Das Sandkorn

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2014, Seiten: 416, Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2015, Seiten: 416, Originalsprache

Couch-Wertung:

83

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Sebastian Riemann
Genuss und Ordnung

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Apr 2015

Jacob Tolmeyn, mit "c" und "y" geschrieben, ist Historiker und Lebemann. Ein Widerspruch. Im Berliner Kiez ist Tolmeyn genauso heimisch wie in alten preußischen und römischen Bibliotheken, sein Bier trinkt er so schnell und selbstverständlich wie er alte Dokumente aus dunklen Kellern fischt und ihnen Geheimnisse entlockt. Die körperlichen und die geistigen Freuden des Lebens, er kennt sie beide und will nicht auf sie verzichten. Maß halten ist dabei die wichtigste Devise, denn wer zu oft zu tief ins Glas schaut, der kann seinen Kopf bald nicht mehr gebrauchen, und wer den Kopf zu lange zwischen den Buchdeckeln lässt, der findet nur noch schwer Gesellschaft an der Bartheke. Doch natürlich will es Tolmeyn nicht gelingen, er schlägt ein wenig über die Strenge, vergnügt sich zu sehr und muss sein Leben ändern. Er entflieht der deutschen Hauptstadt und ihrem Nachtleben, macht sich auf gen Süden, um in Rom eine Stelle anzutreten, die unter seinem Niveau liegt, ihm aber die erhoffte Distanz bietet zu seinen vergangenen Ausschweifungen in Berlin. In Rom widmet er sich seiner Arbeit, mehr denn je.

Der Roman von Christoph Poschenrieder beginnt mit der Szene eines Mannes, der im Jahre 1915 durch die Straßen Berlins streift und hier und da Sand verstreut, ihn unter den Berliner Sand mischt. Ein merkwürdiger Kauz, der nicht gefährlich ist, sicherlich kein feindlicher Saboteur, aber doch jemand der Aufmerksamkeit und Verwunderung hervorruft. Deshalb ruft letztendlich auch ein besorgter Bürger die Polizei, damit sie diesen seltsamen Herren untersucht. Auf das Revier nimmt man ihn mit, zum Verhör. Es ist Tolmeyn, der nach seiner Zeit in Rom wieder in Berlin angekommen ist und sich nicht in der Welt zurecht zu finden scheint. Die Forschungen in Italien, sie haben ihm den Kopf verdreht und auch sein Schweizer Assistent.

Der Gegensatz in der Person Tolmeyns – Trinker und Wissenschaftler – besteht natürlich nur oberflächlich, es sind nur zwei Klischees, die sich in ihm treffen und die sich nicht gegeneinander wenden, sondern gesellig ihr Dasein zusammen fristen. Tolmeyn ist ein Genießer im weiteren Sinne. Seinen Geist füttert er mit historischer Substanz, mit den Geschichten von Königen und Feldzügen, mit alten Säulen und Burgen. Der Körper bekommt den Alkohol, wenn möglich einen Liebhaber. Bestechend ist die Person, da sie nicht gleichbleibend und monoton agiert, sondern den Leser zu begeistern weiß durch ihre Vielschichtigkeit, die immer wieder für kleine oder große Überraschungen sorgt. Disziplin und Ausschweifung vereinen sich in Tolmeyn und machen ihn lebendig. Hinzu kommt seine Sexualität, die zur treibenden Kraft im Roman wird. Die Sehnsüchte und Liebschaften Tolmeyns sind es, die ihn durch die Welt treiben, die ihn verwirren und auch verzweifeln lassen. Aus Berlin musste er damals fliehen, weil die Geschichte mit einem Soldaten einen ungünstigen Verlauf nahm. In Italien hängt sein ganzes Wohlbefinden an seinem Assistenten aus der Schweiz, der nahe ist, aber nie nahe genug.

Der Autor versteht es die damaligen Umstände in die Geschichte einzuflechten. An erster Stelle steht das damalige Verbot der Homosexualität in Deutschland, welches den Protagonisten in manch missliche Lage bringt. Darüber hinaus wird regelmäßig auf das Zeitgeschehen verwiesen und dies bestand damals zu großen Teilen aus Kriegspropaganda und strategischen Überlegungen. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges wirkt sich natürlich auf das Dasein Tolmeyns aus, besonders da Italien sich gegen Deutschland und Österreich wendet.

Erzählt wird dreifach – es wird die Vernehmung auf der Berliner Wache geschildert, Tolmeyn berichtet von seiner Zeit in Italien und der Kommissar von Treptow gibt Einblick in seine Memoiren, in welchen Tolmeyn einen besonderen Platz einnimmt. Der Kommissar erklärt seine Taktik im Verhör, seine Tricks und Vermutungen, nebenbei seine persönliche Sicht der Dinge in Bezug auf Homosexualität und Krieg.

Sehr unterhaltsam und kurzweilig ist der Aufbau des Buches, die unterschiedlichen Sichtweisen, die verschiedenen Zeiten, die ausführliche Berichterstattung Tolmeyns, der selbstverliebte Ton des Kommissars, die historischen Einblicke in die Hinterlassenschaft von Friedrich II, der aufkommende Krieg in der nicht allzu großen Ferne: alles wird gekonnt zusammengefügt, um am Ende ein einheitliches Bild zu schaffen. Poschenrieder ist ein vielseitiger Roman gelungen, der eine persönliche Geschichte erzählt, aber auch die damalige Zeit lebendig abbildet, dazu mit weiter zurückliegender Historie angereichert ist. Elegant und ruhig entwickelt sich die Handlung und lässt den Leser immer tiefer eintauchen, ganz langsam, aber unwiderstehlich.

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