Schmutzige Hände - Das Büro 2

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Verbrecher, 2014, Seiten: 600, Übersetzt: Gerd Busse

Couch-Wertung:

83

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

1 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:92
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":1,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Almut Oetjen
Abenteuer Volkskunde

Buch-Rezension von Almut Oetjen Dez 2014

Die Hauptfigur der Büro-Reihe Johannes Jacobus Voskuils, der frühere Lehrer Maarten Koning, arbeitet im Amsterdamer Institut für Volkskunde und ist verheiratet mit Nicolien, der seine Arbeit nicht gefällt. Im zweiten Band, Schmutzige Hände, der die Jahre 1965 bis 1972 behandelt, wird Maarten Leiter der Volkskunde-Abteilung. Man arbeitet ein wenig, trinkt viel Kaffee, registriert den Krankenstand, der gelegentlich den Charakter eines Leistungssports annimmt, pflegt das diffizile soziale Gefüge mehr oder weniger subtil, setzt die volkskundlichen Forschungen mit dem Ergebnis der Ausweitung des Karteikartensystems fort, fährt zu einer Tagung, gerät in seltenen Momenten in Wallung, so, als ein südafrikanisches Institut um Kooperation ersucht, denn hier scheint die Apartheitsproblematik auf, und beschäftigt sich mit dem Umzug in neue Räumlichkeiten.

Proust oder Soap?

Als das sieben Bücher umfassende Romanwerk Das Büro (Het Bureau) in den Jahren 1996 bis 2000 in den Niederlanden veröffentlicht wurde, setzte sich Voskuil der Kritik aus, die den Status des Werkes als Literatur aufgrund des Wortschatzes infrage stellte. Nun hat vermutlich niemand den Wortschatz berechnet, aber er entspricht wohl einem durchschnittlichen Roman, und ob Voskuil Proust, mit dem sein Werk aufgrund des schieren Umfangs von sieben Büchern mit rund 5000 Seiten verglichen wird, Konkurrenz machen wollte, scheint eher unwahrscheinlich.

Inszeniert ist Das Büro wie eine Soap Opera, ein durchaus angemessenes Format für die Thematik. Für die Aufteilung in Kapitel werden die Jahreszahlen verwendet. Innerhalb der Kapitel gibt es eine Abfolge von Szenen, deren Montage über Sterne mit der Funktion eines filmischen Schnitts erfolgt. Der Text ist dialoggetrieben, die Gespräche selbst sind so staubig wie die Aktenordner der Volkskundler. Es gibt keinen Spannungsbogen, keine Cliffhanger, keine Dramaturgie, die auf Spitzen zuläuft. Das ganze ist ein Dokument, je nach Perspektive, der Normalität oder des Mittelmaßes.

Man befindet sich gerade mal zwanzig Seiten im Text von Schmutzige Hände und hat sich bereits durch zwei auffällige Szenen gekämpft:
Maarten und Nicolien besuchen Frans. Sie führen Unterhaltungen, die bei den Lesern die Frage aufkommen lassen, wie man einen solchen vordergründig banalen, gemeinsamen Abend unter Freunden unbeschadet überstehen kann, und ob man selbst je so etwas mitgemacht hat, es einem nur nicht aufgefallen ist, weil man in solchen Momenten nicht aus der Binnenperspektive herauskommt.
Später, im Büro, gibt es ein Gespräch darüber, was man sich von seinem Chef gefallen lassen sollte, was nicht. Der aggressive Gesprächsinitiator Bart macht Maarten Vorwürfe, die er in einer Situation, in der er betroffen wäre, gegen sich selbst wenden könnte.

Eine Form von Wissenschaft

Betrieben wird aus Sicht der Akteure und dem Verständnis der Institution Wissenschaft. Die Volkskundler haben akademische Titel, ein Budget, sie erfahren Unterstützung durch wissenschaftliche Hilfskräfte, im Regelfall externe Universitätsangehörige oder Studenten. In einem Gespräch über Definitionen zeigt sich, dass so gut wie keine existieren und sie ohnehin für überflüssig gehalten werden. Definitionen schränken ebenso ein wie ein Forschungsprogramm oder konzeptionelles Arbeiten.

Und so plätschern die Tage dahin, während Wissenschaft betrieben wird als Aktivität, die Wissen schafft – ähnlich dem, was, um eine aktuelle Diskussion hierzulande aufzugreifen, die NSA als Informationssammlerin auch macht. Weiter gibt es ein Projekt, das sich Atlas der Volkskultur nennt, ein jedenfalls hervorragender Anlass, darüber zu streiten, ob organisierte Feste der Volkskultur zugehörig sind oder nicht, oder welche bereits ausgeschnittenen Textschnipsel man archivieren oder entsorgen soll. Da gibt es verschiedene Ansichten, so diese: wenn etwas bereits ausgeschnitten ist, muss man es auch behalten. Vermutlich, weil es durch den Einsatz der Schere in die Vorgangslogik der bürokratischen Wissenschaft eingespeist wurde. Das Archiv besteht unter anderem aus einer Viertelmillion Karteikarten. Man muss es lesen...das Buch, nicht das Archiv.

Das Jahr 1969 beginnt mit einer Diskussion darüber, ob ein Schlagwortsystem oder eine systematische Einteilung für das Karteikartensystem sinnvoller wäre. Erörtert wird diese Problematik am Beispiel des Aufhängens der Nachgeburt eines Pferdes – Volksglaube oder Volksbrauchtum? Was aber, wenn es nur eine Hygienemaßnahme ist?

Die politischen Entwicklungen der ausgehenden 1960er Jahre, darunter Studentenunruhen, Frauenbewegung und Vietnam, spielen keine große Rolle im Alltag der Volkskundler. Und wenn, dann gibt es darüber lebensnahe und absurde Diskussionen. Gespräche am Arbeitsplatz über Sexismus und Rassismus sind zugleich stereotyp und entlarvend. Genannt sei hier die Auseinandersetzung über die erotische Besetzung von Machtverhältnissen, die Klärung der Frage, warum männliche Vorgesetzte lieber weibliche Untergebene im Büro haben wollen, aber einen Mann als Chauffeur.

Der erste Band der Reihe erschien 2012 bei C.H. Beck, Band 2 beim Verbrecher Verlag, der auch den Rest bis 2017 veröffentlichen will. Schmutzige Hände enthält ein Nachwort von Pieter Steinz über die "Great Dutch Novel", eine editorische Nachbemerkung und eine – umfangreiche - Liste der wichtigsten Personen.

Wir erfahren in Schmutzige Hände viel über die Niederlande und Niederländer in den 1960er Jahren, was teils für deutsche Leser nicht so leicht verständlich, auf seltsame Weise jedoch unterhaltsam ist. Ob es sich tatsächlich um eine "Great Dutch Novel" handelt, in der sich also das Wesen der niederländischen Nation äußert, dies zu beurteilen überlassen wir freundlich unseren Nachbarn. Die Lektüre vermittelt den Eindruck, es sei, wenn schon nicht eine "Great Universal Novel", wenigstens eine den Raum der Europäischen Union abdeckende.
Wer Loriot oder Büro-Comedys mag, ist mit der Reihe gut bedient. Es ist alles furchtbar absurd und ein angenehmer Lektürespaß.

Deine Meinung zu »Schmutzige Hände - Das Büro 2«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Schreibe den ersten Kommentar zu diesem Buch.