Auerhaus

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau Audio, 2015, Übersetzt: Robert Stadlober

Couch-Wertung:

95

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Claire Schmartz
Birth – School – Boom Boom – Work – Death

Buch-Rezension von Claire Schmartz Sep 2015

Frieder hat versucht, sich selbst das Leben zu nehmen und ist in einer Psychiatrie gelandet. Und als er entlassen wird, zieht er nicht zurück zu seiner Familie, sondern in das Haus seines verstorbenen Großvaters. Mit seinen Freunden, um nicht allein zu sein. Niemand von ihnen kann alleine sein. So wird der sich anbahnende, auswegslose Trott aus dem Dorfleben unterbrochen: Boom Boom.

In der Küche gibt es noch eine Abflussrinne für das Blut der geschlachteten Tiere, daneben ein Zimmer ohne Fenster, das anscheinend mal ein Kinderzimmer war. Frieder und seine Freunde haben jetzt ein eigenes Zuhause,. Die Nachbarn taufen es Auerhaus, wie Auerhahn, weil im Dorf kaum jemand Englisch kann und die Jugendlichen stets das gleiche Mixtape laufen lassen, auf dem "Our House" von Madness gleich der erste Titel ist. Das Auerhaus ist ihr zuhause, nicht das bei ihren Eltern, das ihnen fremd geworden ist und wo sie sich nicht wohl fühlten. Hier, im Auerhaus, sind sie frei und erwachsen. Sie sind nicht jene Oberschüler, die sich auf das Abitur vorbereiten und ihr Leben ausschließlich danach ordnen, ob etwa in der Prüfung drankommen kann oder nicht.

Es ist der "Sommer ihres Lebens", und sie reden um Frieders Leben. Sie sind bereits über die Schwelle des Erwachsen-Seins hinübergetreten und müssen noch so viel für sich klären. Frieder und seine Freunde sind wie eine Familie. Sie radeln zusammen zur Schule. Im Winter legen sie Orangenschalen auf den Herd, um zu baden muss eine Wanne in der Küche mit Wasser gefüllt werden, bis der Wasserdampf an den Fensterscheiben perlt. Und die WG wächst, um den schwulen Elektrikerlehrling Harry, der eines Tages einfach in der Küche saß und kiffte, oder um die wunderschöne Brandstifterin Pauline mit der Glatze, die Frieder in der Psychiatrie kennen lernte und für die Emotionen nichts sind als eine Frage des richtigen Hormoncocktails. Das Dorf, die Hühner, der Weihnachtsbaum, Berlin und Musterung, Klauen, Trampen, Vera - Fragen, Entscheidungen und Abenteuer vermengen sich, müssen entschieden werden, nicht verhandelt. Es muss weitergehen.

Nach und nach lässt die dringende Angst, dass Frieder sich umbringen könnte, nach. Auch wenn noch immer nicht alles gefestigt ist, scheinen die Freunde zu merken, dass sie wachsen. Man kann das Buch nur verschlingen, bis die sich auftürmende Welle in der Furore um die Sylvesternacht bricht, ausrollt, schäumt. Boom Boom. Es ist eine einfache Geschichte, die unendlich kompliziert ist – als müsse man versuchen, das Leben zu verstehen, zu entwirren und zu entscheiden. In der Präzision und Knappheit der Beschreibungen birgt sich eine ganz besondere Erkenntnis.

