Gebete für die Vermissten

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Hogarth, 2014, Titel: 'Prayers for the Stolen', Originalsprache

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Sebastian Riemann
Gewalt, der man nicht entfliehen kann

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Apr 2015

Ladydi wurde als Mädchen geboren und sollte ein Junge sein, aber eigentlich ist es egal wer sie ist, denn früher oder später wird sie ihr Heimatdorf auf dem Dschungelberg verlassen, von der Armut vertrieben oder von der Gewalt eingeholt. Niemand bleibt im Dorf, nur die giftigen Schlangen und Skorpione. Lebensfeindlich ist die Welt in der Provinz in Guerrero, im Südwesten Mexikos, wo tropisches Klima, Drogenkartelle und Landflucht das Dasein bestimmen.

Hübsche Mädchen sind gefährdet, deshalb schneiden ihnen die Mütter die Haare ab, verkleiden sie als Jungen, schmieren sie mit Dreck ein und graben im Hinterhof ein Loch für jedes Mädchen, in welchem sie sich verstecken sollen, sobald ein großer, schwerer SUV mit getönten Scheiben vorfährt. Die Mütter wollen sie vor den Schergen der Drogenbosse schützen, wollen verhindern, dass sie entführt und wie Ware verkauft werden, an den Mann, der das meiste Geld für ihre jugendliche Schönheit bezahlen will. Alle kennen die bewaffneten Männer in den teuren Wagen, die jedes Mädchen mitnehmen, das ihnen ausreichend hübsch erscheint. Entführung und Menschenhandel sind Normalität, ohne Alternative. Ein grauenhaftes Schicksal, welches man hinauszögern, scheinbar aber nicht verhindern kann. Die Polizei hilft nicht, sie arbeitet mit den Kartellen zusammen und Hilfe von den Ehemännern und Vätern können die Mütter und ihre Töchter nicht erwarten, da es schlechthin keine Männer im Dorf gibt. Auf der Suche nach Arbeit ziehen sie in die Städte oder über die Grenze im Norden, weit weg von diesem furchtbaren Ort, versuchen sich ein neues Leben aufzubauen und die Zurückgelassenen zu vergessen. So bleiben die Frauen und Mädchen zurück.

Ladydi lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen, heißen Haus mit Kabelfernsehen. Keine Telenovelas schaut sich die verbitterte, ständig betrunkene Mutter an, sondern Dokumentationen über alles und jeden auf der Welt. Der Fernseher ist das Tor zur restlichen Welt, dort herrschen weniger Armut und Gewalt, dort passieren interessante Dinge. Fernsehwissen eignet sich die Frau an und kann dem eigenen Elend ein wenig entfliehen. Der Mann ist schon lange weg, geblieben ist nur der Hass auf ihn. Seine galante Art hatte die Mutter einst vereinnahmt, doch nicht nur sie allein. Durch einen Überraschungsbesuch bestätigen sich die Befürchtungen, der Mann habe eine Affäre. Jahre später wird auch evident, dass die Nachbarin ein Kind mit dem Mann hat, eine Tochter, die beste Freundin von Ladydi.

Der Roman handelt von allgemeiner Gewalt, wie sie viele Menschen in Mexiko erleben, handelt von der resultierenden Ohnmacht und Ausweglosigkeit. Um Material und Aussagen für das Buch zu sammeln, hat Jennifer Clement über zehn Jahre Interviews mit Frauen in Mexiko geführt, sie sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen und über den Menschenhandel im Land. Das Resultat ist ein packender Roman, der geschickt die Perspektive der Frauen verdeutlicht, ihr Leben mit der Gefahr entführt zu werden. Ergänzt wird das brisante Thema mit der Darstellung des allgemeinen Machismo im Land, der den Frauen und Mädchen eine passive Rolle aufzwingen will. Am Rande, wie selbstverständlich, begleitet der Krieg gegen die Drogen das Leben der Mädchen. Giftgas wird auf ihr Dorf abgeworfen, in sicherer Entfernung zu den Feldern der Kartellbosse. Bekämpfung wird vorgespielt, letztlich arbeiten alle zusammen und die Schutzlosen tragen die Kosten.

Große Aufmerksamkeit erregte das Buch nicht nur durch seine erschreckende Abbildung des Menschenhandels, sondern auch durch aktuelle Geschehnisse in Mexiko. Im September 2014 wurden in Ayotzinapa, im Bundesstaat Guerrero, in dem auch der Roman spielt, 43 Studenten von der lokalen Polizei verhaftet, weil sie sich politisch manifestieren wollten. Da die Polizisten auch für das regionale Drogenkartell arbeiteten, wird davon ausgegangen, dass sie die Studenten selbst töteten oder an Mitglieder des Kartells übergaben, welche dann die Exekutionen vornahmen. Angeordnet wurde die Aktion scheinbar vom Bürgermeister der Stadt und seiner Frau, beiden werden Verbindungen zum Drogenkartell nachgesagt. Die Ereignisse lösten Proteste im ganzen Land aus, erregten international Aufsehen und setzten den Präsidenten unter Druck. Es war ein weiterer trauriger Höhepunkt des Drogenkrieges im Land, der seit 2006 viele Menschen das Leben gekostet und eine bisher ungekannte Welle der Gewalt ausgelöst hat.

Clements Buch ist nicht nur mitreißend, sondern auch sehr ambitioniert, es will aufmerksam machen auf gravierende Missstände in ärmlichen, vergessenen Regionen Mexikos, die gnadenlos ausgebeutet werden. Menschliche Katastrophen werden sehr lebensnah dargestellt, ohne dabei eine reißerische Sprache zu verwenden und in Effekthascherei zu verfallen. Ein empfehlenswerter Einblick in eine harte, unmenschliche Realität.

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