Unterwerfung

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Berlin : Der Audio Verlag, 2015, Seiten: 6, Übersetzt: Christian Berkel, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Almut Oetjen
Keine islamfeindliche Dystopie

Buch-Rezension von Almut Oetjen Apr 2015

Der Literaturwissenschaftler François hat seine Dissertation über Joris-Karl Huysmans geschrieben und ist Professor an der Sorbonne (Paris III). Er verehrt zwar Huysmans, mag sich selbst aber nicht besonders, den Rest der Welt offenbar noch weniger. Sein überwiegend langweiliges Dasein wird bestimmt durch seine Arbeit, Affären mit Studentinnen und ihn wenig interessierende Treffen mit Kollegen. Gelegentlich sickert Politik in seinen Alltag, die er jedoch gut filtern kann: Hochschulpolitik, Tagespolitik, die Agonie der Sozialdemokratie. François sinniert über Pornografie und Internet, die sexuellen Fähigkeiten seiner Partnerinnen, sein eigenes sexuelles Vermögen und Huysmans' Literatur. Die Wahlen im Jahr 2022 enden mit einer Koalition aus Sozialisten und Muslimbrüdern, um die Partei mit den meisten Stimmen, den Front National, nicht an die Regierung kommen zu lassen. Die wichtigsten Ministerien aus Sicht der Sozialisten gehen an die Sozialisten, die Muslimbrüder interessieren sich primär für die Bereiche Bildung und Wissenschaft.

Ein Upgrade der Endzeitbibel des Fin de siècle

Die Universitätsangehörigen können sich nicht vorstellen, dass irgendein politisches Geschehen ihnen etwas anhaben könnte. Der neue Präsident wird der charismatische Mohammed Ben Abbes, die Saudis überschwemmen die Sorbonne mit Geld, wer als Wissenschaftler an der Uni bleiben will, konvertiert, erhält das dreifache Gehalt und kann sich mehrere Ehefrauen leisten, gerne auch minderjährige. Wer nicht zum Islam übertritt, wird pensioniert und bekommt, unabhängig von seinem Alter, monatlich den Betrag, der ihm beim Antritt in die Ruhegeldphase zustehen würde. Alles eine Frage der Anreize.

Unterwerfung ist zweierlei nicht: eine Dystopie und islamfeindlich. Dystopisch ist er nicht, weil er einen akzeptierten Zukunftsentwurf präsentiert, in dem die Menschen frei wählen, eine Koalition akzeptieren und anschließend in regen Opportunismus verfallen. Sie folgen der Anreizlogik, die sich aus der Veränderung ergibt, nutzen die Chancen und Vorteile der neuen Zeit, oder sie machen etwas anderes, ohne dafür abgestraft zu werden. Aber das ist nichts wirklich Neues. Islamfeindlich ist Unterwerfung nicht, weil der Islam trotz vereinzelter Kritikpunkte von den Romanfiguren als eine akzeptable Alternative zur gegebenen Lage der Gesellschaft betrachtet wird. Die Gesellschaft insgesamt ist dekadent, worin eine weitere Verbindung zu Huysmans und seinem Roman Gegen den Strich, François' Lieblingsbuch, die Bibel des Fin de siècle, offensichtlich wird.

Unterwerfung spielt in einer sehr nahen Zukunft, die überwiegend als unsere Gegenwart erkennbar ist. Hinweise auf die Handlungszeit gibt es anfangs keine. Später wird einmal die Zeit nach 2017 erwähnt, manche Abschnitte sind überschrieben mit der Angabe von Tag und Monat, das Jahr 2022 wird sehr spät genannt. Das politische Klima in Frankreich wird zu Beginn als Marginalie behandelt. Wir erfahren, dass die Anhänger der Muslimbrüder sich in den Jahren vor ihrer Wahl auf eine Art Marsch durch die Gesellschaft und ihre Institutionen, soweit möglich, begeben und so im Kleinen Elemente einer Machtinfrastruktur vorbereitet haben. Die neue Ordnung kommt nicht abrupt über die Menschen, manifestiert sich vielmehr über einen langsamen Sickerprozess.

Der politische Sektor ist allein ausgerichtet auf den Machterwerb, den Machterhalt und die Bedienung eigener sowie Klientelinteressen. Das Instrument dazu ist die Umverteilung zumeist finanzieller Ressourcen. Eine politische Haltung, die unabhängig von diesen Parametern wäre, ist nicht erkennbar. Deswegen kommt schnell eine von mehreren möglichen Koalitionen zustande, die vordergründig dem Zweck dient, den Front National als Regierungsmacht zu verhindern. Einer der Gründe für das Abschneiden des Front National liegt darin, dass Marine Le Pen sich als Rollenmodell Angela Merkel ausgewählt hat, deren Stil im Äußeren nachahmt und so ihre Zustimmungswerte steigern kann. Codierungen im Außen werden umso bedeutsamer, je weniger der Innenraum zu bieten hat.

