Ein gutes Mädchen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau, 2014, Seiten: 480, Übersetzt: Verena von Koskull

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Almut Oetjen
Engel mit Eisaugen?

Buch-Rezension von Almut Oetjen Nov 2014

Die amerikanische Austauschstudentin Lily Hayes absolviert in Buenos Aires ein Auslandssemester. Sie will die argentinische Kultur kennenlernen und ihre Spanischkenntnisse verbessern. Lily und ihre Mitbewohnerin Katy Kellers sind bei der Gastfamilie Carlos und Beatriz Carrizo untergekommen. Die naive Lily versteht sich mit dieser Familie nicht, es kommt zu gelegentlichen Streits, oft über politische Themen mit Carlos.

Lily beginnt eine Affäre mit dem Nachbarn Sebastien LeCompte, dessen Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen und ihn als jungen Millionär zurückließen. Als fünf Wochen später Katy brutal ermordet wird, ist Lily die Hauptverdächtige. Sie gibt an, unschuldig zu sein, und verzichtet auf einen Pflichtverteidiger. Ihr Vater Andrew und ihre Schwester Anna fliegen nach Argentinien, um ihr zu helfen. Andrew ist von Lilys Unschuld überzeugt. Er und seine Exfrau Maureen haben bereits ein Kind verloren, Janie, die mit zweieinhalb Jahren an einer Blutkrankheit verstarb.

Meinungsbildung bei angemaßtem Wissen

Spätestens seit Orson Welles' Spielfilm Citizen Kane (1941) fasziniert es Rezipienten von Kunstwerken, sich Gedanken über verschiedene Perspektiven auf einen Sachverhalt zu machen, die letztlich bedeuten, dass es keine aus der Sachlage heraus eindeutige, oder richtige, Interpretation gibt. Bei Citizen Kane geht es um einen Journalisten, der aus multiplen Perspektiven ein Bild der Hauptfigur herstellen will.
Ein gutes Mädchen wird aus der Perspektive einer dritten Person erzählt, die jeweils sehr nahe an den für ein Kapitel zentralen Figuren ist. Mit Lilys Befragung zur Vorbereitung eines möglichen Strafverfahrens beauftragt ist Eduardo Campos, der Fiscal de Cámara, Bevollmächtigter des Ermittlungsrichters. Eduardo ist eine moralische Figur, an der Aufklärung des Falls interessiert und nicht daran, um jeden Preis Lily als Täterin zu präsentieren. Gleichwohl verfügt er, wie alle Beteiligten, nur über unzureichende Informationen, die er so zu interpretieren versucht, dass sie eine konsistente Fallgeschichte ergeben.

Wer (seit) 2007 den Fall Amanda Knox verfolgt hat, ist mit der inhaltlichen Idee duBois' vertraut. Die amerikanische Studentin Knox wurde im italienischen Perugia angeklagt, ihre Mitbewohnerin, die Studentin Meredith Kercher, ermordet zu haben. Die Medien zogen für Jahre Kapital aus dieser Geschichte zweier schöner und sexuell aktiver junger Frauen und dem seltsamen Verhalten von Knox. duBois hat diesen Fall als Basis für ihre Erzählung genommen, nach Argentinien verlegt und inhaltlich verändert. Die Ereignisse werden nicht nacherzählt im Sinne einer True Crime Novel. duBois verwendet den Fall Knox für eine universelle Geschichte und geht auch der Frage nach, wie ein Mensch in den Augen von Medien und Millionen Menschen schuldig sein kann, ohne dass diese überprüfbare Informationen über sie haben.

Folgerichtig fragen wir Leser uns, wer Lily Hayes ist. Je mehr wir über sie erfahren, desto unschärfer werden ihre Konturen, desto widersprüchlicher wird die junge Frau. Andrew und Anna Hayes, Sebastien LeCompte, der Lily liebt, Eduardo Campos, der die Anklage vertritt, Beatriz Carrizo, der Drogendealer Ignacio Toledo, der mit Lily und Katy zweifach zu tun hatte, schließlich die Medien – alle haben einen anderen Blick auf Lily. Vermutlich wird es den Lesern ebenso gehen und sie werden keine Übereinkunft erzielen können, wer sie ist. Aber vielleicht fragen sie sich am Ende ja, wie sie zu ihren Einschätzungen gelangen, warum sie glauben, was sie glauben. Und warum sie diesen Glauben als Wissen ausgeben.

Die Medien sind an Lilys angeblicher Amoralität und Hypersexualität besonders interessiert, sie arbeiten mit unterstützenden Materialien, die sie als Belege anführen, um in den Köpfen der Menschen ein bestimmtes Bild der jungen Frau zu erzeugen. Im Widerspruch dazu steht Lilys fehlendes Bewusstsein für die Konsequenzen ihrer Handlungen, ihre Naivität. So spricht sie mit Eduardo Campos ohne die Anwesenheit eines Anwalts zu fordern, präsentiert ohne inhaltlichen Zusammenhang und Widersprüche erzeugend ihre Sicht der Dinge und macht es dem Vertreter der Anklage damit zugleich leicht und schwer, weil er daraus eine Geschichte spinnen muss, die vor Gericht Bestand hat.

