Zehnter Dezember

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: Luchterhand, 2014, Seiten: 272, Übersetzt: Frank Heibert
  • New York: Random House, 2013, Titel: 'Tenth of December. Stories', Originalsprache

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Sebastian Riemann
Meisterwerk der Sprache und Themenvielfalt

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2014

George Saunders ist wie ein guter Freund, den man lange Zeit nicht gesehen hat – sogleich versteht man sich bestens mit ihm und hört ihm aufmerksam zu, da er Interessantes aus der letzten Zeit zu erzählen hat. Wie unter guten Freunden üblich hält man sich nicht lange mit Smalltalk auf, sondern kommt schnell zum Kern der Erzählung. Saunders redet nicht über das schlechte Wetter der letzten Tage, sondern über Probleme in der Familie, persönliche Angelegenheiten und auch über außergewöhnliche Ereignisse, die den Alltag erschüttern.

Zehnter Dezember ist ein Band mit zehn Erzählungen, die sich in ihrer beeindruckenden Lebendigkeit und Authentizität gleichen, während sie sehr unterschiedliche Themen behandeln. Sie spielen meist in ländlichen Gegenden oder Kleinstädten und konzentrieren sich auf Familien. Spannungen zwischen Eltern und Kindern sind in jeder Erzählung zu finden, manchmal als zentrales Problem, manchmal als Hintergrund. Wichtige gesellschaftliche Themen werden dabei diskutiert und – hierin liegt eine große Stärke des Autors, welche ihn von vielen anderen unterscheidet – geschickt und glaubwürdig in die alltägliche und nachvollziehbare Welt der Protagonisten geholt. Die Auswirkungen von Krieg und Rassismus weiß der Autor darzustellen ohne mit dem Zeigefinger auf die altbekannten Probleme zu verweisen, vielmehr versteht er es solch schwere Themen in einfacher Weise darzustellen in einer Welt, die sich dieser Probleme enthoben glaubt. Dazu lässt er einen Kriegsveteranen in die Heimat zurückkehren und konfrontiert ihn mit finanziellen und familiären Problemen, die ihm keine Zeit lassen seine Kriegstraumata in Ruhe zu verarbeiten. Der Tod seiner Kameraden ist ihm noch eine frische Erinnerung, während er gezwungen wird sich des Alltags anzunehmen und Konflikte zu bewältigen, von denen er sich entfremdet fühlt, nachdem er den Krieg erlebt hat. Das Tempo solch einer Erzählung ist atemberaubend, auf wenigen Seiten spitzen sich eine Vielzahl von Problemen zu und lassen dem Leser, gleich dem Protagonisten, wenig Zeit um Abstand zu gewinnen. Der Leser wird überrumpelt und fühlt sich ähnlich hilflos wie der heimgekehrte Kriegsveteran.

Saunders arbeitet Genre übergreifend, neben dem Provinz-Familien-Drama gibt es eine Erzählung über unmoralische Medikamententests in einem Gefängnis, sowie eine kleine Science-Fiction Geschichte über Geld, Ansehen, Ignoranz und Rassismus.

Die Personen in den Erzählungen sind allesamt everyday people, ganz normale Leute, die sich mit ganz normalen Problemen herumschlagen und ganz normale Wünsche haben. Sie sind Menschen, die einen Großteil der Bevölkerung repräsentieren und keinen privilegierten Platz besetzen. Ihre Wünsche und Probleme sind leicht nachvollziehbar, ebenso ihre Sprache, die sehr lebensnah ist und den Texten ihre große Authentizität verleiht. Der Autor gibt jeder Geschichte große Lebendigkeit, indem er den Dialogen, aber auch den inneren Monologen, viel Platz einräumt – der kommentierende und beschreibende Erzähler versinkt meist in der Bedeutungslosigkeit. Die dabei eingesetzte Sprache ist wahrhaft bestechend, die Personen wirken ungekünstelt, ihr Ausdruck ist so einfach und ehrlich, nach wenigen Sätzen glaubt man sie schon lange zu kennen, vielleicht hat man den einen oder anderen von ihnen schon einmal getroffen.

Natürlichkeit erzeugt Saunders, da er seine Charaktere nah aneinander rückt oder ihre jugendliche Sprunghaftigkeit wiedergibt. In einem Gefängnis werden Experimente an Häftlingen durchgeführt, ihre Emotionen und geistigen Kapazitäten sollen mittels Medikamenten gelenkt werden. Versuchsleiter und Proband kommunizieren dabei in einer militärisch-wissenschaftlichen Sprache, sehr effektiv, zielgebunden, Witze bestehen aus drei bis fünf Wörtern. Die Authentizität der Sprache wird erzeugt durch eine Vermischung von Menschlichkeit und der frostigen Kälte eines Gefängnisses – die beiden involvierten Personen verstehen sich gut, unter anderen Umständen hätten sie Freunde sein können, aber sie nehmen in der gegebenen Situation gegensätzliche Positionen ein. Zusammen machen sie die Arbeit und lockern die Atmosphäre auf, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Als das Experiment eskaliert, kommt der Versuchsleiter in Schwierigkeiten, er kann sich nicht weiter hinter seiner neutralen Sprache verstecken, die Nerven gehen ihm durch und er muss sich auf eine Diskussion mit seinem Probanden einlassen. Das Grauen der Szene erhält dadurch einen menschlichen Anstrich und wird noch erschreckender, weil man es nicht in einen Bereich der Monstrosität verbannen kann. In freundschaftlichen Worten berichtete der Versuchsleiter von seinen eigenen Kindern und kurz darauf drückt er auf Knöpfe, die viel Leid erzeugen – seine Worte waren gut gewählt, auch wenn der Schleier, den sie aufzogen, schnell verschwand.

Die lebendigste Sprache generiert Saunders aber nicht durch freundschaftliche Nähe, sondern durch die Verwendung einer besonderer Charaktergruppe. Jugendliche sind des Öfteren seine Protagonisten oder zumindest in die Handlung einbezogen. Ihre Art des Ausdrucks ist sprunghaft und durchaus alternativ, sie erregen sogleich viel Aufmerksamkeit und gewähren Einblicke in ihre Gefühlswelt. Die Beschreibungen des Erzählers werden nahezu überflüssig, da sowohl die Umwelt als auch die Gedanken der Jugendlichen sich einen direkten Weg bahnen.

Wenn ein junges Mädchen ihren fünfzehnten Geburtstag in Gedanken durchspielt, erkennt der Leser ihre gute Erziehung am klassischen Märchencharakter ihrer Vorstellung und an der Verwendung französischer Worte, während ihre Jugendlichkeit darin zu Tage tritt, dass sie sich die peinlichen Kommentare der Jungs vorstellt.

 

"Hatte er gerade gesagt, Komm, wir stellen uns auf den Mond? Tja, da sollte sie wohl besser so {Augenbrauen hoch} machen. Und falls kein trockener Konter kam, sie dann so, Äh, für den Mond hab ich nicht ganz das Richtige an, der ist doch, wenn ich mich nicht irre, superkalt?"

 

Zehnter Dezember ist ein außergewöhnliches Buch, welches nicht vor großen Themen zurückschreckt, dabei immer auf dem Boden und bei seinen Charakteren bleibt, und mit einer sprachlichen Brillanz eine Nähe zwischen Leser und Inhalt erzeugt, wie man sie sehr selten antrifft.

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