Anarchie in Ruhrstadt

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Göttingen: Wallenstein, 2014, Seiten: 240, Originalsprache

Couch-Wertung:

50
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Kathrin Plett
Das Ruhrgebiet als große Stadt

Buch-Rezension von Kathrin Plett Feb 2015

Dortmund, Essen, Bochum, Gelsenkirchen oder Duisburg, alles Großstädte des Ruhrgebiets mit eigener Geschichte, eigenem Charakter und Gesicht. Alle eigenständig und voneinander unabhängig. Was wäre, wenn sich die 53 Städte des Ruhrgebiets zusammenschließen würden, sodass eine fast 10Millionen Einwohner starke Megagroßstadt entstände?

Das Ruhrgebiet im August 2015, die bisher amtierende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kündigt ihren Rückzug an. An die Macht kommt György Albertz, ein Schriftsteller, der aus dem Exil zurückkehrt. Er hat den Traum, eine Großstadt entstehen zu lassen, die als Heimat für alle dient, die sich bisher schwer getan haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, nicht akzeptiert waren oder ein Nischendasein fristeten. Schwerpunkt seiner postindustriellen Metropole soll die Entfaltung von Kreativität und Kunst sein, die die alte Industrie ersetzen soll. Aus der Vision wird Realität, aus Duisburg entsteht Dschungelburg als Heimat aller Pflanzenliebhaber, einige ziehen nach Trans Town oder versuchen ihr Glück in einem der neuen Viertel für Mode (Dortmund), Fitness (Bottrop) oder Schriftstellerei (Wesel). Die Welt außerhalb von Ruhrstadt kennt man nach kurzer Zeit nur noch als ROW: REST OF THE WORLD.

Jörg Albrecht, geb. 1981 in Bonn, lebt in Berlin. Er studierte Komparatistik, Geschichte, Literatur¬ und Theaterwissenschaft in Wien und Bochum, wo er auch promovierte. Neben seinen Romanen veröffentlichte er in den letzten Jahren zahlreiche Hörspiele und Theaterstücke. Zusammen mit seinem Theaterkollektiv copy & waste enwickelte er eine Bühnenversion von Anarchie in Ruhrstadt.

In seinem neuesten Roman beschreibt Jörg Albrecht die Utopie einer großen Ruhrgebietsstadt, die alle 53 Einzelstädte zu einer verbindet und zu einer Heimat für die wird, die sich in der normalen Arbeitswelt nicht wiederfinden. Er entwickelt schräge und schillernde Figuren, die ihre Ideen ausleben, ihren Träumen nachgehen und versuchen, die Vision der Stadt wahr werden zu lassen. Detailreich beschreibt er das Leben in der Stadt:

 

„Helle Glöckchen, leicht unterhalb der Schmerzgrenze spielen aus versteckten Lautsprechern, Männer und Frauen in Arbeitskitteln [mintfarben] und mit Schutzbrillen, die sich zu Schutzhelmen vergrößern können, laufen durcheinander [...]"

 

Albrecht schreibt hip und modern, was sich nicht nur in seiner Wortwahl, sondern auch in der Wahl der Namen seiner Figuren widerspiegelt, die als Elodie Melodie, Rick Rockatansky oder Julieta Morgenroth sicherlich keine alltäglichen Namen tragen. Auch thematisch zeigt sich der junge Autor offen und aufgeschlossen und stellt eine Welt dar, wie sie sich heute noch nicht findet:

 

„Die Transen proben den Aufstand nicht mehr, wir haben ihn längst geprobt, jetzt kommt die Aufführung! - Tra-nar-chie!, skandiert es, die ganze Menge auf dem Platz der Herz-Jesu-Kirche in Trans Town, etwa zweitausend transsexuelle Menschen. Keine andere Metropole der Welt hat die Transen je so umarmt wie die Ruhrstadt. In dem Stadtteil, in dem Rick, der Tüllberg namens Tülla Durieux und die anderen stehen, fanden die Transen 2017 ihr Zuhause: in Oberhausen."

 

Die Zitate sprechen für sich und stehen stellvertretend für den ganzen Roman, der durchgängig diesem Stil folgt.

Alles in allem hat Jörg Albrecht mit Anarchie in Ruhrstadt einen schrägen Roman veröffentlicht, der sowohl sprachlich als auch von seiner Idee her ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig ist. Ein interessantes Werk, dass jedoch nicht jedermanns Geschmack ist.

Anarchie in Ruhrstadt

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