Baba Dunjas letzte Liebe

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Bochum: Roof Music, 2015, Übersetzt: Sophie Rois

Couch-Wertung:

85

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Kathrin Plett
Zurück nach Tschernobyl: Neue alte Heimat im Sperrgebiet

Buch-Rezension von Kathrin Plett Jul 2015

Tschernobyl, ein Wort beziehungsweise Name, der von den meisten wohl mit dem Super-GAU des Atomkraftwerks von 1986 in der Ukraine in Verbindung gebracht wird. Noch heute ist das Gebiet 30 km rund um den Reaktor Sperrgebiet. Die evakuierte Zone dient dazu, ehemals dort ansässige Menschen vor dem radioaktiven Fallout zu schützen. Wurden zunächst nur etwa 116.000 Menschen umgesiedelt, wuchs ihre Zahl in den Folgejahren auf circa 350.000 Menschen an. Insgesamt waren circa 200 Dörfer betroffen. Damit keiner illegal in das gesperrte Gebiet einreist, wird es von der ukrainischen Miliz bewacht. Wobei es eigentlich kaum vorstellbar ist, dass jemand freiwillig auf die Idee kommen könnte, den lebensgefährlichen Bereich zu betreten. Oder etwa doch?

Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Sie ist alt und fürchtet sich nicht vor den Folgen, die die strahlende Umwelt auf dem menschlichen Körper hat. Kraft geben ihr vor allem die Briefe, die sie von ihrer in Deutschland lebenden Tochter bekommt, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. Mit Gleichgesinnten ist Baba Dunja in ihre ehemalige Heimat zurückgekehrt, auch wenn das Leben weit ab der Zivilisation und in der Abgeschiedenheit beschwerlich ist. Sie lebt in einer Geisterstadt, die vor allem durch ihre verlassenen Häuser und Geschäfte geprägt ist. Immerhin: Bei all den leerstehenden Häusern besteht freie Wohnungsauswahl, denn kaum ein ehemaliger Besitzer ist in die verstrahlte Gegend zurückgekehrt. Jeder kennt jeden, denn die Anzahl der Nachbarn ist begrenzt. Neben Baba Dunja gibt es noch den sterbenskranken Petrov, der in der Hängematte liegt und Liebesbriefe liest, die Melkerin Marja oder auch den hundertjährigen Sidorow. All diejenigen, die mit ihrem Leben abgeschlossen und nichts mehr zu verlieren haben. Als Fremde ins Dorf kommen wird das Leben durch einen Mordfall erschüttert.

Alina Bronsky, geboren 1978 in Jekaterinburg/Russland, lebt seit Anfang der 90er-Jahre in Deutschland. Ihr Debütroman Scherbenpark wurde zum Bestseller, ist inzwischen beliebte Lektüre im Deutschunterricht und wurde fürs Kino verfilmt. Ihr Romane wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie lebt in Berlin.

Das Sperrgebiet um den havarierten Atomreaktor in Tschernobyl gehört nicht gerade zu den Bereichen, die von den meisten Menschen freiwillig betreten werden. Die Vorstellung dort dauerhaft zu wohnen wird somit unter normalen Umständen unvorstellbar sein. Nicht so für Baba Dunja. Sie ist freiwillig zurückgekehrt, baut dort ihr Obst und Gemüse an, holt ihr Wasser aus dem Brunnen und freut sich an guten Tagen über Strom. Selbst den Spinnen ist die Verstrahlung anzumerken, weben sie doch wie verrückt und nicht mit gewöhnlichen Spinnen vergleichbar. Doch Alina Bronskys Protagonistin stört das wenig. Sie ist glücklich, weit ab vom hektischen Leben ungestört ihrem Alltag nachgehen zu können. Einfühlsam und herzlich erzählt Bronsky aus der Perspektive der alten Dame deren Sicht der Dinge, die des öfteren doch sehr skurril ausfallen kann. Baba Dunja betrachtet ihr Leben und ihre kleine Welt vor allem aus praktischen Gesichtspunkten und sieht auch ihr eigenes Dasein eher nüchtern und trocken:

