Unschuld

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2015, Seiten: 4, Übersetzt: Sascha Rotermund, Walter Kreye, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Almut Oetjen
Komplexe Mystery-Erzählung über Schuld und Identität

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2015

Jonathan Franzens neuer Roman, Unschuld, ein Brocken von 800+ Seiten Umfang über alltägliche Menschen im Räderwerk großer Politik und kleiner sozialer Gruppen, ist reich an Emotionen und arm an Unschuld, die hier allenfalls als Desiderat spürbar ist.

Die 23-jährige Purity Tyler, genannt Pip, wurde von ihrer Hippiemutter erzogen, ihren Vater kennt sie nicht. Mutter lebt und meditiert in Felton, nahe Santa Cruz, die Telefonate beider beschränken sich sehr auf die Hypochondrie der Mutter. Pip lebt nach ihrem Studium mit 130.000 Dollar Schulden in einer Wohngemeinschaft in Oakland.

In einem lausigen Job in dem Vermittlungsunternehmen Renewable Solutions versucht sie das Geld zu verdienen, mit dem sie diese Schulden bezahlen kann. Ihr Chef stellt ihr nach, ihr Alltag wird durch die Schulden und durch Tagträumereien bestimmt. Sie hofft, den ihr unbekannten Vater zu finden, der ihr bei der Lösung ihrer finanziellen Probleme behilflich sein könnte.

Charismatischer Ausnahmerebell mit Ego in Bestform und Harem Hochbegabter

Pip gerät unter den Einfluss der deutschen Mitbewohnerin Annagret, die Verbindungen hat zu dem bekannten und charismatischen Whistleblower Andreas Wolf aus Ostberlin. Andreas hat im bolivianischen Regenwald das Sunlight Project etabliert, eine Organisation mit einem Internetauftritt, der an Wikileaks erinnert. Annagret rekrutiert Pip just in dem Moment für das Projekt, in dem Pip in ihrem Zimmer der Wohngemeinschaft ihren potenziellen Liebhaber Jason warten lässt. Eine Selbsterniedrigung im Zusammenhang mit Maries Ehemann Stephen, einem weiteren Mitbewohner, liefert Pip den Grund für einen Ortswechsel. Sie gerät an Andreas, in der Hoffnung, er könne ihr helfen, etwas über ihren Vater zu erfahren. Andreas hat sich in Bolivien mit einem Harem unglaublich attraktiver und privilegierter Frauen umgeben, die in seinem Projekt arbeiten. Naturgemäß hat Pip nach ihrer Ankunft Minderwertigkeitskomplexe, die sich jedoch legen, als Andreas sich ihr sexuell nähert.

Der zweite Erzählstrang liefert die Geschichte von Andreas und beginnt im Ost-Berlin der 1980er Jahre. Andreas ist der Sohn eines DDR-Funktionärs und ein Rebell, seine einflussreichen Eltern schützen ihn vor der Stasi, er trifft irgendwann auf Annagret.

Der dritte Erzählstrang handelt von Leila Helou, einer populären Investigativjournalistin, Pulitzerpreisträgerin mit schönem Körper und ebensolcher Seele, und ihrem Chef Tom Aberant, die beide für das Online-Magazin Denver Independent arbeiten. Tom, der eine belastende Ehe hinter sich hat, und Leila, die mit einem Schriftsteller verheiratet ist, leben zusammen.

Unschuld besteht aus einer Reihe inhaltlich verbundener Novellen, von denen die drei ersten auf jeweils ungefähr hundert Seiten die Hauptfiguren Pip, Andreas, Tom und Leila etablieren und weit über eine Exposition hinausgehen.

Ein Dickens-Charakter auf Identitätssuche im natürlichen, urbanen und digitalen Dschungel

Der Name der Hauptfigur, Pip, ist natürlich eine Verbeugung vor Charles Dickens Hauptfigur aus Große Erwartungen. Und auch die Struktur des Romans, die Storyentwicklung, die Geheimnisse, die auf ihre Offenlegung warten, welche immer auf den optimalen Wirkungspunkt hin erfolgt, weist Nähe zum Werk des Schriftstellers auf, den Franzen zu seinen Lieblingen zählt.

Beide Romane erzählen eine Entwicklungsgeschichte. Die Hauptfigur bei Dickens ist Vollwaise, die bei Franzen hat eine Mutter, die als solche nicht aktiv ist, ihren Vater kennt sie nicht. Pip Dickens bekommt es mit dem entflohenen Sträfling Abel Magwitch zu tun, Pip Franzen mit dem gesuchten Internetaktivisten, aus Sicht mancher Leute Terroristen, Andreas Wolf. Beide sind zu Beginn der Erzählung arm und haben große Erwartungen, beide lernen eine ihnen völlig neue Welt kennen und müssen ihre moralischen Vorstellungen überdenken. Weitere Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten lassen sich finden.

Pip ist nicht unbedingt unter dem Label der starken Frau zu verbuchen, ist fallweise sicher oder unsicher, leicht zu irritieren, beizeiten auf hysterische Weise eifersüchtig. Ein Stück weit wird die Entwicklung der Handlung ermöglicht durch Momente der Orientierungslosigkeit Pips. Pip ist ein Mensch, der sein Handeln nicht ständig zu rechtfertigen versucht. Vielmehr ist sie bemüht, es sich zu erklären, um sich selbst besser verstehen zu können. Das ist einer der Gründe, warum sie eine interessante Romanfigur ist.

Die Nähe zu Dickens verkoppelt Franzen auf intelligente Weise mit zeitgenössischen Themen und Problemen, zu denen er oftmals einen moralischen oder ethischen, manche Leser mögen dies durch den Begriff "konservativen" ersetzen, Zugang sucht. Franzen befasst sich, wie auch in seinen Essays, offensichtlich gerne mit den tatsächlich beobachtbaren oder für die Zukunft erwarteten negativen Wirkungen der Verwendung neuer Technologien. Er folgt aufmerksam den Entwicklungen, kann auch mit Wikileaks und Julian Assange etwas anfangen. Bereits beim frühen Ausfüllen des Fragebogens, den Annagret Pip vorlegt, wird deutlich, dass die Praktikumsstelle nur ein Instrument ist, Mitarbeiter für ein Projekt zu rekrutieren, für das es wichtig ist, darüber Auskunft zu geben, wie verschwiegen man ist, ob man schnell jemanden verrät und weiteres. Franzens Gedanken zum Kalten Krieg und zum Eisernen Vorhang, zur DDR, Stasi und dem Fall der Mauer sind lesenswert.

Eine der Glanzleistungen des Romans besteht in der Qualität, in der Franzen die Zeitlinie in ein Zeitnetz auflöst, das bestimmt wird durch Geheimnisse und Lügen in ihren vielfältigen Erscheinungsformen menschlicher Austauschbeziehungen. Es gibt auch einen Mord und verschiedene Qualitäten von sexuellen Begegnungen, Müttern und Verdauungsbeschwerden. Und nicht nur dies liest sich wie eine Satire, eine schwarze Komödie über Menschen, die an der Gesellschaft, an der Familie und sich selbst scheitern oder zu scheitern drohen. Das Ende des Romans ist für Pip ein ernüchternder Abschluss ihrer Suche.

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