Houellebecq sieht eine innere politische Dynamik zu den neuen Machtverhältnissen führen, die durch Nicht-Partizipation oder direkt von den Wählern mitgetragen wird. Er sagt nichts dazu, ob das geltende Regelsystem soweit verändert wird, dass es keine nächsten Wahlen geben wird, oder ob die Franzosen nicht bei der nächsten Wahl Ben Abbes die absolute Mehrheit verschaffen. In einem temporären Experiment wird der Laizismus suspendiert. Ob dies so bleibt, ob eine spätere Rückkehr möglich ist, dies ist nicht mehr Thema des Romans.

François jedenfalls interessiert dies weniger als seine unidirektionale Liebesgeschichte mit Huysmans, in dem er sich eher negativ spiegelt, als sich wissenschaftlich mit ihm auseinanderzusetzen. François, ein Atheist oder Agnostiker, das wird nicht wirklich klar, verspürt ein gelegentliches Bedürfnis nach Spiritualität, manche Szenen wie die mit der schwarzen Jungfrau legen dies nahe, das aber nicht befriedigt werden kann. François weiß nicht, wie man glauben soll, wenn es meist um Fragen des Wissens geht.

Insoweit François Repräsentant der intellektuellen Sphäre ist, arbeitet Houellebecq unter Verwendung einer Reihe von Bezügen heraus, dass es zwar Akademiker gibt, die über diesen Status allenfalls noch als Intellektuelle markiert, längst aber keine mehr sind. Er ist nicht nur ein Opportunist, der schlussendlich Huismans verrät, sondern ein banaler Spießer, der ein Leben wie alle anderen Spießer führt, von der Bewältigung seines Alltags bis hin zum Umgang mit Medien, wofür die spezifische Form seiner Zuschauerbeteiligung an den Wahlprogrammen exemplarisch ist.

Zwar arrangiert sich die große Mehrheit der Bevölkerung schnell mit den neuen Verhältnissen, aber die französischen Juden sehen in eine dunkle Zukunft. Viele verlassen das Land aus Angst vor einer faschistischen Regierung unter Führung Marine Le Pens und damit einhergehend zunehmenden judenfeindlichen Handlungen. Sollte die muslimische Regierung an der Macht bleiben, sieht ihre Zukunft ähnlich aus. Der Roman weist darauf hin, dass die politisch-gesellschaftliche Entwicklung europaweit einen ähnlichen Weg nimmt.

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Letzte Kommentare:
23.04.2015 14:58:19
sky pilot

"Unterwerfung" ist zweifellos Michel Houellebecqs politischster Roman und dennoch fern jeder Simplifizierung oder propagandistischen Überhöhung. Das Szenario, das der Autor entwirft, basiert auf der sehr realistischen Annahme, daß die linken und bürgerlichen "Volksparteien" Frankreichs sich eher einer moslemischen Partei unterordnen werden, als daß sie bereit sind, die Macht der nationalistischen Rechten zu überlassen. Das wäre in Deutschland im übrigen nicht anders. Nüchtern und ohne jeden Pathos analysiert der Autor die Motive und Handlungen der politischen und intellektuellen Klasse Frankreichs und kommt zu dem Fazit, daß mittelfristig die Unterwerfung unter den Islam die wahrscheinlichste Option ist. Eigentlich banale Selbstverständlichkeiten, wie die, daß diejenige Gesellschaftsgruppe, die die meisten Kinder in die Welt setzt, letztlich auch die Macht im Staate erwirbt, gelten hierzulande als rechtsextrem, was für den zunehmenden Realitätsverlust der Beteiligten spricht. Houllebecq widersteht sogar der Versuchung, den Niedergang der etablierten Parteien zu überzeichnen oder den Islam als rückständig zu denunzieren. Der neue moslemische Präsident wird sogar als relativ positive Gestalt dargestellt und der Übergang der Machtergreifung als weitgehend friedlich. Die Hauptperson ist dagegen austauschbar, ein mittelalter Literaturwissenschaftler in Universitätsdiensten, der auf seinem Fachgebiet kompetent ist, im übrigen aber ein eher freudloses Leben führt und Bindungen meidet. Aber gerade durch diese Austauschbarkeit gelingt es dem Autor, die Prinzipien- und Haltlosigkeit der intellektuellen Elite seines Landes glaubwürdig zu schildern, die dazu führt, daß sich die Beteiligten ohne nennenswerten Widerstand den neuen Machthabern und dem Islam zu unterwerfen, sofern sie selbst daran materiell und sexuell (Polygamie) partizipieren können. Man kann dem Roman sicherlich vorwerfen, daß er sich eher der Gesellschaftsbeschreibung als einer stringenten oder gar spannenden Handlung widmet, dennoch bleibt es das Verdienst des Autors der "Elite" seines Landes den Spiegel vorgehalten und eine Entwicklung beschrieben zu haben, die so oder ähnlich früher oder später eintreten wird. Das toleranz- und genderselige alte Europa hat ebenso ausgedient wie der "wissenschaftliche" Atheismus. Nach der Enttäuschung von "Karte und Gebiet" hat der Autor wieder zu kraftvoller Gesellschaftskritik zurückgefunden, auch wenn sie unter dem Mantel der Resignation und Unterwerfung daherkommt.