Nachruf auf den Mond

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • London: HarperFiction, 2013, Titel: 'The Shock of the Fall', Originalsprache
  • Berlin: Argon, 2015, Übersetzt: Hanno Koffler

Couch-Wertung:

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Kathrin Plett
Leben zwischen Einbildung und Realität

Buch-Rezension von Kathrin Plett Mai 2015

Geschwister: Liebe und Streit, Verbundenheit und Konkurrenz liegen hier so eng zusammen wie in wohl kaum einer anderen Beziehung. Gerade im Kindesalter wechseln die Gefühle zueinander so schnell, dass der Bruder oder die Schwester in einem Moment noch Freund und im nächsten Moment der größte Feind sein kann. Streiche und gegenseitiges Ärgern gehört genauso zum Alltag wie gemeinsames Spiel. Wenn der ältere Bruder eine Behinderung hat, die einen Großteil der Aufmerksamkeit der Eltern für sich benötigt, macht dies die geschwisterliche Beziehung nicht unbedingt einfacher. Stirbt der Bruder ist die Trauer mindestens genauso groß. Welche Folgen der Tod Simons für Matthew hat, erzählt Nathan Filer in seinem Roman Nachruf auf den Mond.

Simon ist tot. Gestorben als Kind und Matthew ist Schuld an seinem Tod. Simon starb mit gerade einmal elf Jahren nachts, während eines Campingurlaubs in Cornwall, als Matthew ihn zu einer verbotenen Nachtwanderung überredete, um ihm einen großen Schrecken einzujagen. Doch anders als andere elfjährige reagierte Simon, der das Down Syndrom hatte, panisch, rannte weg und stolperte so unglücklich, dass er sofort tot war. Für Matthew ist klar, dass er den Tod seines Bruders zu verantworten hat. Doch völlig tot ist sein Bruder für ihn längst nicht, er sieht und hört ihn immer wieder. Die Medikamente, die er schließlich in der Psychiatrie bekommt und die gegen die Stimmen in seinem Kopf sind, helfen vielleicht gegen die Symptome, gegen sein schlechtes Gewissen und die Schuldgefühle sind jedoch auch sie machtlos...

Nathan Filer ist ehemaliger Krankenpfleger der Psychiatrischen Klinik in Bristol und heute als Schriftsteller, Dichter und Filmemacher tätig. Zudem unterrichtet er Creative Writing an der Bath Spa University. Nachruf auf den Mond ist sein erster Roman, für den er verschiedene Preise gewann: u.a. den renommierten Costa Book Award und den Betty Trask Prize für das beste Debüt. Filer lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Bristol.

Nathan Filer erzählt in seinem Roman die Geschichte des psychisch kranken Matthew Filer. Aus der Sicht seines jungen Protagonisten beschreibt er dessen Sicht auf die Ereignisse, die mit dazu beigetragen haben, dass Matthew zu der Person geworden ist, die er zum Zeitpunkt seiner Erzählung ist. Matthew berichtet von seiner Kindheit, die er gemeinsam mit seinem älteren Bruder bis zu dessen frühen Tod glücklich verbracht hat. Erst nach und nach verrät der Autor, welches Trauma der junge Mann erlebt hat, das ihn so aus der Bahn geworfen hat. Die Geschichte bekommt auf diese Weise eine besondere Spannung, die ihr einen außergewöhnlichen Reiz gibt. Matthew berichtet in Zeitsprüngen, erzählt von verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit, die sich mit der Gegenwart abwechseln, was durch Wechsel der Schriftarten hervorgehoben wird. Dass Matthew krank ist, lässt sich auch in der Art der Sprachwahl Filers erkennen, der verworrenen Gedankengänge seiner Romanfigur gekonnt wiedergibt und seine Sicht auf die Behandlung verdeutlicht:

 

