Unterwerfung

  • Berlin : Der Audio Verlag, 2015, Seiten: 6, Übersetzt: Christian Berkel, Bemerkung: ungekürzte Lesung
Unterwerfung
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Almut Oetjen
83

Belletristik-Couch Rezension vonApr 2015

Keine islamfeindliche Dystopie

Der Literaturwissenschaftler François hat seine Dissertation über Joris-Karl Huysmans geschrieben und ist Professor an der Sorbonne (Paris III). Er verehrt zwar Huysmans, mag sich selbst aber nicht besonders, den Rest der Welt offenbar noch weniger. Sein überwiegend langweiliges Dasein wird bestimmt durch seine Arbeit, Affären mit Studentinnen und ihn wenig interessierende Treffen mit Kollegen. Gelegentlich sickert Politik in seinen Alltag, die er jedoch gut filtern kann: Hochschulpolitik, Tagespolitik, die Agonie der Sozialdemokratie. François sinniert über Pornografie und Internet, die sexuellen Fähigkeiten seiner Partnerinnen, sein eigenes sexuelles Vermögen und Huysmans' Literatur. Die Wahlen im Jahr 2022 enden mit einer Koalition aus Sozialisten und Muslimbrüdern, um die Partei mit den meisten Stimmen, den Front National, nicht an die Regierung kommen zu lassen. Die wichtigsten Ministerien aus Sicht der Sozialisten gehen an die Sozialisten, die Muslimbrüder interessieren sich primär für die Bereiche Bildung und Wissenschaft.

Ein Upgrade der Endzeitbibel des Fin de siècle

Die Universitätsangehörigen können sich nicht vorstellen, dass irgendein politisches Geschehen ihnen etwas anhaben könnte. Der neue Präsident wird der charismatische Mohammed Ben Abbes, die Saudis überschwemmen die Sorbonne mit Geld, wer als Wissenschaftler an der Uni bleiben will, konvertiert, erhält das dreifache Gehalt und kann sich mehrere Ehefrauen leisten, gerne auch minderjährige. Wer nicht zum Islam übertritt, wird pensioniert und bekommt, unabhängig von seinem Alter, monatlich den Betrag, der ihm beim Antritt in die Ruhegeldphase zustehen würde. Alles eine Frage der Anreize.

Unterwerfung ist zweierlei nicht: eine Dystopie und islamfeindlich. Dystopisch ist er nicht, weil er einen akzeptierten Zukunftsentwurf präsentiert, in dem die Menschen frei wählen, eine Koalition akzeptieren und anschließend in regen Opportunismus verfallen. Sie folgen der Anreizlogik, die sich aus der Veränderung ergibt, nutzen die Chancen und Vorteile der neuen Zeit, oder sie machen etwas anderes, ohne dafür abgestraft zu werden. Aber das ist nichts wirklich Neues. Islamfeindlich ist Unterwerfung nicht, weil der Islam trotz vereinzelter Kritikpunkte von den Romanfiguren als eine akzeptable Alternative zur gegebenen Lage der Gesellschaft betrachtet wird. Die Gesellschaft insgesamt ist dekadent, worin eine weitere Verbindung zu Huysmans und seinem Roman Gegen den Strich, François' Lieblingsbuch, die Bibel des Fin de siècle, offensichtlich wird.

Unterwerfung spielt in einer sehr nahen Zukunft, die überwiegend als unsere Gegenwart erkennbar ist. Hinweise auf die Handlungszeit gibt es anfangs keine. Später wird einmal die Zeit nach 2017 erwähnt, manche Abschnitte sind überschrieben mit der Angabe von Tag und Monat, das Jahr 2022 wird sehr spät genannt. Das politische Klima in Frankreich wird zu Beginn als Marginalie behandelt. Wir erfahren, dass die Anhänger der Muslimbrüder sich in den Jahren vor ihrer Wahl auf eine Art Marsch durch die Gesellschaft und ihre Institutionen, soweit möglich, begeben und so im Kleinen Elemente einer Machtinfrastruktur vorbereitet haben. Die neue Ordnung kommt nicht abrupt über die Menschen, manifestiert sich vielmehr über einen langsamen Sickerprozess.

Der politische Sektor ist allein ausgerichtet auf den Machterwerb, den Machterhalt und die Bedienung eigener sowie Klientelinteressen. Das Instrument dazu ist die Umverteilung zumeist finanzieller Ressourcen. Eine politische Haltung, die unabhängig von diesen Parametern wäre, ist nicht erkennbar. Deswegen kommt schnell eine von mehreren möglichen Koalitionen zustande, die vordergründig dem Zweck dient, den Front National als Regierungsmacht zu verhindern. Einer der Gründe für das Abschneiden des Front National liegt darin, dass Marine Le Pen sich als Rollenmodell Angela Merkel ausgewählt hat, deren Stil im Äußeren nachahmt und so ihre Zustimmungswerte steigern kann. Codierungen im Außen werden umso bedeutsamer, je weniger der Innenraum zu bieten hat.

Houellebecq sieht eine innere politische Dynamik zu den neuen Machtverhältnissen führen, die durch Nicht-Partizipation oder direkt von den Wählern mitgetragen wird. Er sagt nichts dazu, ob das geltende Regelsystem soweit verändert wird, dass es keine nächsten Wahlen geben wird, oder ob die Franzosen nicht bei der nächsten Wahl Ben Abbes die absolute Mehrheit verschaffen. In einem temporären Experiment wird der Laizismus suspendiert. Ob dies so bleibt, ob eine spätere Rückkehr möglich ist, dies ist nicht mehr Thema des Romans.

François jedenfalls interessiert dies weniger als seine unidirektionale Liebesgeschichte mit Huysmans, in dem er sich eher negativ spiegelt, als sich wissenschaftlich mit ihm auseinanderzusetzen. François, ein Atheist oder Agnostiker, das wird nicht wirklich klar, verspürt ein gelegentliches Bedürfnis nach Spiritualität, manche Szenen wie die mit der schwarzen Jungfrau legen dies nahe, das aber nicht befriedigt werden kann. François weiß nicht, wie man glauben soll, wenn es meist um Fragen des Wissens geht.

Insoweit François Repräsentant der intellektuellen Sphäre ist, arbeitet Houellebecq unter Verwendung einer Reihe von Bezügen heraus, dass es zwar Akademiker gibt, die über diesen Status allenfalls noch als Intellektuelle markiert, längst aber keine mehr sind. Er ist nicht nur ein Opportunist, der schlussendlich Huismans verrät, sondern ein banaler Spießer, der ein Leben wie alle anderen Spießer führt, von der Bewältigung seines Alltags bis hin zum Umgang mit Medien, wofür die spezifische Form seiner Zuschauerbeteiligung an den Wahlprogrammen exemplarisch ist.

Zwar arrangiert sich die große Mehrheit der Bevölkerung schnell mit den neuen Verhältnissen, aber die französischen Juden sehen in eine dunkle Zukunft. Viele verlassen das Land aus Angst vor einer faschistischen Regierung unter Führung Marine Le Pens und damit einhergehend zunehmenden judenfeindlichen Handlungen. Sollte die muslimische Regierung an der Macht bleiben, sieht ihre Zukunft ähnlich aus. Der Roman weist darauf hin, dass die politisch-gesellschaftliche Entwicklung europaweit einen ähnlichen Weg nimmt.

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