Siebentürmeviertel

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015, Seiten: 800, Originalsprache

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Almut Oetjen
Davon, Wurzeln in den Boden zu treiben

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jul 2015

Der sechsjährige Wolf begleitet seinen Vater Franz, einen prinzipientreuen Sozialdemokraten, im Jahr 1939 auf der Flucht vor den Nazis nach Istanbul. Sie wohnen bei einem Freund, Abdullah Bey, und dessen Ehefrau Bayka Hanim. Als die Gerüchte überhand nehmen, der deutsche Gast habe ein Verhältnis mit Abdullahs heiratsfähiger Tochter Derya, zieht Franz nach Ankara, um die Ehre seiner Freunde zu erhalten. Wolf lässt er bei ihnen zurück. So wächst der Junge im Siebentürmeviertel von Istanbul auf, einem Schmelztiegel, in dem Menschen verschiedener Herkunftsländer, Ethnien und Religionen auf engem Raum zusammenleben. Wolf wird als Arier und Hitlersohn bezeichnet, in widersprüchlicher Weise bewundert, verhöhnt und nicht selten Opfer verbaler und körperlicher Angriffe. Aber er sucht seinen Platz in diesem durch eine Vielzahl von Kulturen bestimmten Mikrokosmos.

Migration in zwei Richtungen

Siebentürmeviertel kann als Komplementärstück zu Zaimoglus Leyla gelesen werden. In beiden Büchern ist die Hauptfigur ein Kind, in Leyla ein Mädchen, das am Ende eine Migrationsbewegung von der Türkei nach Deutschland vollzieht, in Siebentürmeviertel ein Junge, der zu Beginn als Sechsjähriger eine solche Bewegung aus Deutschland in die Türkei vollzogen hat. Beide Romane weisen einen an der Romantik und am Märchen ausgerichteten Erzählstil auf.

Siebentürmeviertel wird von 77 Personen bevölkert, die im hilfreichen Anhang aufgeführt sind. In 99 Kapiteln breitet Zaimoglu das Leben seiner Figuren aus, das durch Traditionen, Mythen und Rituale bestimmt ist. Die Handlung erstreckt sich über die Jahre von 1939 bis 1949, in zwei Teilen mit jeweils rund 400 Seiten Umfang erzählt.

Wolf wird, nachdem sein Vater Istanbul verlassen hat, von der muslimischen Familie als Sohn angenommen und im Verlaufe eines schwierigen Prozesses heimisch. Vermutet man zu Beginn, dass Zaimoglu die Weltpolitik in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts parallel zum Mikrokosmos im Siebentürmeviertel thematisiert und Überlagerungen beider Sphären gestaltet, zeigt sich bald schon, dass die Weltpolitik zwar auf den Mikrokosmos wirkt, allein schon durch Migrationsbewegungen, dass aber eben dieser Mikrokosmos konsequent das Zentrum der Erzählung bildet und die Weltpolitik eine Randnotiz ist.

Ein wenig an einen Schelmenroman erinnern die Szenen Wolfs mit schönen Lehrerinnen und rigorosen Direktoren. Die junge Derya wird zur Feministin, setzt sich mit dem Kommunismus auseinander und entwickelt eine Haltung gegen die Traditionen, gegen das herrschende Bild und reale Verhältnis von Mann und Frau. Abdullah Beys Frau begeht Ehebruch, er aber tötet sie nicht, was in seinem Umfeld für Unverständnis sorgt. Vergewaltigungsopfer werden ebenso stigmatisiert wie Homosexuelle. Überhaupt ist Sexualität bei Zaimoglu ein wichtiges Thema. Wolfs sexuelles Erwachen und seine ersten Erfahrungen durchziehen den Roman, seine Lehrzeit der Sexualität bei erfahrenen Frauen, seine aufgeregte Unbeholfenheit bei einer Hure.

Den vordergründigen Faden bilden die neunundneunzig schönen Namen Gottes, die wie eine Perlenkette sich durch den Roman ziehen, ihm formal Struktur geben, und sich mit dem Prolog auf 100 Kapitel summieren. Die zirkuläre Wiederholung dieser Namen ist im Sufismus ein Element der Annäherung an Allah. Der Dichter Imrulqais (6. Jahrhundert) verlangt 99 Küsse "und noch einen" von seiner Geliebten. Einem überlieferten Ausspruch Mohammeds zufolge hat Allah neunundneunzig Namen, einen weniger als einhundert. Im Alten Testament ist 99 eine symbolische Zahl, 100-1 findet sich auch im Gleichnis von den 100 Schafen aus dem Neuen Testament.

Die Beschäftigung mit religiösen Wirklichkeitsvorstellungen, die wiederum die Vorstellungen vom Alltagsleben bestimmen, die Konfrontation (deutscher und türkischer) kultureller Momente im Zusammenleben, Erfahrungen des Fremdseins und des Fremden, Erfahrungen als Minderheit, von Menschen am Rand der Gesellschaft, ebenso Entwurzelung, Verlust von Heimat, Suche und Sehnsucht nach Liebe oder einer neuen Heimat, sind ein Bestandteil des Werkes von Zaimoglu. Er setzt die Sprache ins Zentrum dieses Gefüges. Seine Figuren werden über sprachliche Eigenheiten und über die vielstimmigen Dialoge mehr beschrieben als über ihr Handeln.

Siebentürmeviertel ist der zehnte Roman von Feridun Zaimoglu, wie Leyla ein Buch über eine zurückliegende Zeit. Aber wohl kein historischer Roman. Wie kaum ein anderer Schriftsteller ist Zaimoglu in der Lage, die Schönheit der deutschen Sprache in Form und Klang zu zeigen. Siebentürmeviertel ist ein Prosamärchen, wie es sie selten zu lesen gibt.
Am Ende mag man sich fragen: Worin unterscheiden sich qualitativ die Erfahrungen von Immigranten mit türkischen Wurzeln in Deutschland und Immigranten mit deutschen Wurzeln in der Türkei?

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