"Ich frage mich, ob Sie mir glauben? Die meisten Menschen glauben mir eher nicht. Man hat mir schon viele Fragen gestellt, Fragen wie: "Diese Stimme – seine Stimme -, hörst du sie in deinem Kopf, oder scheint sie von außerhalb zu kommen? Und was genau sagt sie, gibt sie dir Befehle, oder kommentiert sie lediglich das Geschehen? Hast du jemals getan, was sie dir befohlen hat, was genau, du sagtest, deine Mutter nehme Tabletten, wogegen, ist sonst noch jemand in deiner Familie TOTAL VERRÜCKT, und konsumierst du illegale Drogen, wie viel Alkohol trinkst du, wöchentlich, täglich, wie geht es dir gerade, und wie auf einer Skala von 1 bis 7.400.000.000.000.000.000.000.000.000, und wie hast du in letzter Zeit geschlafen, wie steht es um deinen Appetit, und was ist in jener Nacht auf den Klippen eigentlich passiert, in deinen eigenen Worten, erinnerst du dich, kannst du dich erinnern, hast du noch Fragen? So in der Art."

 

Alles in allem ist Nachruf auf den Mond ein spannender Roman, der interessante Einblicke in die komplizierten Gedanken Matthews gibt und die Tragweite von Schuldgefühlen verdeutlicht. Gleichzeitig stellt er viele Fragen an den Leser, der indirekt dazu aufgefordert wird, selbst zu entscheiden, wie weit er Matthews Schilderungen glaubt, wo Einbildung und Wahrheit anfangen und aufhören und ob Mattew Schuld am Tod seines Bruders trifft.

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Letzte Kommentare:
13.07.2015 14:02:07
Nuigurumi

Ich hatte mir gar keine Gedanken darüber gemacht, was für eine Art Buch "Nachruf auf den Mond" ist, hätte es aber eigentlich besser wissen müssen. Alles, was ich vor dem Lesen wusste, war, dass Matt Homes in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses ist und dort seine Geschichte aufschreibt, in der es vor allem um den Tod seines älteren Bruders Simon geht, der während eines Urlaubs starb, als Matt neun Jahre alt war. Ich hatte wohl eine Art Familiengeschichte erwartet und das ist es irgendwie auch, aber hauptsächlich ist es die Lebens- und Krankengeschichte eines 19-Jährigen, der an Schizophrenie leidet – und damit genau die Art Buch, die ich eigentlich nicht mag…

Der Leser begleitet Matt von dem schicksalhaften Urlaub an durch sein Leben. Man sieht, wie der Tod des älteren Sohnes die Familienstruktur zerstört und wie sich am Anfang vor allem die Mutter verändert, worunter Matt leiden muss. Dieser Teil hat mir am besten gefallen. Die Atmosphäre im Haus und Matts kindliches Unverständnis über das merkwürdige Verhalten seiner Mutter ist sehr einfühlsam erzählt und lässt sicher niemanden kalt.

Matts Problem ist nicht nur, dass Simons Platz in der Familie leer bleibt, sondern auch, dass er sich an Simons Tod die Schuld gibt. Der Leser erfährt allerdings erst ganz am Ende des Buches, was wirklich passiert ist.

Matt will Simon noch einen Wunsch erfüllen, den er nie bekommen hat, nämlich eine Ameisenfarm. Schon als Kind versucht er es erfolglos und als Jugendlicher verrennt er sich schließlich völlig in diese Idee. Seine Großmutter, die Erfahrung mit Schizophrenie hat, erkennt schnell, was mit ihm geschieht und sorgt dafür, dass er psychiatrische Hilfe bekommt.

Matt wird mal in der Tagesklinik behandelt, mal über längere Zeit im Krankenhaus. Die Beschreibung des Alltags in der Psychiatrie hat mir gezeigt, dass dort der normalste Mensch wahnsinnig werden würde, obwohl alle sehr menschlich und freundlich sind. Das wird mich wohl noch länger verfolgen und ich werde mir darüber Gedanken machen.

"Nachruf auf den Mond" ist wirklich keine einfache Lektüre, weder inhaltlich noch vom Aufbau mit seinen Zeitsprüngen. Aber der Autor, der früher Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik war, hat dafür gesorgt, dass ich mich in Matt hineinversetzen kann. Das war für mich bisher immer das Problem bei Büchern, in denen es um psychisch kranke Menschen geht, dass ich sie nicht verstanden habe und ihre Handlungsweise nicht nachvollziehen konnte. Bei Matt kann ich das und das macht dieses Buch so anders, und so beklemmend, ergreifend und aufwühlend.