Die Frage nach Lilys Schuld oder Unschuld steht nicht im Zentrum der Erzählung. Sie liefert den äußeren Anlass, ein Stück weit auch dient sie der Spannungserzeugung, einen Diskurs zu führen darüber, wie wir andere Menschen wahrnehmen, wie sie uns wahrnehmen, wie Selbstbilder über diese Formen der Wahrnehmung bestimmen. Lilys Naivität und Sorglosigkeit sind verständlich und können dazu beitragen, ihr Leben zu zerstören. Sie ist machtlos gegenüber Kräften, die sie nicht versteht. Es gibt die verschiedenen Fakten verschiedener Befragter, und es gibt die kriminaltechnischen Beweise. Wie daraus Wahrheit konstruiert wird, ist die spannende Frage.

Der Roman bettet die Handlung in politische Zusammenhänge ein. So werden die Mütter des Plaza de Mayo ebenso aufgeführt wie der 11. September 2001.

Mehrfach wird im Ein gutes Mädchen der Film Lost in Translation angesprochen, auch die Frage, ob Lilys Aussage bei besseren Spanischkenntnissen anders ausgesehen hätte. Da es duBois sehr auf semantische Feinheiten ankommt, empfiehlt sich, soweit möglich, die Lektüre der Originalfassung.

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Letzte Kommentare:
13.03.2015 14:30:19
Leselady

"Erzählmächtig" so tituliert die F.A.Z. das neueste Werk von Jennifer DuBois und spiegelt damit auch den Eindruck wieder, den ich selbst von diesem Buch gewann.

Durch ihr grandioses Debüt "Das Leben ist groß" wurde ich zum ersten Mal auf die begnadet schreibende Autorin aufmerksam, deren Ausnahmetalent mich seitdem nicht mehr loslässt!

Angelehnt an die Geschehnisse der Studentin Amanda Knox, deren medienwirksamer Strafprozess weltweit für Aufsehen sorgte, leuchtet DuBois äußerst engmaschig aus, wie viele Kleinstpuzzleteile, Aussagen, Eindrücke, Intuition und prägende Kindheitserfahrungen unter Umständen vonnöten sind, um sich in einen solch unkontrollierbaren Ausnahmezustand zu manövrieren, bzw. ihn zu begleiten.

Dieser Roman ist ein Geflecht aus Kindheitsrückblenden, unterschiedlichen Perspektiven und Ebenen, persönlichen Eindrücken Lilys und deren Umfeld. Viele kleine Sequenzen erleben wir beim Lesen mehrfach, jedoch stets aus einem anderen Blickwinkel.

Zug um Zug erschließt sich dem Leser, wie Kleinigkeiten, ein Wort hier, eine Geste da, fremde, wie auch vertraute Menschen zu völlig gegensätzlichen Rückschlüssen verleiten und wie schnell sich ein vermeintlich "klares", "eindeutiges" Bild sich manifestiert. Allen voran in der medialen Welt!

Der Schreibstil ist sehr klar, schnörkellos, unsentimental. Er fasziniert und lässt einen einfach nicht mehr los.
Jennifer DuBois beherrscht es wie kaum eine andere, sich völlig zurückzunehmen und dabei ihre Figuren, deren Leben und Umfeld für sich sprechen zu lassen. Sie bewertet niemals, wodurch dem Leser Raum und Zeit gegeben wird, sich ein eigenes Bild zu schaffen. Hält Tür und Tor weit offen.
Und dennoch.... ihr Stil ist auf seine ganz eigene Weise zart, filigran und berührend. Hat eine eigene Seele.

Mir ist bewusst, dass sicherlich nicht jeder Zugang zu den doch sehr speziellen Charakteren finden wird und das dieses Buch und seine distanzierten Figuren möglicherweise polarisieren.

Unter Umständen drängt sich auch der Gedanke auf, es geht nicht zügig genug voran, aber das ist eben der Stil von Jennifer DuBois, ein Stil, den sie brillant beherrscht und wiederholt eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat!

Wie Zahnräder greifen die Perspektiven ineinander, zeigen auf, was Körpersprache, unachtsame Äußerungen und soziale Netzwerke für Eindrücke und Spuren hinterlassen. In diesem Sinne auch erschreckend, wie vorschnell sich Meinungen bilden und wie geschwind man in Schubladen des genormten Alltagsdenkens landet!

Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich Jennifer DuBois gern einmal persönlich danken! Diese Frau ist sprachlich derart auffallend talentiert, dass ich fürchte, es mit meinen eigenen Worten gar nicht mächtig genug darstellen zu können.

Vielen, vielen, vielen Dank, dass ich wenigstens aus der Ferne ein wenig daran teilhaben darf!