Horcynus Orca

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Mailand: Mondadori, 1975, Titel: 'Horcynus Orca', Originalsprache
  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2015, Seiten: 1472, Übersetzt: Moshe Kahn

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Almut Oetjen
Kriegsheimkehrer der Moderne auf antikisierter Bühne

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mai 2015

Der italienische Schriftsteller Stefano D'Arrigo hat neben Horcynus Orca, seinem Hauptwerk, nur wenig veröffentlicht. Liest man seinen in der deutschen Übertragung um die 1500 eng bedruckte Seiten umfassenden Roman, gewinnt man eine Ahnung davon, warum dies so gewesen sein könnte. Horcynus Orca muss ein sehr forderndes Lebenswerk gewesen sein. D'Arrigo hat an seinem Buch von Mitte der 1950er Jahre bis zur Veröffentlichung bei Mondadori in Mailand 1975 gearbeitet und es anschließend weiter bearbeitet. Im Jahr 2000 erschien die Endfassung von "Horcynus Orca" als Teil der kritischen Werkausgabe des Schriftstellers.

Der S. Fischer Verlag hat das literarische Hauptwerk D'Arrigos in der Übersetzung von Moshe Kahn unter seinem Originaltitel herausgebracht. Der Roman wurde lange Zeit als unübersetzbar behandelt, erlebte einmal einen Versuch der Übertragung ins Englische und liegt nun, nach rund vierzig Jahren, erstmals vollständig in einer anderen Sprache vor.

Die Handlungszeit erstreckt sich über fünf Tage vom vierten bis zum achten Oktober 1943. Die Hauptfigur ist 'Ndrja Cambrìa, ein Oberbootsmann der italienischen Marine. In der Fremde hat er für den Duce Krieg geführt, während die Dinge in der Heimat ihren Lauf nahmen – anfangs als faschistischer Alltag, später dann wurde der Krieg in das Land hineingetragen.

'Ndrja begibt sich auf eine Odyssee zurück nach Hause, nicht als Sieger, auf den die treue Gattin wartet, sondern als Geschlagener. Hier ist nicht von Meeresabenteuern die Rede, obwohl es eine Meereserzählung ist. Auch gab und gibt es für den Helden keine Bewährungsprobe.
Gleichwohl muss er, der von Neapel aus sich durch Kalabrien zu Fuß auf den Weg in seine frühere Heimat aufmacht, das sizilianische Dorf Cariddi (Charybdis) an der Straße von Messina, einige Herausforderungen ertragen. 'Ndrja erfährt, dass der Krieg seine Heimat und deren Bewohner grundlegend verändert hat. Es wird nicht mehr klassisch Fischerei betrieben, sondern mit Sprengstoffen aus Armeebeständen, mit den Mitteln des Krieges also. Mitteln, die nunmehr als Kulturtechnik im Alltag wirken.

Gleich auf den ersten Seiten erleben wir eine seltsame Parallelisierung der Tötung eines Schwertfisches mit einer Harpune, um den sich zwei konkurrierende Fischergruppen streiten, mit dem Angebot eines Mädchens, das als Prostituierte verkauft wird, an 'Ndrja, der als Marinesoldat einen angenehmeren Eindruck auf die Zuhälterin macht als die später auftretenden Infanteristen, die mit schmutzigen wilden Tieren gleichgesetzt werden.

Am 10. Juli 1943 besetzten die Alliierten Sizilien, Pietro Badoglio, erster italienischer Ministerpräsident der postfaschistischen Ära, kapitulierte am 8. September 1943, ohne die italienische Armee darüber zu informieren. Nach diesem Termin hat 'Ndrja Cambrìa die Marine verlassen und sich in Richtung Sizilien aufgemacht. 'Ndrja ist zurückgekommen in eine Welt der geistigen, materiellen und spirituellen Verwüstung, eine Welt des Zusammenbruchs eines kulturell hochentwickelten Lebenskreislaufs.

D'Arrigo knüpft ein erzählerisch hoch diffiziles Gewebe aus italienischer Geschichte und Mythen, das sich nicht ohne Aufwand erschließen lässt. Es ist oftmals schwierig genug, einfache Plotelemente aus dem Gelesenen herauszufiltern und sinnvoll miteinander zu verbinden. Der Autor will nicht – zumindest nicht im herkömmlichen, verbreiteten Sinn – unterhalten, nimmt keine Rücksicht auf die Voraussetzungen der Leser. Während der (ersten) Lektüre stellt sich ein Gefühl von Bedeutung ein, die der Text haben muss. Es entstehen Bilder im Kopf, die zum Teil an Bildern aus dem allgemeinen (westlichen) kulturellen Fundus anschließen. Jedes Wort, jede formale Konstruktionseinheit wirkt mit Bedacht gewählt.

Der Desintegration dieser Welt setzt D'Arrigo den Versuch einer neuen Sprache entgegen, die ihr linguistisches Wurzelwerk offenlegt, mit einer Vielzahl Neologismen anreichert und Anreize liefert, Anspielungen und Mehrdeutigkeiten zu entschlüsseln.
Delfine werden in Horcynus Orca als Feren bezeichnet. Das lateinische Nomen Ferus steht für ein wildes Tier, für ein ungezähmtes Pferd. In einer Szene trifft 'Ndrja auf einen Reiter, der auf seinem zahmen Pferd eine Fere liegen hat, der alle für die Fortbewegung notwendigen Körperteile abgeschnitten wurden und deren Blut den Körper des gezähmten Tieres hinabläuft. An anderer Stelle verfahren Feren im Mittelmeer auf ähnliche Weise mit dem Schwertwal, dem Orcinus orca, der in der Gräzisierung als Horcynus orca zum mythischen Wesen erhoben und von den kriegerischen, wilden Delfinen zerfetzt wird. Trotz seines anderen Schicksals ist der Orca als mythischer Zahnwal ein enger Verwandter von Moby Dick.

Ein anderes Beispiel für die Spracharbeit D'Arrigos ist ein Begriff wie "Karamelie", der auf das mädchenhaft liebe Catas hinweist (cara), auf ihre Bonboniere, wie der Begehrensort zwischen ihren Schenkeln einmal genannt wird (Karamelle/caramella) und auf ihren Status als Prostituierte (Kameliendame/camelia). Während in ihrem Namen Cata die Preisgabe an den Verfall anklingt.

Die Sprache selbst wird in der Lektüre von Horcynus Orca zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. D'Arrigo hat ein vielschichtiges Werk geschaffen, das in den nächsten Jahren vermutlich Gegenstand literaturkritischer Untersuchungen werden wird, nicht zuletzt aufgrund seiner überbordenden Symbolik und Allegorik, seiner soziopolitischen Inhalte, auch, weil der Autor in diesem literarischen Großprojekt zwischen Antike und Gegenwart vermittelt. D'Arrigo verwendet Mythen der Antike, um eine Annäherung an seine Welt zu erzeugen. Seine epische Erzählung scheint auf den Tod eher denn auf das Leben ausgerichtet. Nicht nur wegen seines erheblichen Umfangs ist Horcynus Orca ein Roman, der viel Zeit und Muße erfordert.

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