Aus der Geschichte der Trennungen

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2014, Seiten: 337, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 1999, Seiten: 337, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Lethargischer Retrospektive und Kindesaugen

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Apr 2015

Mit ganz ruhigen Worten schreibt Jürgen Becker über seine Kindheit während des zweiten Weltkrieges in der Thüringischen Provinz. Eine Kindheit, die so erstaunlich unspektakulär erscheint, weil der Autor in der Lage ist mit seinen Worten das Natürliche einer Kindheit darzustellen, welche auch innerhalb eines erdrückenden Szenarios seine unschuldigen Träume und Wünsche hatte. Der Junge, der heranwächst und dessen Helden die deutschen Fliegerasse sind, erlebt den Krieg ohne ihn zu verstehen. Er ist Teil der damaligen Euphorie, noch zu jung die Dinge zu hinterfragen. Gern will er in der Flakstellung sitzen, aktiv am Geschehen teilnehmen, aber die Soldaten erlauben es nicht und so muss er sich damit begnügen ihnen kleine Gefallen zu tun, damit er ihnen und ihrem Kampf nahe sein kann. Unschuldig ist er in seiner Begeisterung, weiß er doch noch nicht, was es bedeutet am Krieg teilzunehmen. Erst später nehmen sich die feindlichen Bomber auch Thüringen als Ziel und bringen das Kampfgeschehen in den ruhigen Ort, der für den Jungen ganz andere Bedeutungen hält. Die Trennung der Eltern beschäftigt ihn sehr, denn er lebt beim Vater und ist doch lieber bei der Mutter, die besser zu leben weiß, sich mehr vergnügt und ihm in Zeiten des Mangels auch mehr bieten kann. Doch die Sache ist entschieden, die Mutter kann er nur besuchen, leben muss er beim Vater und dessen neuer Frau.

Die Schilderungen ändern sich als die Bomben auch in Thüringen fallen, die Familien regelmäßig Schutz suchen müssen, sich in den Kellern einrichten, ganze Nächte dort verbringen. Das Leben wird bedrückender, kärglich, doch stets bleibt den Erlebnissen eine gewisse Unschuld und Leichtigkeit erhalten, da es immer noch die Kindheit des Protagonisten ist und er im allgemeinen Chaos sein eigenes Zurechtkommen sucht.
Nebenbei werden die Erwachsenen und ihre Handlungen erwähnt, ihre Reaktionen auf die befreiten Insassen der Konzentrationslager und die Zwangsarbeiter, die noch kurz zuvor im Ort ihren Dienst verrichten mussten. Es kommen erst die Amerikaner, in flotten Jeeps, mit Chewing Gum im Mund, dann die Russen, vor denen alle Angst haben und wer kann, der flüchtet sogleich Richtung Westen. Doch all dies sieht der Junge urteilsfrei an – der Autor lässt sich nicht hinreißen seine damaligen Impressionen durch späteres Wissen zu beurteilen, er belässt sie vielmehr in ihrer Weltfremdheit und Naivität. Faszination üben Amerikaner und Russen auf den Jungen aus, ihre unterschiedlichen Verhaltensarten. Der zweite Weltkrieg durch Kinderaugen.

Begleitet und eingekleidet werden die Kindheitserinnerungen durch den erwachsenen Jörn, der sich auf die Suche gemacht hat. Er will die eigene Vergangenheit ergründen, aber auch das Schicksal seiner Mutter besser verstehen. Vor vielen Jahren ertrank sie in einem See. Angeblich ging sie allein in das Wasser, Jörn weiß, sie konnte nicht schwimmen. Er begibt sich in den Osten, nach Brandenburg, in die Nähe jenes Sees, verbringt seine Zeit bei Speis und Trank und wühlt in seinen Erinnerungen. Träge wirkt er dabei, als sei ihm seine Motivation letztlich doch nicht so wichtig. Gemächlich sucht er nach Spuren der Vergangenheit, unterhält sich mit den Ortsansässigen über die alten Zeiten. Dabei steigen beständig kleine Flugzeuge auf und ziehen ihre Bahnen über der Landschaft. Die alte Begeisterung für die Flieger und die späteren Erfahrungen der Bombardierung zum Kriegsende, sie finden ihre Entsprechung in den Hobbyfliegern, die einen Flugplatz in der Nähe nutzen. Die Motorengeräusche finden immer wieder Eingang in die Schilderungen, dienen als Überleitung in die andere Zeit, da die Maschinen noch zu Kriegszwecken in der Luft waren. Lethargisch wirkt Jörn. Er lässt sich fallen in die Mentalität der Leute, in der Hoffnung sich dadurch mit der eigenen Vergangenheit in Verbindung setzen zu können. Viel Alkohol, Hausmannskost und Zigaretten sollen ihm dabei helfen.

Der einzige Roman Jürgen Beckers erschien im Jahre 1999 im Suhrkamp Verlag und wurde nun erneut aufgelegt, anlässlich der jüngsten Auszeichnung des Autors. Kein geringerer als der Georg-Büchner-Preis wurde ihm 2014 verliehen. Aus der Geschichte der Trennungen nimmt eine besondere, sehr persönliche Rolle im Gesamtwerk ein, welches zu großen Teilen aus Gedichtbänden besteht. Es ist Beckers Annäherung an die Erzählform, sein größter Schritt in Richtung Fiktion, zugleich mit vielen biographischen Elementen. Jürgen und Jörn teilen viele Lebenserfahrungen, die im Buch erzählte Jugend gehört ihnen gleichermaßen. Der Erzähler, der den erwachsenen Jörn begleitet und ihn kommentiert, ist der Spiegel des Autors, er benutzt ihn, um sich selbst zu reflektieren. Der Autor ist also zwiefach vorhanden und erlaubt dem Leser eine ungewöhnliche Sicht auf die persönliche Geschichte, die er geschickt in einen größeren Rahmen einzubetten versteht.

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