Eine Tonne für Frau Scholz

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Verbrecher, 2014, Seiten: 220, Originalsprache

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85

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Rita Dell'Agnese
Feinsinnige Betrachtungen einer Familie, die in Schieflage gerät

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2015

Es beginnt ganz harmlos. Nina Krone lebt in einem alten Mietshaus in Berlin, in dem es noch keine Zentralheizung gibt und in dem man auch allerlei vom Leben der anderen Hausbewohner mitbekommt. Besonders Frau Scholz, die niemandem ein freundliches Wort gönnt, geht Nina auf den Geist. Aus einem Moment des Überdrusses heraus, stellt Nina der Nachbarin einen Eimer voller Kohlen vor die Türe – gleichermaßen Provokation wie auch unbewusst der Wunsch, dem offen zur Schau getragenen Leiden von Frau Scholz etwas entgegen zu halten. Tatsächlich reagiert Frau Scholz zunächst bissig auf die unerwartete Hilfe. Und doch schimmert gleich schon eine ungewohnte Menschlichkeit durch die harsche Reaktion. Nina ist fasziniert und beginnt, sich näher mit Frau Scholz zu befassen. Allerdings gibt es da einige Sachen, die Nina selber zu schaffen machen. Ihre Familie scheint gerade in eine Art Schieflage zu geraten. Sohn Rafi geht mit seinem Lebenspartner einen Weg, mit dem Nina sich schwerer tut, als sie es sich zugestehen will. Probleme bereitet ihr aber auch Tochter Ella, die bereit ist, für ihre berufliche Entwicklung alles zu tun. Nina sieht, wie Ella immer wieder falschen Hoffnungen hinterher rennt und wünschte sich, ihr die Augen öffnen zu können. Da ist aber auch noch der Job, der Nina Kummer bereitet. In alle diesem Wirrwarr ist die entstehende Freundschaft zur Nachbarin ein Strohhalm.

Autorin Sarah Schmidt hat ein gutes Händchen, was die Ausgestaltung der Charaktere betrifft. Sie zeichnet ihre Figuren so, dass sie dem Alltag entnommen zu sein scheinen. Jeder Einzelne hat verschiedene Facetten, wenn sich auch die Autorin für die Geschichte auf die eine oder andere Eigenschaft besonders konzentriert. Ausgenommen ist Nina. Bei ihr springt Sarah Schmidt mit einer unglaublichen Leichtigkeit von Charaktereigenschaft zu Charaktereigenschaft, lässt sie mal so reagieren, mal anders, zeigt ihre Ängste, Hoffnungen, Betrachtungen und eine unerwartete Weisheit auf. Gleich zu Beginn wächst Nina dem Leser auf eine ganz eigene Art ans Herz. Sie wird nicht als die große Heldin wahrgenommen, sondern als eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, noch etwas der Hippie-Kultur verbunden ist und erstaunliche Züge von "Nichtangepasstheit" aufweist. Diese facettenreiche Figur, in Zusammenhang mit den anderen Figuren gestellt, macht den Roman zu einem besonderen Erlebnis. Es wird dem Leser allerdings erst nach und nach bewusst, dass Nina nicht etwa, die junge, unkonventionelle Frau ist, die in einem Mietshaus voller älterer Leute lebt – sondern selber zur Generationen der Reiferen gehört. Obwohl klar als gereifte Persönlichkeit deklariert – immerhin hat Nina zwei erwachsene Kinder – scheint die Protagonistin durch die Erzählungen immer wieder wesentlich jünger und aufmüpfiger.

Sarah Schmidts Erzählstil ist erfrischend und leicht. Es gibt dem Roman das nötige Tempo, um trotz der manchmal etwas lang geratenen Betrachtungen Ninas nie den Eindruck zu bekommen, dass die Geschichte nun ins Stocken gerät. Das Augenzwinkern an der einen Stelle, der leicht schwarze Humor an anderer Stelle tun ihr Übriges, um den Leser zum Schmunzeln zu bringen und ihn an den Betrachtungen der Protagonistin über ihre Umwelt teilhaben zu lassen. Eine Umwelt, die auch für Nichtberliner lebendig und glaubwürdig geschildert wird. Wer gar die geschilderte Umgebung aus eigener Erfahrung kennt, wird sich plötzlich als ein Teil des maroden Mietshauses verstehen, wird die Nachbarn so dicht spüren, als würde man Wand an Wand leben. Dies alles ist der hervorragenden Beobachtung der Autorin geschuldet, die vor dem geistigen Auge der Leserschaft eine Welt entstehen lässt, wie man sie auch in der Realität finden könnte.

Es mag sein, dass Sarah Schmidt etwas leichtherzig, oder gar leichtfertig, mit Reizthemen spielt. Ob es nun um die Elternschaft eines schwulen Liebespaares geht, um den Joint, der den Alltag bereichert oder die berufliche "Prostitution" einer jungen Frau, die wieder und wieder einer Illusion nachläuft: Vieles wird zwar sichtbar gemacht , kurz angesprochen, dann aber nicht weiter ausgeführt. Damit bleibt der Roman zwar eher an der Oberfläche, aber er behält seine Leichtigkeit, die eine Lektüre in einem Straßencafé, an einem trägen Sommertag am Strand oder an einem verregneten Abend eingemummelt in eine wärmende Decke zu einem Leckerbissen macht.

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