Austerlitz

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • München: Carl Hanser, 2001, Seiten: 424, Originalsprache
  • Frankfurt: S. Fischer, 2011, Seiten: 432, Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2012, Seiten: 1, Übersetzt: Ernst Jacobi, Ulrich Matthes, Rosemarie Fendel , Bemerkung: Hörspiel

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Sebastian Riemann
Literatur und Geschichte als Sog

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2015

Der Anfang ist harmlos, nahezu beiläufig. Der Ich-Erzähler berichtet von seinen Reisen nach Belgien in den 60er Jahren, die einem diffusen Interesse entsprangen und oft zufällig verliefen. Auf einer Reise – er saß gerade im Bahnhof von Antwerpen – lernte er einen Mann kennen, der fortan eine wichtige Rolle spielen würde. Der Mann heißt Austerlitz und erklärte ihm allerhand über die Architektur des Bahnhofs und anderer Gebäude in der Nähe. Er schien ein wandelndes Lexikon zu sein, redete ohne Unterlass über geschichtliche Entwicklungen und ihre architektonischen Verwirklichungen, während der Ich-Erzähler gespannt neben ihm saß und zuhörte. Später gingen die beiden auseinander, so leicht und zwanglos, wie sie sich getroffen hatten.

Austerlitz kreuzte jedoch immer wieder den Weg des Ich-Erzählers, berichtete über seine Interessen und bei späteren Treffen auch über das eigene Leben, welches aus einer steten Unruhe und Ungewissheit gespeist wurde. Der vermeintliche Erzähler verliert im Verlauf des Romans zunehmend seine Rolle und wird zum Zuhörer, der selbst kaum in Erscheinung tritt. Er gesellt sich zum Leser und lässt sich von der Geschichte dieses merkwürdigen und beeindruckenden Mannes bezaubern. Austerlitz wird zum wahren Erzähler, das Buch zu einer Aneinanderreihung von Monologen, die nur hin und wieder durch einen Einschub des eigentlichen Erzählers unterbrochen und gestört werden.

Suchend wandelt Austerlitz durch die Welt, etwas Dunkles treibt ihn an. Lange Zeit verlegt er sich auf das Kommentieren historischer Gegebenheiten und vermeidet persönliche Themen. Doch bald kann er seiner eigenen Geschichte nicht mehr entfliehen und wird von ihr eingeholt, derart dass er von ihr stark belastet wird und das alltägliche Leben ihm eine immense Bürde wird.

Bei Zieheltern wuchs er als Junge auf, bei einem Pfarrer und seiner Frau, die den ganzen Tag schweigend verbrachten. Der Pfarrer schloss sich jeden Tag in sein Studierzimmer ein und arbeitete an seiner Predigt, die Frau putzte stumm das viel zu große Haus. Karg war diese Kindheit. Die Dinge wandelten sich erst mit dem Tod der Zieheltern, da war Austerlitz auf dem Internat, im Zimmer des Rektors, der ihm die Lage erklärte und ihm auch gleich noch seinen, bis dahin unbekannten, wahren Namen offenbarte: Austerlitz, ein ungewöhnlicher Name, von unbekannten Eltern ihm gegeben.
Aufgrund seiner Intelligenz bringt Austerlitz es weit in der Welt der Wissenschaft, wird Professor für Geschichte in England. Er ist ein ungewöhnlicher Kauz, lebt aber ein recht normales Leben. Doch eines Tages hört er im Radio Frauen über ihre Kindheit sprechen, über das traumatische Ereignis in ihrer Kindheit. Aus Prag wurden sie mit Zügen nach England gebracht, sie und viele andere Kinder, deren Eltern die Nachkommen in Sicherheit bringen wollten, bevor Nazi-Deutschland seine groben, blutigen Hände nach ihnen ausstrecken konnte. Es ist dies der Auslöser für Austerlitz´ abrupten Fall von der scheinbaren Normalität – er erinnert sich, an Bord eines Zuges gewesen zu sein, bevor er allein und hilflos in England ankam und seinen Zieheltern übergeben wurde. Umgehend macht er sich auf den Weg, seiner Identität und Geschichte nachzuspüren, die ihm so viel Ungewissheit bereitete.

W.G. Sebald generiert einen leisen, zuerst unauffälligen Sog, in dem geschichtliches Interesse sich langsam mit Biografie und den Gräueltaten des zweiten Weltkrieges mischt. Der Leser wird in eine Detailfülle verwickelt, aus der er schwer hinausfindet und die sich langsam ihren Weg bahnt in eine neue Richtung. Entkommen kann man dem Ganzen nicht und will es auch nicht. Aus der Tiefe der Persönlichkeit Austerlitz´ betrachtet man die Vergangenheit, verharrt mit ihm und wartet ungeduldig des Kommenden. Die Verbrechen der Nazis allein hätten nicht eine derartige Wirkung, erst durch die unruhige und ungewisse Person des Protagonisten, der sein Inneres und seine Familiengeschichte entschlüsseln will, entfaltet sich das Schrecken. Das Erbe der vergangenen Taten wird eindrucksvoll in seiner menschlichen Dimension dargestellt, die Beschreibungen der Materie bleiben nur Ausschmückung. Selten sind Bücher derart bewegend und fesselnd.

Man liest Austerlitz in einem Marathon. Der Autor Sebald konzipierte sein Buch gleich der Meeresbrandung: Ununterbrochen stürzen Wellen auf das Ufer und erlauben keine Pause. Sobald man das Buch zuschlägt, breitet sich Unruhe aus, denn eigentlich sollte man weiterlesen. Es gibt keinen guten Punkt, um eine Pause einzulegen, ein Satz reiht sich an den nächsten an den nächsten.

Was im Großen gilt, realisiert sich auch im Kleinen. Einzelne Sätze können sich über mehrere Seiten erstrecken und für sich einen Sog erzeugen, der den Leser bewegungslos lässt.

 

"Tatsächlich begann ich damals, meistens bei der Heimkehr von meinen nächtlichen Exkursionen, durch eine Art von treibendem Rauch oder Schleier hindurch Farben und Formen von einer sozusagen verminderten Körperlichkeit zu sehen, Bilder aus einer verblichenen Welt, ein Geschwader von Segelschiffen, das aus der im Abendlicht glitzernden Mündung der Themse hinausfuhr in die Schatten über dem Meer, eine Pferdedroschke in Spitalfields mit einem Kutscher, der einen Zylinder auf dem Kopf hatte, eine Passantin in einem Kostüm der dreißiger Jahre, die ihren Blick niederschlug, als sie an mir vorüberging."

 

Erwähnen muss man auch die herausragende Verwendung von Fotos im Buch. Zuerst erscheinen sie als Ergänzung, zeigen Augen oder Landschaften, über die zuvor gesprochen wurde, später wirken sie mitunter merkwürdig, verbinden sich mit Ausschweifungen der Erzählungen, und an einer Stelle thematisieren sie – die man vorher durchaus als distanziert betrachten konnte – die Authentizität des Buches, da sie ein Schaufenster zeigen, in dem sich Austerlitz höchstpersönlich spiegelt, und worauf der Leser nur mit großen Augen reagieren kann. Als wäre Sebalds meisterhafte Beherrschung der Schrift nicht ausreichend Grund zum Staunen.

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