Ein Abend bei Claire

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Paris: Izdatel'stvo Ja. Povolockogo, 1930, Originalsprache
  • München: Carl Hanser, 2014, Seiten: 192, Übersetzt: Rosemarie Tietze

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84

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Sebastian Riemann
Verführung zum Traumwandeln

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2014

Große Themen schwungvoll aufs Papier gebracht. Der Debütroman von Gaito Gasdanow war bei seinem Erscheinen im Jahr 1930 eine Sensation und wird es erneut 84 Jahre später, da er endlich ins Deutsche übertragen wurde. Nach dem großen Erfolg von Das Phantom des Alexander Wolf kann sich die noch junge Fangemeinde des exil- russischen Autors nun über ein zweites Juwel freuen. Der stark autobiographisch geprägte Roman berichtet von Liebe, Krieg, Weltentfremdung, Exil und Literatur, er stellt sogar die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Doch trotz der inhaltlichen Schwere ist die Lektüre federleicht, denn Gasdanow arbeitet sich nicht an jenen großen Themen ab, sondern bietet eine große Menge an unterhaltsamen, flotten Episoden, die eine Leere im Innern des Protagonisten ausfüllen sollen und den Leser auf jeder Seite erneut begeistern.

Claire ist die große Hoffnung auf ein wahres Leben. Sie begegnet Kolja, dem Protagonisten, beim Tennisspiel und stellt sich vor. Der schüchterne Schüler ist sogleich verliebt und wird es immer bleiben. Er macht sie zum Zentrum all seiner Wünsche und Vorstellungen. Man spürt, dass er eine mystische Kraft in seiner Liebe zu der jungen Französin sieht. Er glaubt durch sie die Chance auf Heilung zu haben. Seit früher Kindheit ist der Junge krank, er leidet unter Weltentfremdung. Er verliert sich in Geschichten und Erzählungen, lässt sich von ihnen begeistern und mitreißen, taucht regelmäßig in eine fiktive Welt ab, die ihm oft lieber ist als die Wirklichkeit. Das Geschehen um sich herum betrachtet er mit Distanz, nichts bewegt oder erregt ihn, Freunde hat er keine. Der Vater war Objekt seiner Anbetung gewesen, doch starb er zu früh und ließ den Jungen mit der verzweifelten Mutter zurück. Erst Claire ist in der Lage das Interesse Koljas erneut zu wecken. Sie hat die Möglichkeit ihn zu heilen, seine innere und äußere Welt miteinander zu versöhnen.

 

„Unter ihr brauner Samt, über ihr die Stuckdecke, ringsherum wir, ich und der Schwan, Don Quijote und Leda, wir schmachten in den Formen, die uns nun einmal beschieden sind; rings um uns türmen sich die Häuser, die Claires Hotel umschließen, rings um uns die Stadt, jenseits der Stadt Felder und Wälder, jenseits der Felder und Wälder – Russland... „

 

Claire bleibt jedoch unerreichbar. Der junge Mann stürzt sich ins Leben, indem er in den Krieg zieht. Es herrscht Bürgerkrieg, die rote Armee ist auf dem Vormarsch und die alten Kräfte verlieren an Boden und Bedeutung. Trotzdem schließt sich Kolja ihnen an. Die Aussicht auf Sieg interessiert ihn nicht, genauso wenig die politischen und ideologischen Systeme, in deren Namen gekämpft wird. Die Schilderungen der Kriegszeit sind überraschend. Leid, Elend und Tod finden kaum Eingang, vielmehr begeistert sich Kolja für seine Kameraden, ihre Verhaltensweisen und Späße. Er scheint mit einem Zirkus zu reisen, der all seinen Schaustellern Militäruniformen verordnet hat. Anstatt Geschossen fliegen dem Leser Anekdoten und Geschichtchen um die Ohren, eine unterhaltsamer als die andere. Mit beeindruckendem Schwung porträtiert Gasdanow die Kameraden und macht den Krieg vergessen. Am Ende steht trotzdem die Flucht aus Russland, Flammen lodern im Hintergrund, die Gedanken kreisen um das Einzige, welches Kolja geblieben ist. Die Erinnerung an Claire treibt in nach Paris, ihren Geburtsort.

Claire ist mittlerweile verheiratet, hat jedoch noch immer Interesse an Kolja und verführt ihn. Für ihn erfüllt sich ein Traum und erfüllt sich doch nicht. Er bleibt traurig, zweifelnd und verloren. Er mag das Bett mit ihr teilen können, nicht aber das Leben. Die Hoffnung auf Heilung erlöscht. Die erfüllte Begierde, das Verschmelzen mit Claire, es hat kein drittes Leben eröffnet, in welchem der Tagträumer seine beiden vorherigen Leben begraben kann. Vielmehr muss er nun den luftigen Traum seiner Geliebten aufgeben und sich ein neues Bild von ihr denken, es neu einordnen in seine bestehende Welt, aus der er wohl Zeit seines Lebens nicht entfliehen wird.

Herrlich ist das Fehlen politischer Kommentare, die man erwarten würde, da der Roman in einer Zeit großer Umwälzungen in Russland spielt. Der Autor lässt sich nicht hinreißen eine Position im Bürgerkrieg, im Kampf zwischen alter und neuer Ordnung zu beziehen, sondern bleibt konsequent in der Charakteristik seines Protagonisten, der kein Interesse an Politik hat. Er befindet sich in einer sehr eigenen Erlebniswelt, die umso überzeugender wird, je gleichgültiger er sich gegenüber den großen Ereignissen der Zeit verhält.

Die Übersetzerin Rosemarie Tietze verhalf Gasdanow vor zwei Jahren zum Ruhm, als sie Das Phantom des Alexander Wolf übersetzte und sogleich Begeisterung für den bis dahin unbekannten Schriftsteller auslösen konnte. Tietze wurde mehrfach für ihre Übersetzertätigkeit ausgezeichnet. Werke von Tolstoi, Nabokov, Pasternak und vielen anderen russischen Schriftstellern übertrug sie bereits ins Deutsche.

Gasdanows Debüt wurde schon von Maxim Gorki begeistert aufgenommen, blieb jedoch beschränkt auf einen Kreis exilierter Russen, da Gorki keine Veröffentlichung in der russischen Heimat erwirken konnte. Dank der Arbeit Rosemarie Tietzes endlich für das deutsche Publikum zugänglich und hoffentlich nicht das letzte Buch Gasdanows, welches sie übersetzt.

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