 

"Ich liege bis zum Morgengrauen wach und rede meinem Herzen gut zu. Die Unruhe lässt nicht nach. Ich höre meinen eigenen Atem, er kommt schwerfällig und pfeifend. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber in solchen Momenten , wenn mich die Ruhe verlässt, erinnere ich mich wieder daran, wie es ist, Angst zu haben. Nicht um die Kinder, sondern um mich selbst. Es ist dumm, sich an einen Körper zu klammern, der schon alles hinter sich hat. Aber diese Sekunden zeigen mir, dass ich noch nicht so weit bin, wie ich gedacht habe. Es gibt immer noch Dinge, die geregelt werden wollen."

 

Humorvoll beschreibt Bronsky das Leben im Dorf mit seinen liebenswerten Bewohnern, sodass es nicht schwerfällt ganz in Baba Dunjas Welt einzutauchen und mit ihr die Höhen und Tiefen des Alltags im Sperrgebiet mitzuerleben.

Alles in allem ein lesenswerter und unterhaltsamer Roman, der sowohl erzählerisch wie auch thematisch auf ganzer Linie überzeugen kann!

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Letzte Kommentare:
02.09.2015 16:09:59
Danion

"Baba Dunjas letzte Liebe" ist ein Buch, das schon mit den ersten Worten und Sätzen an sich fesselt: humorvoll, lustig und zugleich irgendwie traurig, sogar tragisch. Die Geschichte einer Frau, die mittlerweile über 80 ist und die sich von nichts und niemandem einschüchtern lässt. Eine Frau, die nach dem Atomkraftwerkunfall nicht lange in der Evakuierung bleibt und als erste in ihr Haus in einem abgelegenen Dorf zurückkehrt. Die Frau, die durch ihre Erfahrungen und Autorität zur heimlichen Oberbürgermeisterin des Dorfes ausgewählt wird und auf deren Rat sich jeder verlassen kann.
Es ist die Geschichte einer Frau, die in einem Geisterdorf in der „Todeszone“ Geister der Verstorbenen sieht, mit dem Geist ihres Mannes spricht und sich mit ihm berät.
Ein Schmunzeln im Gesicht zaubern die sehr bildhaften Beschreibungen der restlichen Dorfbewohner, vor allem der Nachbarin Marja, die mit ihrem Hahn Konstantin lebt, in dem sie den Ersatz eines Mannes sieht, und mit einer Ziege, die gerne fernsieht und im Bett von Marja schläft. Nicht weniger lustig erscheint der Heiratsantrag eines uralten Mannes, der nicht gerne kocht und nun eine Frau sucht, die für ihn die Hausarbeiten erledigen würde.
Tragisch sind dagegen die Tatsachen, die nebenbei erwähnt werden. Zum Beispiel dass die Leute aus dem Dorf nicht im Nachbarort begraben werden dürfen, weil die Bewohner dort Angst vor der Strahlung haben. Oder auch die Tragödie in der Familie der Baba Dunjas Tochter Irina, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, die nun getrennt von ihrem Mann ist und keinen Kontakt mehr zur eigenen Tochter hat.
Es gibt viele Episoden, die auch bei mir viel Nostalgie hervorgerufen hatten: z.B. die Geschichte mit den Pralinen zum Neujahr, die noch ein Dreivierteljahr gegessen und die Verpackungen gesammelt wurden. So ähnlich sah es auch in meiner Familie vor 20 Jahren aus. Und allgemein erinnern mich viele Beschreibungen an die aktuellen Zustände in den meisten Dörfern der ehemaligen Sowjetunion, wo das Leben auch heute so läuft, wie es von Alina Bronsky beschrieben wird.
Die einzigen 2 Momente, die mich im Buch nicht überzeugt bzw. ein wenig enttäuscht hatten, waren die Geschichte mit der Baba Dunjas Enkelin (ich hätte mir gewünscht, dass sie sich doch noch ein bisschen entwickeln würde oder zumindest aufzeigen, dass eine Entwicklung kommt – sonst klingt das Ende sehr abrupt, als hätte die Autorin am Ende keine Lust mehr zu schreiben). Die andere Sache – die Geschichte mit einem Mann und seiner Tochter, die ins Dorf kommen. Ich hätte mir gewünscht, dass auch diese Geschichte ein bisschen mehr Bezug zu den anderen Protagonisten hätte. Nicht dass sie plötzlich im Dorf erscheinen und nach dem Ermordung des Mannes zu Ende ist. Man hätte auch schreiben können, was aus diesem Mädchen geworden war oder sie sogar in die Verbindung mit der Baba Dunjas Enkelin setzen. Irgendwas, was die ganze Sache etwas runder gemacht hätte.
Die Sprache ist sehr schön, wodurch das Buch sich ganz leicht und schnell liest, sehr authentisch und lebhaft.
In einem Satz: ein wunderschönes und lesenswertes Buch!

