Das verlorene Wochenende

  • New York: Farrar & Rinehart, 1944, Titel: 'The Lost Weekend', Originalsprache
  • Zürich: Dörlemann, 2014, Seiten: 400, Übersetzt: Bettina Abarbanell
Das verlorene Wochenende
Das verlorene Wochenende
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Christian Brockhaus
451001

Belletristik-Couch Rezension vonNov 2014

Ein Verlauf, der kein gutes Ende erahnen lässt...

Die Geschichte eines Trinkers im New York der 50er Jahre. Ein Verlauf, der kein gutes Ende erahnen lässt... Don Birnam ist Schriftsteller und trinkt. Er wohnt mit seinem Bruder Wick zusammen in einer Wohnung. Helen, die Freundin von Don, hat ihn bereits als Trinker kennengelernt, wird aber nicht müde, ihn zu stützen und aufzufangen in der Hoffnung auf ein Leben ohne Alkohol.

Wick plant einen Aufenthalt auf dem Land mit Don, um ein Wochenende lang dem Leben in der Stadt zu entfliehen, und um seinen Bruder unter Kontrolle zu haben. Don hingegen, der nach einer sechswöchigen Abstinenzphase, an einer Schreibblockade leidet, sieht seine Chance, vier Tage ohne Don in der Wohnung zu sein und sich seiner Sucht hinzugeben. So kommt es, dass er sich dem gemeinsamen Ausflug entzieht, indem er bei Dons Abreise nicht anwesend ist. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als er sich Geld bei einer der wenigen verfügbaren Quellen leiht, sich mit Whisky eindeckt und nach und nach immer mehr Sinn im Trinken, dafür weniger Sinn in seinem sozialen Umfeld sieht.

Obwohl von Charles Jackson glaubhaft geschildert bleibt die Geschichte, was sie ist: Eine Erzählung in schwarz-weiß im Amerika der Nachkriegszeit. Dons abstruse Denkweise während seiner Trinkphasen sind unterhaltsam und lassen sich im Ansatz nachvollziehen. Jeder, der schon einmal ein Gläschen zu viel hatte kennt die Welt der Phantasie, welche durch Alkohol zum Leben erweckt wird. Bei Don manifestiert sich das überhebliche Gedankengut, welches ihn unverletzlich und unanfechtbar fühlen lässt. Ein Hochgefühl, welches im Rausch anhält, bei Ernüchterung aber dem von Elend und Abhängigkeit weicht. Don weiß um die Dynamik des Trinkens, erkennt seine Sucht und bedient sie.

So geht man als Leser durch eine Welt zerbrechlicher Träume und gescheiterter Ziele; entwickelt Mitleid mit diesem armen Trinker. Der Verfall, welcher mit dem verpfänden persönlichster Gegenstände zur Generierung monetärer Mittel einhergeht, verläuft rapide aber absehbar kontinuierlich. Allein dass es noch Menschen gibt, die Don unterstützen (unter anderem ein barmherziger Barmann) lässt hoffen, die Geschichte möge noch eine gute Wendung nehmen.

Leider gibt es auch immer wieder langatmige Phasen, seitenlange Monologe und nicht nachvollziehbare Gedankengänge im Verlauf. Dies mag daran liegen, dass Jacksons Erzählung aus einer Zeit stammt, in der Alkoholkonsum nicht diskutiert und in Mengen auch nicht toleriert wurde. Ein exzessiver Trinker war da schon eine nennenswerte Ausnahme und einen Roman wert. Mit dem Blick auf die heutige Zeit, in der wir häufig mit dem Thema Alkohol und Sucht konfrontiert sind, würde dieser Geschichte die Dynamik und das Besondere fehlen.

Die Erzählung ist glaubwürdig und auf ihre Art unterhaltsam vermittelt. Aufgrund der Thematik entwickelt sich ein eher problembelasteter Plot, der die intimsten, persönlichen aber auch die sozioökonomischen Verläufe lebendig und nachvollziehbar vermittelt. Die Anzahl der handelnden Personen bleibt angenehm übersichtlich. Leider fehlt ein Spannungsbogen, welcher den Leser über die Länge des Buches begleitet. Es muss schon ein Interesse am Thema der Alkoholkrankheit und ihrer Folgen vorhanden sein, um hierbei Lesefreude zu empfinden. Der Roman kommt über den Status einer schwarz-weiß Darstellung (wie auch der gleichnamige Film) nicht hinaus. Einzig die realistische Beschreibung der Gefühls- und Gedankenwelt des Trinkers tröstet hier über fehlende Lebendigkeit und Dynamik hinweg.

Das verlorene Wochenende

Charles Jackson, Dörlemann

Das verlorene Wochenende

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