Die undankbare Fremde

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Galiani, 2012, Seiten: 144, Originalsprache
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013, Seiten: 144, Originalsprache

Couch-Wertung:

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Kathrin Plett
Dolmetschen zwischen den Kulturen

Buch-Rezension von Kathrin Plett Dez 2014

Sprache verbindet, fehlende Sprache trennt und macht das Fremde überdeutlich. Ohne die Möglichkeit der Verständigung besteht keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme, sich zu erklären, zu rechtfertigen, zu entschuldigen, seine Gefühle oder seine Freude auszudrücken. Nicht umsonst existiert der Begriff "Muttersprache", der die Sprache bezeichnet, in der die erste Sprachsozialisation stattfand. Mit ihr wird nicht nur der Grundstein zur Kommunikation gelegt, sondern es werden gleichzeitig die grundlegenden Werte und Maßstäbe der jeweiligen Gesellschaft und Kultur vermittelt. In einem fremden Land fehlen diese Kenntnisse, Unsicherheit entsteht und das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören. Von diesem Gefühl erzählt Irena Brežná in ihrem Roman Die undankbare Fremde.

Sie hat Glück. Als junges Mädchen konnte sie aus der politischen Diktatur ihres Heimatlandes in ein reiches, demokratisches Land fliehen. Sie beherrscht die Sprache, gliedert sich ein und es gelingt ihr Fuß zu fassen und einen Beruf zu ergreifen. Sie wird Dolmetscherin, übersetzt zwischen ihrer neuen Sprache und ihrer Muttersprache, vorzugsweise in Kliniken, vor Gericht oder bei Behördengängen. Bei einem Großteil ihrer Tätigkeiten trifft sie auf Menschen in Extrem- und Ausnahmesituationen, auf Schicksale, die sie immer wieder an ihr eigenes Schicksal erinnern, daran, wie dankbar sie sein müsste, ein geordnetes Leben in einem reichen Land führen zu dürfen. Doch sie ist alles andere als glücklich. Sie fühlt sich von Regeln unterdrückt, fühlt sich dadurch selber fremd und nicht ganz. Sie ist Brückenbauerin zwischen den Kulturen, doch wo steht sie?

Irena Brežná, geboren 1950 in Bratislava, lebt seit 1968 in der Schweiz. Nach dem Studium der Slavistik, Psychologie und Philosophie arbeitete sie zuerst als Russischlehrerin und Psychologin. Als Koordinatorin von Amnesty International setzte sie sich 12 Jahre lang für die Freilassung sowjetischer-politischer Gefangener ein. Heute lebt und arbeitet Brezna als freie Autorin.

Eigentlich hat sie es ja gut. Sie lebt in einem reichen Land, konnte die Diktatur ihrer Heimat hinter sich lassen. Leider sieht es tief in der jungen Frau gefühlsmäßig ganz anders aus. Sie fühlt sich fremd und nicht angenommen. Als Dolmetscherin steht sie zwischen der alten und der neuen Heimat. Je unsichtbarer sie sich während der Ausübung ihres Jobs macht, desto besser ist sie. Am besten ist es, wenn sie weder die eine noch die andere Seite ihrer Auftraggeber wahrnimmt. Das es genau dieses Gefühl ist, das die junge Frau in ihrem Leben begleitet, wird schnell klar. Irena Brežná beschreibt in ihrem neuesten Roman die Zerrissenheit einer Frau, die zwischen den Kulturen steht, sich weder mit der einen noch mit der anderen Kultur wirklich identifizieren kann. Während des Dolmetschens wird ihr immer wieder bewusst, welches Privileg sie genießt, nicht an der Stelle ihrer Hilfesuchenden Klienten zu sein, wobei ihr auf der anderen Seite ebenso deutlich wird, welche Rolle sie in ihrer neuen Heimat spielt.

In Brežnás Erzählung wechseln immer wieder Passagen, in denen die junge Frau über ihr eigenes Leben nachdenkt, ihre Situation reflektiert und sich Gedanken über ihre neue Heimat macht mit Passagen aus ihrer beruflichen Tätigkeit, sodass ihre eigene Zerrissenheit besonders deutlich und nachvollziehbar wird. Sprachlich geschickt verknüpft Brežná die beiden Stränge, die zwar eigentümlich nichts miteinander zu tun haben, sich aber passend ineinanderfügen, sodass der rote Faden erhalten bleibt und es nicht schwerfällt, der Handlung zu folgen.
Brežná schildert die Geschichte einer starken Frau, die versucht in einem Land anzukommen und sich gleichzeitig selbst treu zu bleiben:

 

"Mein Hochseilakt bekam eine neue Richtung-das Denken hinter jedem Denken zu erforschen. Die vertraute Ganzheit hatte ich unwiederbringlich verloren, doch ich wurde fähig, ein Stückchen Vertrautheit in manch Unvertrautem zu entdecken."

 

Irena Brežná ist mit Die undankbare Fremde ein nachdenklicher und melancholischer Roman über Heimat und Fremde gelungen. Sie beschreibt einfühlsam die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonistin, sodass es leicht fällt, sich in sie hineinzuversetzen und fremd sein einmal aus einer ganz neuen Perspektive kennen zu lernen. Ein empfehlenswerter Roman.

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Letzte Kommentare:
10.03.2015 10:14:47
Ruth Justen

Ein kleines Buch voller Tiefgang ist der slowakisch-schweizerischen Schriftstellerin Irena Brežná mit "Die undankbare Fremde" gelungen.
Die Erzählung folgt der Hauptfigur, einer Dolmetscherin in der Schweiz, die selber aus der Slowakei nach dem gescheiterten Prager Frühling geflohen ist. In Rückblenden beschreibt die Autorin die Zustände in der alten Heimat, die Diktatur und die Gewalt, die auf den Prager Frühling folgte. Irena Brežná skizziert aber auch die neue Heimat. Sie beleuchtet das Aufeinandertreffen der Fremden und der Einheimischen, die Reaktionen von Beamten, Ärzten und Nachbarn auf die Flüchtlinge. Hinter der freundlichen Maske verbergen sich eine latente Fremdenfeindlichkeit und die Verlustängste der Wohlstandsgesellschaft. Die Erlebnisse wecken den Widerspruchsgeist der Dolmetscherin. So wird sie Stück für Stück zur undankbaren Fremden.

Das kleine Buch hat es in sich. Es ist sprachlich sowie politisch überzeugend und unbedingt empfehlenswert.

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