Nullnummer

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2015, Seiten: 5, Übersetzt: Felix von Manteuffel , Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Almut Oetjen
Intelligenter und gebildeter Verlierer in Verschwörungsgeschichte

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2015

Colonna, nicht abgeschlossenes Studium der Germanistik, auch sonst wenig erfolgreich, aber intelligent und gebildet, hält sich über Wasser mit Tätigkeiten wie dem Schreiben von Rezensionen, mit Manuskriptbegutachtungen und Übersetzungen. Attraktiv erscheint ihm da ein Angebot zur Mitarbeit an einer neuen Zeitung, die Domani, Morgen, heißt. Deren erste Ausgaben sind als Nullnummern geplant. Weiter soll er als Ghostwriter für den Chefredakteur Simei tätig werden. Die Zeitung gehört einem Verleger und Medienunternehmer, dem Commendatore Vimercate. In den Nullnummern sollen Ereignisse aus der Vergangenheit so aufgearbeitet werden, als würden sie erst noch geschehen, aber die Macher der Zeitung wüssten schon heute davon. Ziel der Zeitung ist es, unter dem Deckmantel des investigativen Journalismus' Realität und Fiktion so zu gestalten, dass damit hochgestellte Persönlichkeiten erpresst werden können. Diese Personen sollen die Nullnummern vor einer möglichen Veröffentlichung zu sehen bekommen. Der Herausgeber verspricht sich davon Zugang zum politischen Machtraum.

Kurzer Roman mit drei Handlungssträngen

Der Beginn des Romans deutet auf eine Verschwörung hin. In Colonnas Wohnung tropft eines Morgens der Wasserhahn nicht mehr wie üblich, jemand muss die Wasserzufuhr abgestellt haben, mutmaßt Colonna, dieser Jemand müsse er sein, mutmaßt die Nachbarin. Colonna weiß jedoch nicht, wie und wo er dies hätte machen sollen. Die Nachbarin hilft aus und stellt den Tropfzustand wieder her. Bevor wir den Namen, den Beruf oder anderes über Colonna erfahren, wissen wir über ihn: er kennt sich in seinem eigenen Zuhause nicht aus, er ist zumindest bei manchen einfachen Dingen des Alltäglichen auf Hilfe angewiesen, der Defekt ist in seinem Umfeld der Normalfall, das Nützliche steht nicht im Zentrum.

Umberto Ecos schriftstellerisches Werk gilt allgemein als intellektuell anspruchsvolles und umfangreiches Vergnügen. Sein siebter Roman, Nullnummer, ist hingegen um die 220 Seiten lang, eine sehr unterhaltsame Mischung aus Kriminalroman, Verschwörungsthriller und Mediensatire. Eco bezieht sich einmal mehr auf Jose Luis Borges, hier: die Erzählung "Pierre Menard, Autor des Quijote" (1944), wenn er schreibt: "Nicht die Nachrichten machen die Zeitung, sondern die Zeitung macht die Nachrichten".

Um diese Aussage herum baut er seine Handlung auf, eine Melange aus Archivfakten und verschwörungstheoretischen Gedanken, wobei er die Grenze zwischen dem Realen und dem Imaginären unterläuft. Die tägliche Arbeit an der Zeitung, insbesondere die Redaktionssitzungen, beschreibt einen Erzählstrang, einen weiteren die Verschwörungstheorie, die Colonnas Kollege Braggadocio konstruiert, schließlich kommt als dritter die Liebesgeschichte zwischen Colonna und seiner Kollegin Maia hinzu.

Eco durchsetzt seinen Roman mit historischen Fantasien. Er findet ausreichend Beispiele in der Realität, die zeigen, dass Geschichte auch verändert oder gar ausgelöscht werden kann. Auch ist es möglich, dass Fiktion in die Realität hineinwirken und Opfer hervorbringen kann. Manche Möglichkeiten der Handlung hängen daran, dass es nur wenige Mobiltelefone gibt, das Gespräch über den Kauf eines PKW wäre heute in dieser Form nicht führbar, aber dies sind alles irreleitende Zusammenhänge und Inhalte. Anders als diese zeitgebundenen Details könnten andere Ereignisse genauso die gegenwärtige politisch-journalistische Landschaft beschreiben. Auch die Alltagshandlung könnte in der Gegenwart spielen.

Berührungspunkte

Die Handlung hat Eco in das Jahr 1992 verlegt, dem Jahr der Entdeckung eines komplexen kriminellen Netzwerks (Tangentopoli) infolge von Korruptionsermittlungen, die unter dem Namen Mani pulite (saubere Hände) geführt wurden und das Ende der 1. Republik mitsamt der etablierten Parteienlandschaft einleiteten. Es bildeten sich neue Parteien, der Aufstieg Silvio Berlusconis, der 1994 zum Premier gewählt wurde, nahm seinen Anfang.

Eco erwähnt Berlusconi und den Skandal nicht. Er beschreibt den Eigentümer von "Morgen" als ambitionierten Mann, der Commendatore genannt wird und über seine Medienmacht in die Politik einsteigen will. Berlusconi, Cavaliere genannt, ging einen ähnlichen Weg. Auch wird Vimercate mit Altersheimen in Zusammenhang gebracht, wodurch Eco direkt auf Mani pulite rückkoppelt. Einmal wird im Roman diskutiert, wie sich aufgrund eines fehlenden Lektorats fehlerhafte Namen in einem Text halten können. Drei Seiten weiter verwendet Eco einen falsch geschriebenen Namen, erweist sich auch hier als Fallensteller.

Colonnas Kollege Braggadocio entfaltet im Handlungsverlauf das umfangreichste verschwörungstheoretische Konstrukt, dem zur Folge das faschistische Regime unter Benito Mussolini ein anderes Ende genommen hat, als wir es den Geschichtsbüchern entnehmen können. Der Duce hat das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt, mit einem Schattenwurf, der bis in die Gegenwart hinein wirkt und ohne den Italien heute vielleicht anders aussähe. Diesen Schattenwurf spiegeln Details, wie der Ghostwriter und das Simei-Buch, dessen geplanter Titel "Morgen: gestern" ist.

Braggadocio bettet in dieses Konstrukt andere Ereignisse ein, darunter die Ermordung Aldo Moros, den überraschenden Tod von Papst Johannes Paul I., das Attentat auf Papst Johannes Paul II. und den Skandal um die Vatikan Bank. Auch gibt er der paramilitärischen Organisation Gladio darin einen Platz, die im Kalten Krieg als Spezialeinheit der NATO gegründet wurde und 1990 an Terroranschlägen in Italien beteiligt war, vielleicht sogar unter Mitwirkung der NATO und der CIA. Natürlich ist Braggadocio paranoid, aber ...

Ausgehend von der Idee, eine Zeitung zu produzieren, die nicht veröffentlicht werden soll, nimmt Umberto Eco in seiner Mediensatire Nullnummer einen Ausflug in die italienische Politik und Geschichte vor, den er mit verschwörungstheoretischen Gedanken durchsetzt und einer Romanze säumt. In intelligent gearbeiteter Verdichtung erzählt er eine komplexe Geschichte, die alles enthält, was zum Verstehen (Entschlüsseln) nötig ist.

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