Am Fluss

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Matthes & Seitz, 2014, Seiten: 386, Originalsprache

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75

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Sebastian Riemann
Poetische Naturwanderungen, unbeschwert

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Dez 2014

Henry David Thoreau lebte zwei Jahre in einer Blockhütte außerhalb Bostons und wollte dem wirklichen Leben näher kommen, fernab großer Menschenmassen und Kultur. Er suchte die Essenz des menschlichen Daseins, ohne Ablenkung, ohne Unterhaltung. Der Natur zugewandt verbrachte er seine Tage am See und im Wald, einfach und allein. Er sollte einmal sagen, dass die Einsamkeit die beste aller Gesellschaften sei.

Thoreau war ein einflussreicher Schriftsteller, Naturalist und Philosoph des 19. Jahrhunderts. Esther Kinsky hat sich in ihrer Arbeit viel mit seinen Schriften zur Natur befasst und nun ein Buch vorgelegt, in welchem sie auf ihre eigene Art der Natur die Ehre erweist. Am Fluß ist eine Zusammenstellung von Erinnerungen, Überlegungen, Beschreibungen und kleinen Erzählungen, die zusammengehalten werden durch die Flüsse, welche das Leben der Autorin prägten. Alles beginnt am Fluß Lea im Osten Londons, an dessen Ufern die Autorin spaziert und ihren Gedanken nachhängt. Sie ist eine ruhige Beobachterin, mit gutem Gespür für die Landschaft und die ihr innewohnende Stimmung. Mittels wunderbarer Worte lässt sie den Leser eintauchen in diese Gegend am Rande der englischen Metropole, die gekennzeichnet ist durch träge Nebelschwaden und nasse Vegetation. Und das Fehlen ihrer Mitmenschen. Kinskys Wanderungen sind einsame Angelegenheiten, in denen die Autorin ihr Gedächtnis und Herz durch die Bewegung der Beine animiert. Sie denkt zurück an die Kindheit am Rhein, die Kähne und den Großvater. Und kehrt wieder zurück zum Fluß Lea, der ihr derzeitiges Dasein bestimmt und widerspiegelt. Träumerisch sind die Ufer und die Autorin, schwerelos ziehen die Landschaften dahin, die Lebensabschnitte, die Episoden in fernen Städten mit anderen Flüssen. Ein sehr persönliches Leseerlebnis und ein natürliches zugleich, mit vielen Details.

Die Ausführlichkeit der Beschreibungen und ihre Poesie machen das vorliegende Buch zu einem besonderen Erlebnis, lassen die bewegten und unbewegten Elemente der Flußlandschaften spürbar werden. So werden die Schwäne auf dem Fluß Lea zu bedeutungstragenden Mitgliedern einer großen Gemeinschaft von Natur und Gesellschaft. Sie sind:

 

"Wärter auf verlorenem Posten, zwischen zwielichtigen Grünflächen, Fabrikgeländen, altem Kraftwerk, dem leisen Säuseln der Filter Beds und dem gedämpften Rauschen des kleinen Wehrs, Geheimnisträger der Vergangenheitsgeschichten, der pendelnden Kähne mit Waren und Gut, der abgerissenen Treidler und schwitzenden Zugpferde, der Stadtrandlungerer, der Ziegelarbeiter im stadtwärtigen Rücken des Geländes am Kanal, so harrten die müdbetagten Schwäne aus auf Geheiß einer abgelegenen Königlichkeit, die sich hier nur noch in Gestalt ihrer auf der stillen Wasseroberfläche schaukelnden und gleitenden kleinen Schar zeigte."

 

Kinskys Buch ist außergewöhnlich und bewundernswert in vielerlei Hinsicht. Ein Phänomen sonder gleichen, welches dem geneigten Leser größte Freude bereiten wird. Jedoch fehlt es an vielen Bausteinen, die in der Literatur zum Konstruieren von packenden und interessanten Schriften verwendet werden. Es mangelt an Handlung, Fokus und Figuren. Die Bezeichnung Roman mag dem Leser eine falsche Vorstellung von dem geben, was er bekommt, wenn er zu diesem einfühlsamen Buch greift. Es existiert keine Handlung, die in ihren verschiedenen Etappen durch ein großes Thema oder einen Konflikt zusammengehalten wird. Die Protagonistin strebt keinem Ende, keiner Auflösung und keinem Ereignis entgegen, vielmehr lässt sie sich treiben von den Flüssen in ihrem Leben und schaut aufmerksam um sich, immer bereit ihre Umgebung in ihre Gedanken aufzunehmen. Dabei begegnen ihr auch manche Personen, bei den Spaziergängen am Ufer, bei der Rückkehr in die Welt aus Beton und Stein und natürlich in ihrer Vergangenheit. Doch all die Personen haben nur kleine Auftritte und verschwinden zumeist genauso leichtfüßig wie sie zuvor auftauchten. Sie tauchen schnell unter und können sich nicht behaupten gegen die Flüße und Erinnerungen der Protagonistin. Nur Kinsky selbst gewinnt Profil in den Erzählungen, immer dann, wenn sie doch einmal den Fluß in seinem Bett lässt und von ihren Stationen im Leben erzählt. Von ihrer Arbeit beim Radio in einem Gebäude, das an ein Labyrinth erinnert und den Mitarbeitern, die mehrere Tage nicht in die Außenwelt treten. Verträumt und fast märchenhaft wirken solche Passagen, denn nichts scheint sich der Stimmung der Autorin entziehen zu können. Aus ihrem Inneren bringt sie Alles neu hervor und breitet es vor dem Leser aus, auf dass er in ihre Welt eintauchen kann.

Ergänzt werden die Episoden durch vorangestellte Schwarzweißfotos, die Ausschnitte der Landschaften darstellen, welche die Autorin durchschritt und beschreibt. Dieses dokumentarische Element nimmt dem Buch noch mehr von seiner Romanbezeichnung. Die Wanderungen wirken authentischer durch die Fotografien und das Buch erscheint mehr und mehr wie ein Tagebuch der kontemplativen Wanderungen an Flüßen, weil es persönlich, poetisch, naturverbunden und träumerisch ist.

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