Gehe hin, stelle einen Wächter

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2015, Seiten: 1, Übersetzt: Nina Hoss, Bemerkung: ungekürzte Lesung

Couch-Wertung:

82

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Sebastian Riemann
Atticus aktuell, der Sensationsfund bei Harper Lee

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Aug 2015

Jean Louise besucht ihre Heimatstadt Maycomb in Alabama, tief im Süden der Vereinigten Staaten, und hat viel Lust auf ein Wiedersehen mit Freunden und Familie. Sie lebt im Norden, in der kosmopolitischen Metropole New York, in der die Zukunft des Landes gestaltet, neue Ideen entwickelt werden und alle möglichen Menschen zusammen leben. Als junge Frau hat sie schnell das Leben der Großstadt in sich aufgenommen und sich angepasst, da wundert es nicht, dass sie bei der Rückkehr in den provinziellen Süden ein paar Überraschungen erlebt. Schließlich hat sie sich eine neue Lebensweise und Weltsicht zu eigen gemacht. Der Süden hingegen verharrt in Traditionen und alten Gewohnheiten, bis heute.

Harper Lee ist die Autorin des Weltbestsellers Wer die Nachtigall stört (To Kill a Mockingbird), welcher bisher als ihr einziges Buch galt und ihr Ruhm und Ehre einbrachte. Es ist ein legendäres Buch mit großem Einfluss, wurde in nahezu alle Sprachen übersetzt, mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und in mehr als 30 Millionen Kopien verkauft. Die Nachtigall ist Weltliteratur. Es handelt von der jungen Jean Louise, ihrer Kindheit in Maycomb und ihrem Vater, dem Anwalt Atticus, welcher einen Afroamerikaner vor Gericht vertritt. Der nun erschienene Roman Gehe hin, stelle einen Wächter wurde früher geschrieben, von den Lektoren jedoch zurückgewiesen, mit dem Vorschlag über die Kindheit der Protagonistin zu schreiben, was Lee sich zu Herzen nahm und die Nachtigall produzierte, während ihr erster Roman ins ewige Abseits trat. Der Wächter spielt später, Jean Louise ist erwachsen, hat ihr eigenes Leben in New York, und zeigt einen anderen Atticus Fitch.

Zuerst findet Jean Louise alles so vor, wie sie es verlassen und in Erinnerung hat. Ihr alter Freund und potentieller zukünftiger Gatte Henry, genannt Hank, empfängt sie herzlich, sie necken sich ein wenig und alles ist, so wie es immer in Maycomb war. Daheim wartet die Tante, die Atticus im Haushalt hilft und sich die Zeit mit Tratsch und Klatsch vertreibt. Am Abend gehen Jean Louise und Hank zum Fluss, necken sich wieder und fallen gemeinsam ins Wasser, was nicht ungesehen geschieht und sofort für Aufsehen in der Kleinstadt sorgt. Es geht das Gerücht um, die beiden hätten nackt gebadet. Äußerst unanständig das Verhalten dieses Mädchens aus New York, welches sich nicht an Moral und Anstand orientiert, sondern nur an ihrem Vergnügen. Die Tante ist natürlich schockiert, der gute Ruf des Hauses steht auf dem Spiel. Jean Louise hat jedoch nur ein Lachen übrig für solche provinziellen Skandale. Nichts hat sich geändert in der Idylle der Heimatstadt, da ist sich die junge Dame sicher und kann sich sogar über die Gerüchte erfreuen.

Jean Louises Vater leidet zwar zunehmend unter den Erscheinungen des Alters, ist jedoch noch immer der respektierte und geachtete Vorzeigebürger der Stadt, scheinbar makellos und unfehlbar. Er ist nicht nur der Vater Jean Louises, sondern auch Vaterfigur für viele andere Personen; Hank verehrt ihn, da er ihm bei der beruflichen Laufbahn sehr behilflich ist und ihm nützliche Hinweise gibt, die auch über die Tätigkeit des Anwalts hinausgehen, außerdem genießt Atticus als bewährter Anwalt großes Ansehen bei allen wichtigen Vertretern der Stadt. Doch letztlich wird er von niemandem so angehimmelt wie von seiner Tochter, die in ihm ein Vorbild sondergleichen sieht. Er ist ihr Leitbild in allen Angelegenheiten des Lebens, bevor sie eine Entscheidung trifft, fragt sie sich, wie wohl Atticus handeln würde.

Die Idylle Maycombs zerbricht jedoch in dem Moment, da Jean Louise vom Bürgerrat der Stadt erfährt, einer Vereinigung, die dem Ku-Klux-Klan nahesteht, für die Rassentrennung einsteht und die weiße Rasse als überlegen ansieht. Eine weit verbreitete Erscheinung in jener Zeit, da die Bürgerrechtsbewegung und neue Gesetze aus dem Norden des Landes die Zustände im Süden in Frage stellen und das Gleichgewicht der Gesellschaft bedrohen. Bisher feste Zugehörigkeiten wurden aufgebrochen, die Harmonie zerbricht, da Rassen und Klassen sich neu positionieren müssen. Viele wollen dieser Entwicklung entgegenwirken und organisieren sich in Bürgerräten, um das Alte, das Bestehende zu bewahren. Jean Louise ist jedoch nicht nur von der Existenz eines solchen Rates bestürzt, sondern von der Tatsache, dass Hank und Atticus an einem Treffen teilnehmen.

Es brechen zwei Konflikte auf. Zum einen wird das Verhältnis von Tochter und Vater in Frage gestellt, da der Vater sich anders verhält, als es die Tochter erwartet, und seine Vorbildrolle einbüßt, zum anderen treffen die Ansichten des liberalen Nordens auf alt-koloniale Vorstellungen des Südens. Familie und Gesellschaft werden dabei miteinander verwoben, so wie es nicht anders zu erwarten ist. Für Jean Louise bricht eine Welt zusammen, die ihr als selbstverständlich erschien.

