Der Wächter von Pankow

Erschienen: Januar 2000

Couch-Wertung:

75
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Kathrin Plett
Früher, heute, morgen: Berliner Erinnerungen und Betrachtungen

Buch-Rezension von Kathrin Plett Aug 2015

Irgendwann stellt man fest, dass Ereignisse, die gefühlt eigentlich noch gar nicht so lange zurückliegen, Kindern oder sogar Jugendlichen wie aus der Steinzeit vorkommen. Erst ist es vielleicht nur die Musikgruppe, die gerade noch angesagt war oder eine Serie, die gerne gesehen wurde und nun nur noch Fragezeichen in den Augen der Jüngeren hervorruft. Wenn einem das eigene Leben irgendwann selbst unwirklich und wie ein Film mit immer größer werdenden Lücken vorkommt, kann das ein deutliches Zeichen sein, dass man doch schon eine ganze Zeit auf der Erde verweilt...

Sich "die letzten Jahre [s]eines Lebens damit verbringen, [sich] die ersten 30 Jahre als Film anzusehen", so lautet der Wunsch des Erzählers aus Jochen Schmidts Titelgeschichte. Denn was ist aus all dem geworden, was damals so wichtig war? Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben? Wie wirken ehemals große Ereignisse mit einer gewissen zeitlichen Distanz betrachtet? Dieser und weiterer Fragen geht Jochen Schmidt in seinem Roman Der Wächter von Pankow nach, in dem er verschiedene Episoden seines Lebens rückschauend betrachtet und kommentiert und ganz neue Sichtweisen einbringt.

Jochen Schmidt wurde 1970 in Berlin geboren und studiert dort Informatik, Germanistik und Romanistik. Im Rahmen seines Studiums hat er sich in Brest, Valencia, Rom, New York und Moskau aufgehalten; daneben arbeitete er als Übersetzer für Französisch und Katalanisch. Er hat einen Roman und verschiedene Erzählungen veröffentlicht und erhielt mehrere Auszeichnungen für seine Werke.

Wirklich schade, dass so viele Erinnerungen verloren gehen. So vieles um uns herum geschieht, doch zahlreiche Ereignisse im eigenen Leben gehen oft mehr oder weniger unter. Spätestens nach fünf oder zehn Jahren erinnert sich kaum noch einer daran, womit wir uns früher beschäftigt haben, was uns oder die Welt bewegte. Jochen Schmidt blickt in seinem Roman zurück und kramt genau diese vielen kleinen Episoden im Leben wieder hervor. Als Ost-Berliner liegt ein besonderer Schwerpunkt seiner Betrachtungen natürlich auf der Wiedervereinigung und die durch sie entstandenen Veränderungen. Ob es um Berliner Plattenbau geht, um Briefmarkensammlungen aus Israel oder Schlagzeilen aus drei Jahren FAZ ironisch zitiert werden, Jochen Schmidt schaut genau hin und daher fallen im Kleinigkeiten auf, die ansonsten im Alltagseinerlei spurlos verschwinden würden. Die Nachricht vom 6.3.2012 beispielsweise, in der es in der FAZ heißt, dass wegen des Waffenembargos gegen Weißrussland 30.000 Schuss deutsche Wettkampfmunition nicht an die dortigen Biathleten geliefert werden dürfen, entfaltet erst bei ihm ihre Skurilität. Als bloße Nachricht wird ihr kaum jemand höhere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Das Entdecken gerade dieser Kleinigkeiten ist es, die Schmidts Roman ausmachen. Da wundert es dann auch nicht mehr, dass er sich die ersten 30 Jahre seines Lebens gerne noch einmal als Film ansehen wollen würde. Denn da gibt es sicher noch so einiges, dass im verborgenen schlummert und nur darauf wartet, von Schmidt hervorgeholt zu werden um endlich auch einmal in den Mittelpunkt gerückt zu werden!

Durch seine sprachliche Genauigkeit und seinen trockenen Humor ist dem Berliner ein lesenswerter Roman gelungen, der Geschichte einmal aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Hier sind es nicht die großen Politiker, an die sich erinnert wird, sondern die vielen kleinen Details, die tief verborgen in den Erinnerungen schlummern.

Der Wächter von Pankow

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