Der beste Roman des Jahres

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2014, Seiten: 256, Übersetzt: Nikolaus Hansen

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Plett
Wer bekommt den Buchpreis des Jahres?

Buch-Rezension von Kathrin Plett Feb 2015

Mitglied einer Jury zu werden, ist in den meisten Fällen eine große Ehre. Schließlich muss im Vorhinein eine Leistung erbracht worden sein, die auf allgemeine Akzeptanz gestoßen ist und zeigt, dass jemand in einem Bereich besonders kompetent ist. Denn um einen Preis zu verleihen ist es schließlich notwendig, dass sich die Beurteiler auf ihrem Gebiet besonders gut auskennen, um zu einem fachkundigen und fairen Urteil zu kommen. So sollte es zumindest im Idealfall sein. Ob es in der Realität auch immer in dieser Weise abläuft, ist für Laien und Außenstehende so gut wie nicht zu überprüfen, denn wer würde von sich schon behaupten, mehr Ahnung zu haben als die speziell ausgewählten Experten? Dass es auch anders laufen kann und bei Preisverleihungen nicht immer alles so abläuft, wie es für eine gerechte Auswahl notwendig ist, beschreibt Edward St Aubyn in seinem neuesten Roman.

Alle Jahre wieder steigt die Spannung im Vorfeld der Verleihung des gefragten Elysia Preises, dem Preis für den besten Roman des Jahres, ins Unermessliche. Nicht nur die Jurymitglieder versuchen ihre Kandidaten nach vorne zu bringen, auch die nominierten Untereinander versuchen sich gegenseitig zu übertrumpfen und durch Tricks und Finessen an den Sieg zu gelangen. Liebschaften, Intrigen und Hinterlist überschatten die Verleihung, die eigentlichen Werke rücken immer mehr in den Hintergrund. Hinzukommt, dass die ausgewählten Experten der Jury mit der Auswahl überfordert sind, Bücher aus Zeitgründen oder mangelndem Interesse nicht gelesen wurden oder sich blind auf die Aussagen anderer verlassen wird. Edward St Aubyn karikiert die literarische Welt. Auf satirische Art und Weise hinterfragt er die Maßstäbe und Kriterien der Kritikerbranche, die an so mancher Stelle vielleicht nicht immer gerechten und objektiven Prinzipien folgen.

Edward St Aubyn, geboren 1960 in London, studierte in Oxford, bevor er als Autor tätig wurde. Mit seiner Patrick-Melrose-Saga, zu der er mehrere Romane veröffentlichte, gelang ihm schließlich der internationale Durchbruch.

In Der beste Roman des Jahres widmet sich Edward St Aubyn der nach außen doch sehr seriös wirkenden Literaturwelt. Schonungslos skizziert er eine Szene, die vor allem durch Beziehungen, gegenseitigen Absprachen und Manipulation lebt. Die Qualität der Werke wird zur Nebensache, im Vordergrund steht in erster Linie die persönliche Beziehung zwischen Kritikern und Autoren. Objektivität? Fehlanzeige. Voreingenommenheit wird in St Aubyns Werk eher wie ein Kavaliersdelikt angesehen, ist alltäglich und keine große Sache:

 

"Ein Lektor der mit seiner Autorin schlief, war nicht so schlimm wie ein Psychoanalytiker, der mit seiner Patientin schlief, oder ein Professor, der mit seiner Studentin schlief, oder gar ein Präsident, der es mit seiner Volontärin trieb; nichtsdestotrotz hatten ihn, als er seine Frau verließ und mit Katherine zusammenzog, ein paar eifersüchtige Kollegen bei Page&Turner beiseitegenommen, um ihn zu warnen vor der explosiven Mischung der verschiedenen Ebenen von Intimität, die mit einer solchen Konstellation einherging. Sie hatten ihm erzählt von Lektoren, die auf diesem Weg Spitzenautoren verloren hatten, oder von Schriftstellern, deren Talent verkümmert war oder die, schlimmer noch, angefangen hatten, rührselige und kraftlose Prosa zu schreiben."

 

Mit viel Ironie und Witz karikiert St Aubyn wie sich die Situation rund um die Verleihung immer weiter zuspitzt, die Intrigen immer verworrener werden, die Verflechtungen immer komplizierter, bis es am Ende zum großen Knall kommen muss und der Buchpreis an ein Kochbuch verliehen wird.

Alles in allem ist Der beste Roman des Jahres ein unterhaltsamer und schräger Roman, der trotz seiner vielen Übertreibungen doch klare Probleme der Literaturwelt anspricht. Sprachlich präzise überzeugt er mit seiner Darstellung einer doch etwas anderen Schreibszene.

Der beste Roman des Jahres

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