Die Sprache der Vögel

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: C.H. Beck, 2015, Seiten: 238, Originalsprache

Couch-Wertung:

90
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Rita Dell'Agnese
Das Lied der Vögel, das noch lange nachklingt

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Apr 2015

Kann man die Schrecken des Kriegs, Schuld, Verwundung der Seele und Tod auf eine poetische Weise erzählen, ohne sie kleinzureden? Ja, man kann! Norbert Scheurer beweist es mit seinem Roman Die Sprache der Vögel. Bedrückend schön ist der Roman in seinen klaren Aussagen. Aussagen, die heftig sind, gerade dadurch, dass sie nicht in einer direkten, zuweilen groben Sprache gemacht werden. Ins Zentrum seines Romans stellt Norbert Scheurer den jungen Mann Paul Arimond. Er zieht als Sanitätsobergefreiter nach Afghanistan in den Krieg – und sieht im fernen Land am ungewohnt blauen Himmel nicht Kampfflugzeuge, sondern Vögel. Paul Arimond ist nicht der erste seiner Familie, der den gefiederten Freunden zugetan ist. Schon ein Urahne von ihm bereiste die ganze Welt, um mit Vögel zu entdecken und zu beobachten.

Die feine, zurückhaltende und doch so leidenschaftliche Art, mit der Paul Arimond seine Beobachtungen tagebuchartig festhält, steht in einem direkten Widerspruch zu seinen innersten Gefühlen. Denn so sehr sich der junge Mann auch auf die Beobachtung der Vögel konzentriert, in ihm schwelt eine Schuld, die er nur bedingt zu unterdrücken vermag. In einem zweiten Erzählstrang, der die Leser aus Afghanistan zurück in die Eifel bringt, erzählt der Autor die Geschichte des jungen Mannes und wie er Schuld auf sich geladen hat – oder weshalb er meint, Schuld mit sich zu tragen.

Norbert Scheurer geht virtuos mit der Sprache um. Er pflegt einen direkten, unprätentiösen Erzählstil und genau dies passt ausgezeichnet zu diesem stillen und in so vielen Bereichen berührenden Roman. Tatsächlich spielen darin die Vögel eine tragende Rolle. Wer aber nun davon ausgeht, dass sich der Roman primär an Ornithologen richtet, der irrt. Die Erklärungen über die verschiedenen Vogelarten und ihre Eigenheiten sind auf eine so feinfühlige Art eingewoben, dass sie niemals stören, sondern eher einen feinen Klang ergeben, der die Geschichte im Hintergrund konsequent begleitet. Der Autor baut ganz langsam Spannung auf, fast unmerklich zunächst, doch immer straffer, so dass es je länger desto schwieriger wird, den Roman aus den Händen zu legen. Gefangen von der ersten Seite an, wird man zum Verehrer des Buches bis die Gefühle in eine innige Liebe münden. Norbert Scheurer berührt mit seiner Geschichte die Seele der Leser.

Eindrucksvoll skizziert Norbert Scheurer, was in Paul Arimond vor sich geht. Der Einblick, den er in die Gedankenwelt des Mannes gestattet, bringt dem Leser die Kriegserfahrungen der jungen Männer nahe, die in einer Welt aufgewachsen sind, in der der Krieg nicht unmittelbar zu spüren war. Der Autor hat sich intensiv mit der Psyche seiner Figur beschäftigt und schafft es mühelos, dem Leser begreifbar zu machen, was in den Köpfen der Soldaten vor sich geht und weshalb die meisten von ihnen nach einem Einsatz so stark verändert nach Hause kommen. Ohne es bewusst wahrzunehmen, versinkt der Leser in der Geschichte und erlebt einen Teil dieser Zerrissenheit mit, die die Männer im Einsatz fernab der Heimat empfinden.

Es ist ein kurzer, stiller Roman. In seiner Stille aber ein so starker Roman, dass er weit über die letzte Seite hinaus nachklingt. Und ein Roman, den man wohl auch ein zweites Mal lesen kann, ohne dass er seinen Zauber einbüßt und oder langweilt. Die zahlreichen, ins Buch gestreuten Vogelzeichnungen passen optimal zum Text und stellen beim Lesen eine Bereicherung dar, laden sie doch zum kurzen Innehalten und Betrachten ein. Norbert Scheuer vereint geschickt verschiedenste Elemente und gibt den Lesern sehr viel Raum, um nachzudenken – und Lücken zu füllen. Damit wird der Roman zu etwas, das sich ganz mit dem Leser vereint. Paul Arimond schließlich loszulassen, fällt schwer. Und doch ist es trotz allem ein Loslassen ohne Groll.

Die Sprache der Vögel

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