Kleine Kassa

  • Residenz
  • Erschienen: Januar 2014
  • St. Pölten: Residenz, 2014, Seiten: 264, Originalsprache
Kleine Kassa
Kleine Kassa
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Sebastian Riemann
691001

Belletristik-Couch Rezension vonNov 2014

Regeln und Gewalt

Georg begeht einen Fehler. Er lässt sich verleiten von seinen Sinnen, die ihm das Bild seiner Jugendliebe vorhalten. Er glaubt sie auf einem Plakat zu erkennen und springt kurzerhand aus dem Bus, um sich das Bild genauer anzusehen, nur um festzustellen, dass er einem Irrtum erlegen war. Seine Wahrnehmung hat ihn getäuscht und darüber hat er seine Pflicht vergessen. Mit einem Koffer in der Hand steht er mitten im Nirgendwo und fällt aus der Welt, in die er sich so mühsam gekämpft und vor der er solch große Angst hat. Denn durch seinen Fehler hat er jedes Wohlwollen und jede Unterstützung verspielt, er ist zu einem Gegner der geordneten Gesellschaft geworden, ein Aussätziger.

Hart und unwirsch ist die Welt im Heidekreis, der Heimatregion des Protagonisten Georg. Sobald er seine alltägliche Routine verlässt und auf neuen Wegen wandelt, wird er von allen Seiten angefeindet. Die erste Person, die er auf seiner verzweifelten Reise trifft, entpuppt sich schnell als widerlicher Zeitgenosse, der die unglückliche Lage des Jugendlichen ausnutzen will. Georg kann froh sein, dass ihm nur seine schicke Uhr gestohlen wird. Kurz darauf wird alles noch dramatischer, als man Georg nach dem Leben trachtet, ihn in kleine Stücke hacken will. Man wirft ihm nicht vor, dass er etwas verbrochen hat, vielmehr wittert man an ihm den Geruch des Abtrünnigen und nimmt sich daher das Recht ihn willkürlich zu behandeln, ihn zu jagen und zu schlagen. Er sieht so aus, als dürfte man derartiges mit ihm machen.

Georgs größte Sorge ist sein Aussehen. Er befindet sich auf der Flucht – warum dem so ist, kann er dem Leser nur durch Vermutungen und düstere Fantasien verständlich machen – und muss um sein Auskommen kämpfen, doch alles scheint nur halb so schlimm, wenn er es vermag ein gepflegtes Äußeres zu wahren. So zumindest der Junge selbst. Er leidet Hunger und große körperliche Schmerzen, sorgt sich vornehmlich aber um die Flecken auf Jacke und Hose. Denn, so ist sich Georg als wohlerzogener Sohn des Heidekreises sicher, nichts ist verabscheuungswürdiger als ein Obdachloser, ein Faulenzer, ein Nichtsnutz. Im Angesicht der niederträchtigen Mitmenschen sind ihm seine Kleidung und die richtig sitzenden Haare deshalb so wichtig.

Vor seiner Flucht war Georg Lehrling im Eisenwarenladen. Der Ladenbesitzer war ein unangenehmer Chef, der den Jungen jedoch zu schätzen lernte, da dieser durch seine tadellose Arbeitseinstellung überzeugte. Bald lud er ihn sogar auf eine Flasche Wein ein und vertraute ihm wichtige Aufgaben an, darunter das Überbringen von Koffern. Diese werden, ohne dass der Bote Georg um den Inhalt weiß, bei der Kleinen Kassa abgegeben.

Nachdem der Lehrling jedoch mit dem Koffer verschwand und durch seine Flucht sogar die Aufmerksamkeit des örtlichen Radios auf sich lenkte, verflüchtigten sich auch all seine Chancen auf ein geregeltes Leben im Heidekreis. Einem wie ihm kann man nicht trauen.

Kleine Kassa ist ein turbulenter Roman, geschrieben mit viel Fantasie und einem vernichtendem Blick auf die geforderte Konformität der Gesellschaft. Georgs Flucht und Leiden sind ein rechtmäßiges Resultat seines Fehlverhaltens, er hat seinem Arbeitgeber die Treue gebrochen und seinen sinnlichen Empfindungen nachgegeben. Er hat an ein hübsches Mädchen gedacht anstatt mit seinen Gedanken bei dem Koffer und der Kleinen Kassa zu bleiben. Deshalb wird er Opfer von Gewalt und Grausamkeit. Er hat es nicht anders verdient, nachdem er der rechtschaffenen Bevölkerung den Rücken zugewandt hat.

Die Moral der Geschichte ist natürlich eine verkehrte, sie will nicht die Bestrafung des Jungen rechtfertigen, weil dieser gegen die Regeln verstoßen hat, sondern will vielmehr die Auswirkungen von übereifrigem Tugendanspruch aufzeigen. Die Ideale der Arbeitsamkeit und Pflichttreue werden im Heidekreis des Romans über die Menschlichkeit gestellt. Die Verfechter der Tugend werden zu Henkern und Folterknechten, weil sie einen ehrlichen Jungen wie Georg in die Welt der Verwahrlosung und Unmenschlichkeit treiben. Sie tun dies nicht aktiv, sie laufen nicht mit brennenden Fackeln und spitzen Mistgabeln hinter ihm her, aber sie waren es, die ihm das Bild der heilen Welt zeigten und ihn vor Fehltritten warnten. In dem Moment, da er aus dem Bus stieg und nicht seinen Auftrag ausführte, konnte er nicht anders, als sich selbst in einem unaufhaltsamen Strudel zu sehen, der ihn auf den Boden der Gesellschaft zieht und weiter bis in die Hölle.

Martin Lechner ist ein unterhaltsamer Roman gelungen, der mitunter aber chaotisch und ungeordnet wirkt. Die einzelnen Szenen sind spannend und lassen den Leser am Drama der Flucht teilnehmen, allerdings können sie sich oft nicht zu einer großen Handlung zusammenschließen und sind deshalb mehr Ausdruck der gewaltvollen Willkür des Buches als einer geschlossenen Erzählung. Die Atmosphäre der Bedrohung wird dadurch bereichert, aber Fragen nach dem Wesen der Gesellschaft im Heidekreis werden somit unterdrückt und verschwinden ohne eine Spur zu hinterlassen. Dabei hat das Thema des Romans durchaus Potential.

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