Judas

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Jerusalem: Keter, 2014, Titel: 'Habesorah al pi Yehuda', Originalsprache
  • Berlin: Parlando, 2015, Seiten: 1, Übersetzt: Christian Brückner, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Sebastian Riemann
Gespräche über Gott und die Welt, Idealisten und Realität

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jan 2015

Die Entstehung des israelischen Staates und die Geschichte des Judas Ischariot. Zwei Schwergewichte, derer sich der Schriftsteller Oz annimmt, mit Gemächlichkeit und Abstand. In seinem neuen Buch, welches nur den Titel Judas trägt, diesen Namen, der in der christlichen Geschichte mit Verrat gleichgesetzt wird, befasst er sich mit Themen, die den Lesern Ozs vertraut sind. Religiöse und politische Geschichte, die Verflechtung beider zu einem dichten Knäuel, welches vielerlei Interpretationen zulässt: schwierig und interessant.

Erzählt wird aus der Distanz. Ein junger Mann namens Schmuel Asch ist der vorgeschobene Protagonist; er ist Student in Jerusalem, schreibt mit wenig Erfolg an seiner Abschlussarbeit über "Jesus aus der jüdischen Perspektive", und ist gezwungen, aufgrund widriger finanzieller Umstände seiner Eltern, eine ungewöhnliche Stelle als Unterhalter anzunehmen, damit er ein Dach über dem Kopf und regelmäßige Mahlzeiten haben kann. Einen alten, kranken Mann soll er unterhalten, jeden Abend für ein paar Stunden. Darin besteht die Arbeit. Da das Dasein Schmuels an einem Tiefpunkt angekommen ist, nimmt er das merkwürdige Angebot an. Fortan unterhält er sich mit dem Alten über Gott und die Welt, die Gründung des israelischen Staates, über Jesus und Judas Ischariot.

Schmuel ist ein komischer Bursche, meist zum Lachen. Mit viel Freude beschreibt der Autor den Gang des jungen Mannes, der meist durch die Straßen Jerusalems rennt, den Oberkörper nach vorne gebeugt, so dass die Beine sich stets beeilen müssen, nicht den Anschluss zu verlieren. Unruhig ist er, äußerlich und innerlich. Meistens weiß er nicht recht, was er will, lässt sich treiben. Manchmal ist er melancholisch, denkt mit Wehmut an seine Ex-Freundin, sie ihn so überraschend verlassen hatte, um einen anständigen Wasseringenieur zu heiraten. Seine Interessen und Emotionen treiben ihn an, nicht die Erwartungen der Gesellschaft. Deshalb willigt er ein, im Haus des Alten zu wohnen, abgeschieden vom Rest der Welt, allein mit seinen Gedanken und der Arbeit.

Herr Wald – so der Name des alten Mannes – ist weise und spöttisch. Sein Körper ist schwach, nur mit viel Anstrengung bewegt er sich von einem Ort zum anderen. Sein Geist hingegen ist lebendig und hellwach, mit Leidenschaft streitet er mit Schmuel oder gleichaltrigen Freunden über Fragen der Religion oder Politik. Er kommentiert die Gedanken seines jungen Unterhalters mit Gutmütigkeit, aber auch mit Arroganz, wenn ihm die vorgebrachten Ideen mal wieder naiv erscheinen. Die Abschlussarbeit über Jesus diskutiert er nur selten mit Schmuel, meist ist sie ihm zu langweilig, aber allgemeine Fragen über Weltverbesserer und Idealisten erörtert er gerne.

Die dritte Person im Haus ist Atalja. Schmuel verliebt sich sofort in sie, auch wenn sie ihm gegenüber kühl und abweisend auftritt. Vielbeschäftigt ist sie, hat keine Zeit für diesen verlorenen Jüngling. Ein Geheimnis umgibt sie, das bemerkt man schnell. Ihre Verbindung mit Wald ist zuerst unklar, mutet sogar dubios an. Doch nach einiger Zeit wird die Geschichte erzählt, die Wald und Atalja in diesem Haus vereint. Die Gründung des Staates Israel spielt dabei eine wichtige Rolle, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Juden und Arabern, welche zugleich eine Entscheidung zwischen realen, harten Verhältnissen und Ideen von Völkerverständigung war.

Jesus und Judas werden größtenteils in gesonderten Kapiteln besprochen. Es sind die Nachforschungen Schmuels. Einen Abriss der Geschichte gibt er, zeigt auf, wie Jesus in der jüdischen Literatur betrachtet wird – belächelt wird er oder verleugnet – und sinniert über die Figur des Judas Ischariot, welcher als Verräter in die Geschichtsbücher einging. Das Judas-Evangelium bietet eine andere Lesart. Es verdeutlicht, dass das Christentum erst durch die Kreuzigung Jesus´möglich wurde. Erst sein Tod am Kreuz und seine folgende Auferstehung machten die Gründung der neuen Religion möglich, da sie den Anhängern die Göttlichkeit des Messias bewies. Die Mission Jesu wurde durch den vermeintlichen Verrat des Judas erfüllt, der Verrat ist somit Hilfestellung und Judas Ischariot der wahre Anhänger seines Meisters. Wäre Jesus nicht nach Jerusalem gegangen und nicht am Kreuz gestorben, er wäre nur einer von vielen Propheten in der Provinz geblieben.

Das Buch handelt von Idealisten, vom Glauben und vom Zweifel. Judas, Jesus und die aus ihrer Beziehung entstandene Religionsgeschichte stehen auf der einen Seite, der Vater Ataljas und die israelische Staatsgründung auf der anderen. Hässliche Realität und idealistische Liebe stehen sich dabei feindlich gegenüber, wobei letztere zumeist bezwungen wird und nur als utopische Möglichkeit erinnert wird.
Die Ähnlichkeit Schmuels mit Jesus – beide junger Männer auf der Suche nach Identität und Sinn – ist beschränkt, die Geschichte des einen soll nicht der Spiegel des anderen sein. Vielmehr dient die Figur des leidenschaftlichen, aber auch verwirrten Schmuel dazu, die großen Fragen und Taten, die im Buch in religiösen und politischen Kontexten besprochen werden, in einer nachvollziehbaren Realität zu verankern. Die großen Ereignisse der Geschichte werden greifbarer, da der unter Asthma leidende Student Asch an die historischen Figuren erinnert. Eine Diskussion fällt somit leichter.

Wie nicht anders zu erwarten, ist Amos Oz ein spannendes und interessantes Buch gelungen, in welchem er die Themen behandelt, die ihm liegen und die sein Werk ausmachen. Kenner seiner Literatur finden das, was sie an ihm schätzen, und auch neue Leser sollten keine Schwierigkeit haben, sich in die Diskussionen einzufinden. Leidlich an diesem Buch ist jedoch die vorgeschobene Haupthandlung, die sich letztendlich in Nichtigkeiten erschöpft und einen Protagonisten vorschiebt, der meist einer Karikatur ähnelt, so übertrieben wird seine Tagträumerei dargestellt. Es sind die schweren Inhalte, die Gewicht verleihen und die Aufmerksamkeit des Lesers fordern.

Die Übersetzung von Mirjam Pressler wurde auf der Leipziger Buchmesse mit dem Übersetzer-Preis 2015 ausgezeichnet. Pressler ist selbst erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin und wurde schon mehrfach für ihre Arbeit geehrt.

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