Panischer Frühling

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2014, Seiten: 221, Originalsprache

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Kathrin Plett
Im Schatten des Vulkans

Buch-Rezension von Kathrin Plett Dez 2014

Wohl jeder hat noch den unaussprechlichen Namen des isländischen Vulkans im Kopf, der seinerzeit den Flugverkehr über Europa zum Erliegen brachte: Eyjafjallajökull. Egal, wie wichtig ein Termin vorher war, wie dringend eine Abreise. Wer auf das Flugzeug angewiesen war, musste warten. Warten, dass sich die Asche über Europa wieder lichtet und der Luftraum freigegeben wird. Besonders stark beeinträchtigt war der Londoner Flughafen Heathrow, der normalerweise eine der wichtigsten Drehscheiben des europäischen Flugverkehrs ist. Ohne Aussicht auf baldige Entwarnung saßen dort zehntausende Passagiere fest. Der normale Alltag kam zum Erliegen. Eine nervenaufreibende Zeit, die in einer sonst so hektischen Stadt auch ganz neue Erfahrungen ermöglichte.

Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull legt den europäischen Luftverkehr lahm. Zehntausende Passagiere können nicht abheben und sitzen fest. Obwohl über Europa eine große Aschewolke hängt, lädt blauer Himmel über London zum Spaziergang an der Themse ein. So beschließt auch die Erzählerin des Romans sich auf den Weg zu machen. Auf der London Bridge begegnet sie dabei Jonathan, einem jungen Mann, der ihr zunächst wegen eines großen Feuermals im Gesicht unheimlich ist. Jonathan verkauft Obdachlosenzeitungen, in erster Linie ist er jedoch ein talentierter Erzähler, der nur zu gern von seiner Flucht von der Südküste England nach London berichtet. Aus dem zufälligen Treffen folgen tägliche Begegnungen, bei denen sie sich gegenseitig ihre Geschichten und Geheimnisse ihre Vergangenheit erzählen, sich öffnen und Vertrauen aufbringen müssen. Eines Tages verschwindet Jonathan und die Flugzeuge fliegen wieder. Scheinbar hat sich nichts verändert, doch für die Erzählerin ist nichts mehr, wie es vorher war: Die Suche nach Jonathan wird zu einer Suche nach ihr selbst.

Gertrud Leutenegger, geboren 1948 in Schwyz, veröffentlicht seit 1975 Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke. Für ihre Werke wurde sie vielfach ausgezeichnet. Sie lebte viele Jahre in der italienischen Schweiz und wohnt heute in Zürich.

In Panischer Frühling erzählt Gertrud Leutenegger die Geschichte einer Frau, die sich durch die Erzählungen einer anderen Person selbst immer näher kommt und beginnt, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. In den Geschichten Jonathans über sein früheres Leben kommen Erinnerungen an ihre Kindheit hoch, die so weit weg schien. Gleichzeitig berichtet Leutenegger, welchen Schwierigkeiten Flüchtlinge sowohl früher als auch heute begegnen. Wurden Kinder früher während des Krieges von ihren Eltern getrennt um in Sicherheit aufs Land gebracht zu werden, allein und verlassen als Flüchtlinge, kann auch Jonathan von diversen Schwierigkeiten berichten. Die gemeinsamen Erfahrungen bringen die beiden einander näher und machen sie zu engen Vertrauten. Leutenegger schildert sensibel und einfühlsam, wie sich zwei Menschen näher kommen, mit denen es das Leben zuvor nicht immer gut gemeint hat. Aus der Perspektive der Erzählerin schildert sie deren Gefühle und Gedanken, sodass es nicht schwerfällt in den Roman einzutauchen und ebenfalls gespannt den Erzählungen Jonathans zu folgen. Mit einfachen, aber präzise gewählten Worten liest sich der Text harmonisch. Detailreich schildert die Autorin die Szenen:

"Jonathan hielt inne, und als läse er in meinen Gedanken schloss er, beinahe spöttisch, in Parks gehe er nie. Aber die Bäume, rief ich, diese Bäume, die blühen, als hätte sie jemand in königsblaue Tinte getaucht? Jonathan schob mit den Füßen ganz unbeeindruckt seinen Zeitungspacken zurecht. Ich mag nur Binsen, sagte er, die Binsen vom Themseufer, sie gleichen dem Strandhafer von Cornwall, hinauf gegen Kew gibt es dichte Horste von Binsen. Was für wehrhafte Pflanzen. Wie die stechen können! Besonders in diesen Tagen, da sie blühen, aber haben Sie die inneren Blütenblätter schon einmal angeschaut, die langen Spitzen mit häutigem Öhrchen?"

