Die seltsame Orchidee

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Edition Büchergilde, 2015, Seiten: 32, Übersetzt: Ursula Spinner, Bemerkung: Mit Bildern von Katja Spitzer

Couch-Wertung:

90
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Sebastian Riemann
Das tropische Ende der Ruhe

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Mai 2015

Es gibt gewöhnlichen und weniger gewöhnlichen Zeitvertreib. Was man in seiner freien Zeit treibt, lässt Rückschlüsse zu, was für ein Mensch man ist, welche Interessen man hat und welcher Schicht der Gesellschaft man entstammt. Große Unterschiede bestehen zwischen Tennisspielern in ihrem frisch gewaschenen Outfit und den Fußballern vom Bolzplatz.

Mit Witz und Eleganz nimmt sich H.G. Wells in seiner Erzählung Die seltsame Orchidee einen Mann vor, der einzig durch sein Hobby Vergnügen und Sinn in seinem Dasein findet. Ein Orchideenzüchter in England, der ein überaus ruhiges Leben führt, so ruhig, dass es schon wunderlich erscheint. „...mir passiert nie etwas. Als kleiner Junge hatte ich nie Unfälle. Ich verliebte mich nie, als ich größer wurde. Heiratete nie... Ich möchte wissen, wie einem Menschen zumute ist, dem etwas zustößt, etwas wirklich Außergewöhnliches." Derart fasst Mister Wedderburn sein Leben und dessen Misere zusammen. Ereignislosigkeit plagt ihn, Langeweile mitunter. Die Umstände so sicher und alltäglich, die eigene Einstellung wohl auch nicht abenteuerlich, kurzum: die Zeit vergeht und hinterlässt keine Spuren. Von Mister Wedderburn gibt es nichts zu berichten, er hat keine Geschichte. Die einzige Aufregung in seinem Leben sind die Orchideen-Verkäufe bei Peters, welche in ihm die Hoffnung nähren eine besonders seltene, wenn nicht gar völlig neue und bisher unbekannte, Orchidee zu erstehen. Er kauft hin und wieder eine Knolle, pflanzt sie in seinem Gewächshaus, welches er mit viel Hingabe pflegt, und hofft auf etwas Außergewöhnliches in Form einer Orchidee.

Der Ton der Erzählung ist überaus spaßig, der Autor macht keinen Hehl daraus, dass dieser Orchideen-Käufer eine lächerliche Figur ist. Ein Mann, der nichts Interessantes in der Welt zu schaffen hat. Zurecht beklagt er sich über sein Dasein, er kann nicht abstreiten, wie öde es ist. Seine Haushaltshilfe, eine entfernte Cousine, teilt den Alltag mit ihm, aber nicht seine Ansicht. Die Aussicht auf Spannung und Abenteuer, vielleicht sogar in einem anderen Land, unter Wilden, mit Moskitos und stickigen Wäldern, all das macht ihr Angst, verursacht ihr Unwohlsein. Das gesittete, ruhige Leben, welches seinen schönsten Ausdruck im Fünf-Uhr-Tee findet, gibt vielleicht wenig Stoff für Geschichten ab, ist ihr jedoch lieber als all die Unannehmlichkeiten, von denen sie manchmal hört. So erzählt ihr Wedderburn von dem Mann, der die Orchideen auf den Andamanen gesammelt hat, dabei zu Tode kam, scheinbar von Blutegeln zerfressen. Er war ein junger Abenteurer gewesen, hatte schon zweimal geheiratet und mehrfach sein Leben aufs Spiel gesetzt. Sogar schon einen Mann getötet. Letztendlich starb er sehr ungemütlich in den Tropen. Ein Grauen für die Haushälterin.

Die kurze Erzählung ist unterhaltsam geschrieben, es dreht sich alles um eine Orchidee, die bei der Peters-Auktion erworben wurde und die einer wohl unbekannten Art angehört, sowie um die beiden Bewohner des Hauses, die sie mit unterschiedlichen Emotionen beobachten. Mister Wedderburn ist fasziniert von der Pflanze, die eine so bewegende Geschichte hat, entgegen großer Schwierigkeiten zu ihm gelangte. Das Exotische und auch das Gefährliche hängt an den Blättern und Blüten. Seine Cousine hingegen kann ihre Abscheu kaum zügeln, ihr vergeht der Appetit, sie träumt schlecht, überhaupt fühlt sie sich nicht gut aufgrund des tropischen Neulings im Haus. Die Luftwurzeln der Orchidee erinnern sie an Fühler von widerlichen Insekten.

Das tolle Heft Nummer zweiundvierzig der Büchergilde Gutenberg kommt natürlich in besonderer Form zum Leser. Mit allerhand bunten Bildern von Katja Spitzer, die der tropischen Vielfalt und auch der englischen Sittsamkeit gleichermaßen Rechnung trägt, sie beide in herrlichem Gegensatz unterbringt. Die Orchideen erwachen zum Leben in vielen Farben und Formen, ebenso die Gesichter der Figuren. Daneben gibt es noch ein weiteres Extra: ein Spiel. Zusammengeklappt liegt es dem Heft bei und wartet darauf, ausgebreitet zu werden und die gefährliche Orchideen-Jagd nachzustellen.

Wie immer überzeugt das Konzept des Verlags, in der gestalterischer Form, aber auch in der Wahl der Lektüre. H.G. Wells ist in Deutschland für seine Sciencefiction-Bücher bekannt, weniger für seine übrigen Werke, die in England immer noch von Bedeutung sind. Die seltsame Orchidee mag nur eine kurze Erzählung sein, trotzdem zeigt sie eindrucksvoll die Kunst dieses Autors, der nicht nur über Außerirdische und Zeitmaschinen, sondern auch über komische Zeitgenossen schreiben konnte. Das vorliegende Heft ist eine rundum gelungene Parodie, gleichzeitig ein Gesellschaftsbild. Mit leichter Feder lässt der Autor eine Figur vor den Augen des Lesers entstehen, die albern, aber auch sympathisch wirkt, und sich plötzlich in ein Abenteuer verwickelt sieht.

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