Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Schwäbisch Hall: steinbach sprechende bücher, 2015, Übersetzt: Markus Hoffmann

Couch-Wertung:

88
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Rita Dell'Agnese
Orientalisches Erzähltalent in bester Form

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2015

Dass Rafik Schami ein geborener Erzähler ist, wissen seine Fans längst. Jeder Roman zeugt von neuem davon. Sophia reiht sich da in eine lange Schlange von wunderbaren Geschichten. Und doch ist es ein eher außergewöhnliches Werk des aus Syrien stammenden Autors. Denn just zu einer Zeit, in der Syrien in den Fokus der westlichen Welt gerückt ist, legt Rafik Schami einen Roman vor, der mehr Kritik als sonst schon enthält, schärfer ist, klarer in der Aussage. Natürlich erzählt Schami auch in diesem Roman eine Liebesgeschichte - oder genauer gesagt, sogar mehrere. Die wohl eindrücklichste ist die Liebe zwischen der Christin Sophia und dem Moslem Karim. Ihre Begegnung ist für beide schicksalsträchtig. Zunächst ist es Sophia, die Karim das Herz bricht und dann das Leben rettet. Dann aber ist es Karim, der viele Jahre nach der letzten Begegnung die einzige Hoffnung Sophias ist. Denn Sophias Sohn Salman ist in die Fänge des syrischen Geheimdienstes geraten. Salman, als junger Mann und Partisanenkämpfer aus Syrien geflohen und in Rom mit einer erfolgreichen Wissenschaftlerin verheiratet ließ sich von den Versicherungen eines Cousins in hoher Geheimdienstposition blenden, der ihm versicherte, dass gegen ihn nichts mehr vorliege und kehrte nach mehreren Jahrzehnten nach Damaskus zurück. Es ist nun an Karim, Sophia die einstige Hilfe zu vergelten.

Bunte Vielfalt

Ganz Rafik Schami tummeln sich in diesem Roman eine Fülle von Charakteren, die teilweise nur ein ganz kurzes Gastspiel haben, und doch maßgeblich zum Verlauf der Geschichte beitragen. Es ist wie ein orientalischer Basar: eine bunte Vielfalt von Figuren prägt das Bild. Mit seiner eigenwilligen Art, die einzelnen Persönlichkeiten langsam herauszuformen, bietet Rafik Schami seinen Lesern unerhörten Genuss. Mehr und mehr schälen sich aus der turbulenten Masse diejenigen Charaktere heraus, um die es in der Geschichte hauptsächlich gehen wird. Natürlich kommt auch hier wieder der Orientale in Rafik Schami zum Ausdruck, immer wieder tauchen kurz auch neue Gesichter auf und er wandert für einige Szenen in eine andere Geschichte hinein, kehrt aber gleich wieder auf den Hauptpfad zurück. Immer wieder drängt sich bei diesem Roman die Frage auf, wie stark die Figur von Salman autobiographische Züge aufweist. Vieles, was Sophias Sohn zugeschrieben wird, passt in der einen oder anderen Form auch auf den Autor Rafik Schami.

Ein Schritt vor und zwei zurück

Sophia ist kein Buch, das sich mal eben schnell zur Unterhaltung lesen lässt. Es fordert. Nicht, dass es schwierig zu lesen oder zu verstehen wäre. Aber Rafik Schami schreibt so lebendig und facettenreich, dass zweitweise nötig wird, einen Schritt vor zu gehen und zwei zurück, um die Szenen noch mal auf sich wirken zu lassen. Denn nur so können sie ihre ganze Kraft entfalten und den Leser ganz in diese Welt mitnehmen, in denen Liebe, Mut, Loyalität und Lebenslust eine große Rolle spielen - in der aber auch Gewalt, Sippenherrschaft, Diktatur, Folter und Rachsucht herrschen. Die Geschichte wird bei den Lesern unterschiedliche Gefühle aufkommen lassen: Zum einen ist es dieses hoffnungsvolle Gefühl, das aus Loyalität und Liebe wächst, zum anderen aber die Wut und Frustration, welche Macht gewissen Systemen zukommt. Das alles wird zu einer gefühlsintensiven Mischung, die kaum kalt lässt. Einzig, wer dem orientalischen Erzählstil nichts abgewinnen kann, wer auf Verknappung und spartanische Einfachheit setzt, wird wohl von der Üppigkeit des Romans überrollt.

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