Der Roman ist noch immer aktuell, nicht weil er mit visionärer Hand geschrieben wurde, sondern aufgrund der noch unverändert herrschenden Mentalität in vielen Regionen der Südstaaten der USA. Die letzten Monate zeigten die Aktualität des Rassismusproblems: in Ferguson und Charleston, zuletzt bei der längst überfälligen Einholung der Fahne der Konföderierten in South Carolina, bei der sich auch protestierende Mitglieder des Ku-Klux-Klans zeigten. Gehe hin, stelle einen Wächter liest sich vor diesem Hintergrund nicht wie ein Zeugnis vergangener Tage, sondern wie eine historische Darstellung des aktuellen Problems. Der Konflikt von heute, es gibt ihn schon so lange.

Der neue, alte Roman von Harper Lee ist nicht nur eine Sensation, da er scheinbar aus dem Nichts auftauchte, sondern auch aufgrund der problematischen Rolle des Atticus, der seine Vorbildrolle für seine Tochter und Leserschaft verliert. Liebhaber des Klassikers werden sich wundern und vielleicht enttäuscht sein, ganz wie Jean Louise, aber letztlich ist das Buch ein interessanter Beitrag zur aktuellen amerikanischen Geschichte und ihren Wurzeln, auch wenn die Frage des Rassismus ein wenig in der Luft hängen bleibt am Ende der Geschichte. Literarisch interessant ist es zudem, den Vorgänger der Nachtigall zu lesen und die Veränderungen zu sehen.

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Letzte Kommentare:
05.01.2016 10:31:49
walli007

Scout heißt jetzt Jean Louise

Wie in jedem Sommer seit sie in New York lebt fährt Jean Louise zurück nach Maycomb, um ihren Vater und den Rest der Familie zu besuchen. Ihr geliebter Bruder Jem ist leider viel zu früh verstorben und ihr Jugendfreund Dill ist in Europa. Und so ist einiges anders in der Heimat, doch die 26-jährige freut sich auf den Besuch. Besonders auf ihren Vater, der in ihren Augen nichts falsch machen kann. Zwar nervt Tante Alexandra ein wenig, weil sie Jean Louise in das enge Kleinstadtleben einbinden will. Aber es ist Sommer, bis zu dem Tag als Jean Louise mitbekommt, dass ihr Vater im Bürgerrat ist.

Die Südstaaten Amerikas mit ihrer speziellen Apartheitsproblematik werden hier von der durch „Wer die Nachtigall stört“ weltbekannten Schriftstellerin Harper Lee thematisiert. Nach Presseverlautbarungen wurde das vorliegende Buch bereits vor ihrem Mega-Seller geschrieben, von den Verlagen allerdings zurückgewiesen. Nun sind wir alle an die irgendwie heile Kinderwelt Scouts gewöhnt und gerade von dieser Kinderwelt muss man sich im Laufe der Lektüre dieses neuen älteren Romans verabschieden. Jean Louise steht mit beiden Beinen im Leben, sie hat eine Arbeitsstelle in New York, sie ist die freiheitliche Gleichheit der Stadt gewöhnt und auch deren Gleichgültigkeit vermeintlichen Unterschieden gegenüber. Und so wirkt die jährliche Rückkehr nach Maycomb wie ein Rückschritt. Dennoch genießt ihr Vater in den Augen der Tochter höchstes Ansehen, einen Vorbildstatus, dem ein Mensch nur schwer gerecht werden kann. Das Entsetzen über das Verhalten des geliebten Vaters spürt man beim Lesen fast am eigenen Leib. Der Sockel wankt, es ist wie ein jähes Erwachen. Scout muss erwachsen werden und sich eingestehen, dass das Denken des Vaters nicht immer der Weisheit letzter Schluss ist. Eine Ablösung, die auch ein Aufbruch sein kann.

Auch wenn dem Buch der süße Schmelz aus Scouts Kindertagen meist fehlt und nur hin und wieder in Erinnerungen aufblitzt, ist dieser Roman doch außerordentlich gelungen im Hinblick einer Ablösung der Tochter von ihrem Übervater und im Erklärungsversuch der Verlustangst der Südstaatler, welche sie so gegen logische Neuerungen eingestellt erscheinen lässt. Jean Louises Plädoyer für die Gleichheit ohne Gleichmacherei überzeugt. Sie emanzipiert sich von der althergebrachten Denkweise, letztlich ohne ihren Vater zu verlieren. Vielleicht hat sie ihn sogar gewonnen. Man könnte sich wünschen, es wäre möglich zu erfahren, was sie aus ihrem Aufbruch gemacht hat.

03.08.2015 21:00:46
knideu

Eigentlich ist der fabelhaften Rezension von Herrn Riemann nichts mehr hinzu zu fügen. Ich habe mich sehr lange über die Nachricht, es gebe einen zweiten Teil des Klassikers, Wer die Nachtigall stört, gefreut, das Erscheinen dieses Buches dann sehr sehnlich erwartet und wurde nicht enttäuscht.
Dass mein verehrter Atticus im "Wächter" plötzlich eine charakterliche Kehrtwendung vollziehen soll, hat mich sehr geschockt. Allerdings habe ich mich trotz allem am dem Ende des Buches mit ihm versöhnt.
Ein wunderbares Buch, nicht nur über die politische Geschichte Amerikas, sondern über die Abnabelung einer inzwischen erwachsenen Scout von ihrem über alle Maßen verehrten Vater.

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