Bov Bjerg zeigt, dass nicht viele Worte fallen müssen, um eine eindrucksvolle Geschichte mit interessanten Charakteren zu schildern, sondern nur die richtigen an der richtigen Stelle. Nach dem Studium der Linguistik, Politik- und Literaturwissenschaft in Berlin und Amsterdam absolvierte Bjerg das Deutsche Literaturinstitut Leipzig. Er ist Begründer verschiedener Lesebühnen und hat bereits für verschiedene Zeitungen bzw. Zeitschriften geschrieben. 2004 gewann er mit seiner Kurgeschichte Howyadoin mehrere Preise und 2008 erschien sein erster Roman, Deadline. Auerhaus ist sein zweiter Roman, der in verblüffend hübscher Aufmachung und mit fabelhaftem Inhalt besticht. Das Buch ist nicht nüchtern, sondern anrührend. Dabei ist es wunderbar, dass das Buch jeden Leser ansprechen kann, Birth, School, Work, Death – die Kette der Reflektionen richtet sich an alle.

Man will nicht in einer Welt leben müssen, in der Leute wie Frieder nicht mehr leben wollen. Man bangt um den Jugendlichen, der "Bauer" genannt wird, aber keiner sein kann. Als Leser fühlt man sich wie ein Mitbewohner dieses Hauses, einsam im Leben vielleicht, doch gleichzeitig willkommen und frei. Man muss nur die Orientierung finden.
Oder die Axt.

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Letzte Kommentare:
22.08.2018 13:01:54
Sandra

Ich habe mich bis zum Schluss gefragt, worum es in diesem Roman eigentlich geht. Man erfährt nicht mal, wie der Ich-Erzähler eigentlich richtig heißt. Alles in allem hat es mich zwar unterhalten, aber den Hype, der darum gemacht wird, kann ich nicht nachvollziehen. Es ist ein zwar gutes, jedoch auch merkwürdiges Buch.

25.10.2015 09:01:24
walli007

Madness

Er hat es getan, er hat den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz umgehauen. Mit seinen Freunden wohnt er im Auerhaus, gerade 18 geworden haben sie im Haus seiner Großeltern eine WG gegründet. Sie sind nicht einfach so ausgezogen, sondern sie sind mit Frieder zusammengezogen, der nach einem Selbstmordversuch nicht mehr in der Klinik bleiben muss, aber auch nicht alleine sein soll und nicht bei seinen Eltern wohnen möchte. Und nun erleben sie die erste Freiheit in der eigenen WG, immer sturmfrei. Und doch müssen sie ihren Alltag organisieren. Und immer sitzt ihnen die Angst im Nacken, dass Frieder es wieder versuchen könnte. Er hat niemandem etwas versprochen.

Höppner, der mit Frieder seit der neunten irgendwie befreundet ist, erzählt von der Sache mit Frieder und vom Auerhaus, das einer so nennt, weil er das Lied nicht kennt. „Our House“ aus der Zeit als sie gerade volljährig waren. Die Zeit des Abiturs, in der sie unter den doch besonderen Umständen in einer Schüler-WG wohnten und so für Gesprächsstoff im Dorf sorgten. Sie traten aus der Zeit ins Auerhaus. In eine Zeit, die ewig dauert und doch schnell vergeht. Und so richtig erwachsen sind sie nicht, angefangen bei der unorthodoxen Art des Einkaufens über die ausufernden Feten bis zu unheimlichen Begegnungen mit der Polizei.

In Erinnerungen schwelgend an die eigene Jugend liest man vom Auerhaus, man entdeckt Ähnlichkeiten und auch Unterschiede. Die Feiern, der Gedanke, endlich erwachsen zu sein, der sich erstmal als Irrtum erweist. Eine tragische Freundschaft, eine erste bewusste Begegnung mit dem Tod, die deutlich macht, dass ein Leben irgendwann für immer endgültig vorbei sein kann. Ohne groß darüber zu reden, nehmen sie Frieder in die Mitte und erleben vielleicht ein Jahr, das immer in Erinnerung bleiben wird. Ein Jahr, das in Wirklichkeit ziemlich chaotisch war, in dem sie über die Stränge schlugen. Ein Jahr, das in der Erinnerung das beste ihres Lebens war, in dem sie unschlagbar waren und unsterblich. Ein Jahr, das man auch als Leser nicht so schnell vergessen wird.

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