Alles in allem ist es Gertrud Leutenegger mit ihrem neuesten Roman eine berührende Erzählung gelungen, die einen nicht kalt lässt und zum Nachdenken anregt. Durch viele ungeklärte Fragen am Ende ist Panischer Frühling ein Roman, der auch nach Ende der Lektüre noch im Kopf bleibt.

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Letzte Kommentare:
24.03.2015 20:04:40
Borux

Die Schweizer Schriftstellerin Gertrud Leutenegger hat es mit ihrem neuen Roman «Panischer Frühling» auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2014 geschafft, die bisher bedeutendste Ehrung für sie. Als Autorin einem breiteren Lesepublikum bisher zumeist unbekannt, wirkt die Platzierung im Finale des diesjährigen Buchpreises nun wie ein Ritterschlag, der für sie als literarisch längst Anerkannte hauptsächlich finanzielle, sprich Auflage erhöhende Wirkung zeitigen dürfte. Der kurze Roman, mit verschwenderisch bemessenem Blattspiegel, üppiger Schriftgröße und satter Papierstärke vom Suhrkamp-Verlag trickreich zum knapp über 200 Seiten starken, ansehnlichen Buch aufgepeppt, wirkt von seinem Inhalt her ganz im Gegenteil eher bescheiden zurückhaltend mit seinen stillen Tönen.

Nach dem Ausbruch des Gletschervulkans auf Island mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull musste Mitte April 2010 der Flugverkehr in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas eingestellt werden. Eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin hält sich während dieser Zeit vorübergehend in London auf, man erfährt im Übrigen nichts von ihren sonstigen Lebensumständen, «Die Frau ohne Eigenschaften» gewissermaßen. Dauernd unterwegs auf ziellosen Streifzügen durch die Stadt, trifft sie auf der London Bridge einen Mann, der dort eine Obdachlosenzeitung verkauft. Dieser zufälligen Begegnung folgen weitere, sie kehrt seltsam zwanghaft immer wieder dorthin zurück. Aus der anfangs kurzen Unterhaltung mit dem Zeitungsverkäufer, dessen halbes Gesicht von einem schlimmen Feuermal entstellt ist, werden mit der Zeit längere Gespräche, beide, deren Gemeinsamkeit der frühe Tod des Vaters ist, erzählen sich Geschichten aus ihrer Kindheit. Ihr Kontakt bleibt aber distanziert, es gibt keine weiteren Verbindungen zwischen ihnen außer den - lediglich durch das unangekündigte Erscheinen der Frau auf der Brücke - initiierten Begegnungen, lange kennt sie nicht mal seinen Namen. Bis Jonathan eines Tages spurlos verschwunden ist, sie trifft ihn mit seinem Zeitungsbündel nie mehr an auf seinem abgestammten Platze. Geradezu als kryptisch zu bezeichnen ist auch ihre Beziehung zur mutmaßlichen Tochter, über die es lapidar heißt: «Nachrichten vom Amazonas waren eingetroffen. Ich bin wirklich auf der anderen Seite der Welt, schrieb die junge Frau, das Kind von einst, immer mehr wird mir die Distanz bewusst, aber ich mag sie»! Mehr erfährt der Leser nicht, es gibt zusätzlich nur ein paar wenige und zudem noch deutlich kürzere Textstellen hierzu.

Gertrud Leutenegger benutzt für ihre assoziative Prosa einen sehr spezifischen Stil, der vermutlich zurückzuführen ist auf ihre Arbeit am Theater, findet sich doch auffallend häufig die Form des dramatischen Poems in ihrem Werkverzeichnis. Ihr meditativer Roman erinnert, nicht nur topografisch, an ein Kammerspiel durch seinen äußerst reduzierten erzählerischen Blickwinkel und seine lyrisch wirkende Sprache, die sehr bildhaft ist und zugleich durch große Sensibilität gekennzeichnet. Einen weiten Raum nehmen liebevolle Beschreibungen der großstädtischen Flora ein, ihre Protagonistin, in der manche die Autorin selbst zu erkennen glauben, besucht immerfort die Parks von London auf ihren Streifzügen durch die Stadt.

Ein nahezu handlungsloser Roman wie dieser ist von vornherein nicht jedermanns Sache, er wirft zudem durch seine nicht zu einem Ende hin führende, fragmentarische Erzählweise so viele Fragen auf, dass vielschichtiger Deutung und kühner Spekulation Tür und Tor geöffnet sind. Von dieser wahrscheinlich bewusst herbeigeführten Verwirrung der Leser zeugen offensichtliche Fehler in etlichen Inhaltsangaben bei deren Kritiken, ja sogar in solchen des Feuilletons. Wer Rätsel mag, wird hier also fündig, und wer gerne spintisiert, wer Anspielungen liebt, um selbst weiter zu fabulieren, kommt erst recht auf seine Kosten. Wer aber stringente Handlung sucht, der wird zutiefst enttäuscht sein. Fazit also: Wer’s mag!

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

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