Applaus für Bronikowski

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Göttingen: Wallenstein, 2015, Seiten: 188, Originalsprache

Couch-Wertung:

85
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Rita Dell'Agnese
Erfrischend und unterhaltsam

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2015

NC scheint nichts auf die Reihe zu bekommen. Die Dreißig hat er bereits überschritten, einen richtigen Job hat er aber nicht. Denn NC hadert seit Teenagerzeit mit dem Leben. Ein unerwarteter Geldsegen hat NCs Eltern dazu verführt, ihren Traum zu leben und nach Kanada auszuwandern. Ihre beiden Söhne, den 13jährigen NC und seinen älteren Bruder haben sie zurückgelassen. So hat sich Nies umbenannt in NC, die Abkürzung von No Canada. Der Junge hadert damit, verlassen worden zu sein und schlägt quer. Während der ältere Bruder konsequent die Karriere-Leiter hoch steigt, jobbt NC hier und dort, ist jedoch unbeständig und mit sich selber uneins. Erst, als er in einem Bestattungsinstitut doch noch einen Job bekommt, ändert sich das Leben für NC. Nicht respektlos aber anders geht der junge Mann an die Sache heran und lernt dadurch eine ganz andere Sicht aufs Leben und die Welt kennen.

Kai Weyand schafft es, die Leser vom ersten Moment an ins Boot zu holen – und sie bis zum Schluss ohne Ermüdungserscheinungen mitreisen zu lassen. Der Autor erzählt mit so viel hintergründigem Humor und feiner Satire, dass sich die Leser köstlich unterhalten fühlen. Weyand bewegt sich virtuos auf der ganzen Breite des Parketts, ohne auszurutschen. Zu keinem Zeitpunkt wirkt die Story plump oder abgehoben – es ist stets die richtige Mischung an absurden Situationen, schrägem Protagonisten und realen Szenen, die dem Publikum vorgesetzt wird. Es lohnt sich auf jeden Fall, genau hinzusehen. Was zunächst als humorvoller Beitrag erscheint, basiert auf einem durchaus ernsthaften Thema. Das Gefühl, von den Eltern verlassen – und damit im Stich gelassen – worden zu sein, ist die Grundlage von allen Problemen, mit denen sich der erwachsene NC herumschlägt. Der überforderte Bruder, der mitten in seiner Ausbildung steckend dem Jüngeren zwar versuchte, Leitplanken zu geben, darin aber zwangsläufig mangels eigener Reife scheitern muss, ist keine Hilfe.

Sehr schön stellt Kai Weyand dar, wie NC sich auf die Suche nach einem Sinn macht. Erst, als er auf Menschen trifft, die ihn mit seiner schrägen Optik und den verqueren Ideen ohne Wenn und Aber akzeptieren, kann sich NC entspannen und über sich hinaus wächst.

Verpackt ist die amüsante Lektüre in eine erfrischende Sprache. Auch hier bleibt sich Kai Weyand treu, kann mit Augenzwinkern erzählen, ohne sich plump anzubiedern. Mit einfachen Worten erzählt er die Geschichte NCs und genau deshalb unglaublich wirkungsvoll. Es sind diese Betrachtungen des Alltags, lose eingestreut, die den Leser zurücksinken lassen und ihn mitnehmen in die skurrile Welt des NC. Ob es nun darum geht, darüber zu sinnen, wie ein dreibeiniger Hund wohl pinkelt, ohne dass er dabei umfällt oder ob der Protagonist das Schicksal herausfordert und sich von einer Bäckereifachverkäuferin eine Straße nennen lässt, die das Ziel seines Spaziergangs werden soll: Die Situationen sind im Plauderton geschildert und einladend präsentiert.

Applaus für Bronikowski ist auf den ersten Blick eine reine Unterhaltungsliteratur, die man nach dem Lesen nicht griffbereit im Bücherregal stehen haben muss. Aber es ist ein eingängiges Werk, das im Unterbewusstsein arbeitet. Spätestens, wenn man durch die Straßen spaziert und einen hinkenden Hund sieht – oder an einem Bestattungsinstitut vorbei kommt – wird der Text wieder präsent und man mag erneut schmunzeln ob der unkonventionellen Art des liebeswert-schrägen Protagonisten. Kai Weyand hat seinen Lesern mit diesem angenehm portionierten Roman ein paar köstliche Momente geschenkt und verlockt dazu, sich auch seine anderen Werke genauer anzusehen.

Applaus für Bronikowski

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