Der König, die Sonne, der Tod

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Cáceres: Periférica, 2013, Titel: 'Trabajos del Reino, Señales que precederán al fin del mundo, La transmigración de los cuerpos', Originalsprache
  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014, Seiten: 352, Übersetzt: Susanne Lange

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Sebastian Riemann
Mexikos Sorgen

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Mai 2015

In drei kurzen Erzählungen beschäftigt sich der mexikanische Schriftsteller Yuri Herrera mit Themen, die sein Land von anderen unterscheidet und es zu etwas ganz besonderem machen. Ein fulminanter Einblick in eine erschreckende Welt voller Gewalt und Missachtung.

In der ersten Erzählung befasst sich der Autor mit dem Thema der Drogenkartelle. Aus der Sicht eines mittellosen und einfachen Musikers wird geschildert, wie der Boss eines Kartells das Leben der Menschen verändern kann. Zufällig treffen Mafiosi und Musiker aufeinander, woraufhin Letzterer zu einem Fest eingeladen wird. Schnell gewinnt er die Sympathien der Kartellmitglieder und auch des Bosses, wird sogar zum offiziellen Sprachrohr erkoren. In seinen Liedern besingt er die Großartigkeit des Anführers, den er König nennt, seine Stärke und seine Wohltaten. Der ehemals arme Musiker lebt am Hofe des Königs, genießt dort Ansehen und auch die Zuneigungen der jungen Frauen. Alles scheint wunderbar, bis ein feindliches Kartell den Krieg erklärt und alles den Bach hinuntergeht.

Der Sänger singt sogenannte corridos für seinen Schutzpatron. Diese existieren auch in der mexikanischen Realität und sind, genau wie in der Erzählung beschrieben, ein bedeutender, wenn auch inoffizieller, Teil der mexikanischen Musikszene. Sie berichten von Vorfällen aus dem Bereich der Drogenkartelle, sind mal witzig, mal brutal, zum Tanzen eignen sie sich weniger. Herrera zeigt ein gutes Gespür in der Wahl seiner Figur: der corridos-Sänger ist Ausdruck einer höchst fraglichen Kombination von Unterhaltung und Gewalt, einer Realität, die besorgt und verwundert. Das Interesse des Lesers ist ihm sicher.

Fraglich erscheint der Stil der Erzählung. Mittelalterlich kommt sie daher, man wird an Minnesänger, Burgfräulein und Ritter erinnert. Das ist die Absicht des Autors, der die heutige Realität der Drogenkartelle mit jener Zeit vergleichen will. Und für wahr, die Gemeinsamkeiten sind nicht wenige. Leicht erkennt man das Königliche im Boss des Kartells oder den Minnesänger im corridos-Sänger. Die Machtverhältnisse, die Gewalt, der Hofstaat: Herrera zeigt, dass die Kartelle wie kleine Königreiche funktionieren und trägt damit zu unserem Verständnis bei. Der Vergleich mag manchmal ermüdend sein, besonders für Leser, die nicht die Referenzen verstehen und vielmehr eine märchenhafte Erzählung zu lesen glauben, aber mit ein wenig Hintergrundwissen, welches sich schnell erlangen lässt, vermag man diese Metapher in ihrer ganzen Schönheit und Schrecklichkeit zu verstehen. Es lohnt sich.

Die zweite Erzählung widmet sich dem Thema der illegalen Migration, dem Überqueren der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein brisantes und wichtiges Thema. Heute leben in den USA viele Migranten aus Lateinamerika, die meisten von ihnen stammen aus Mexiko oder reisen durch das Land, auf dem Weg in den Norden. Sie bilden eine schnell wachsende Bevölkerungsgruppe, werden aber meist nicht beachtet oder als minderwertige Mitglieder der Gesellschaft behandelt. Viele von ihnen gelangen mit der Hilfe von Schleppern über die Grenze, so auch die Protagonistin in der zweiten Erzählung von Herrera, die ihren Bruder suchen will, gleichzeitig einen Auftrag für einen Mafiosi ausführt, der ihr im Gegenzug hilft, auf die andere Seite zu gelangen. Sie ist hart und sexy, bewegt sich durch eine raue Welt, die von gewissenlosen Männern dominiert wird, hüben wie drüben, doch am Ende erreicht sie ihr Ziel, trifft den Bruder wieder.

Die Wahrnehmung der jungen Frauen werden auf ihrer Reise beschrieben, ebenso ihre Verwunderung über die Verhältnisse in den US-Städten, die einander gleichen, und ihre Abneigung gegenüber Mexiko-Stadt, dem großen und gefährlichen Moloch, welches sie durchqueren muss, um den Bus zu finden, der sie in den Norden bringen soll. Sie entstammt einem Dorf, ist ein weltfremdes, aber kein naives Mädchen, welches versteht, dass es in den Augen der Männer leichte Beute ist. So kämpft sie sich durch und muss des Öfteren um ihr Wohlbefinden bangen, denn – und das ist das Thema dieser beispielhaften Grenzgeschichte – nicht nur die Hoffnung auf ein besseres Leben kann leicht sterben.

In der dritten und letzten Erzählung greift der Autor kein spezifisch mexikanisches Thema auf, sonder versucht sich vielmehr in einer Endzeitdarstellung, die nicht allzu weit von der Wirklichkeit in Mexiko-Stadt entfernt ist. Düster und feindselig beschreibt er die Stadt, eine verhängnisvolle Epidemie, die die Menschen in die Häuser zwingt und ihnen eine furchtbare Angst einjagt, sowie die wuchernde Kriminalität, wie sie ohnehin Alltag ist in jener Metropole. Eine wenig geglückte Variante von Sin City oder Blade Runner, mit wenig Esprit und ohne Überraschungen, welche enttäuscht neben den anderen beiden interessanten Erzählungen, es am Ende aber nicht vermag, den Gesamteindruck des Buches nennenswert zu beeinflussen.

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