht es offenbar nur darum, auf Biegen und Brechen eine apokalyptische Stimmung zu evozieren, deswegen ist die Hälfte des Buches unabhängig von Handlung oder Charakteren dem verschrieben- Menschen tauchen dabei nur als "man" auf, als anonyme Masse. Auch konzeptionell ist vieles Stückwerk und nicht schlüssig entwickelt; warum etwa das Verlassen seiner Vögel kurz vor Ende dann in Form eines Rückblicks erzählt wird, macht keinen nachvollziehbaren Sinn; dann könnte man assoziativ im Grunde fast alles aus seiner Chronologie lösen.
Sprachlich über weite Teile eigentlich ansprechend, dann aber steht man wieder fassungslos davor, dass die Autorin das Wort "sondern" nicht kennt und generell durch "aber" ersetzt und dass ihr die Verwendung des Genitiv nach "gedenken" unbekannt ist (hier ist mal wieder "der Dativ dem Genitiv sein Tod"!). Und dass jemand "wie ein Engel riecht", das muss man auch erst mal verdauen -nicht alles kann mit dem Zauberwort "innovativ!"/ "originell"! gerechtfertigt werden.
Alles in allem leider ein Buch, das einen unbeteiligt und etwas genervt zurücklässt.