17.08.2015 23:54:35
Nuigurumi

Die ehemalige Krankenschwester Dunja ist zurück in ihr altes Dorf bei Tschernobyl gezogen. Natürlich ist es sehr einsam, da nur ein paar alte Leute zurückgekehrt sind. Dunjas Tochter lebt in Deutschland, die Enkelin hat sie noch nie gesehen. Gleich im ersten Absatz steht ein Satz, der für mich den Ton dieses Buches festlegt und sehr viel über Baba Dunja aussagt. Über den verrückten Hahn ihrer Nachbarin sagt sie: "Ich glaube nicht, dass es mit der Strahlung zu tun hat. Man kann sie nicht für alles, was blöd zur Welt kommt, verantwortlich machen."

So ist Baba Dunja. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund; gleichzeitig ist sie aber warmherzig, hilfsbereit und vermisst ihre Familie sehr. Von ihrem Sohn ist sie entfremdet, der Tochter schreibt sie regelmäßig Briefe und bekommt von ihr Päckchen mit Dingen, die sie nicht unbedingt braucht. Von der Enkelin kommt einmal ein Brief, den Baba Dunja nicht lesen kann, da er nicht auf Russisch ist…

Das Handlung spielt im Sommer und die Atmosphäre ist besonders, da einerseits die ländliche Idylle beschrieben wird, man andererseits aber ständig im Hinterkopf hat, wo dieses Dorf liegt… Die Dorfbewohner sind auf sich gestellt, da sie in der Todeszone wohnen, die nicht betreten werden darf und in der offiziell niemand wohnt. Post gibt es keine, wie lange es noch Strom gibt, weiß niemand. Eines Tages kommt ein Fremder mit seiner Tochter ins Dorf. Es passiert etwas, das für das Leben aller Dorfbewohner schwerwiegende Folgen hat, vor allem für Baba Dunjas.

"Baba Dunjas letzte Liebe" ist ein schmales Büchlein von 160 Seiten. Am Anfang liest es sich wie ein normaler Roman, aber im letzten Drittel rutscht es leider in eine zu lang geratene Kurzgeschichte ab. Das Buch ist wunderschön geschrieben, so dass man am liebsten sofort losfahren und auch in Baba Dunjas Dorf leben möchte. Die Personen sind schrullig und liebenswert zugleich und für mich hätte es noch ein paar hundert Seiten so weitergehen können. Doch nach dem Vorfall mit dem Fremden im Dorf ändert sich alles: neue Personen kommen dazu, über die der Leser nicht viel erfährt, und die Handlung wirkt abgehackt und hektisch.

Am Ende bleiben so viele Fragen offen und über so viele Personen hätte man gerne viel mehr erfahren! Es ist irgendwie zu wenig für einen Roman und er endet zu abrupt. Das ist wirklich schade und ich war am Ende des Buches etwas enttäuscht, da ich gehofft hatte, die Leichtigkeit des Anfangs würde wiederkommen - was sie aber nicht tat – und dass das die Handlung mehr in sich abgeschlossen sein würde.