Das Paradiesghetto

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: Carl Hanser, 2014, Seiten: 240, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Große Entscheidungen und Glücklichsein

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Nov 2014

Eine alte Frau ist dem Tode nah, sie hat wenig Lebensfreude, undankbare Töchter und einen Hund, der sie auf Trab hält. Sie spürt den Verfall ihres Körpers, das hohe Alter und kämpft jeden Tag mit sich, um den Alltag zu regeln und über die Runden zu kommen. Kleinigkeiten fallen ihr schwer und wenn es nach den Töchtern gehen würde, wäre sie schon längst in einem Altenheim, wo sich andere Menschen um sie kümmern. Sie bevorzugt es aber sich selbst zu helfen, ihren Willen anzustrengen und sich anzutreiben. Dadurch wird sie nicht glücklich, aber es ist der einzig richtige Weg für sie.

Als Paradiesghetto wurde das Lager Theresienstadt bezeichnet, welches den Nazis dazu diente, das Rote Kreuz über die wahren Verhältnisse in den Lagern zu täuschen. Es wurde für den internationalen Besuch hergerichtet, die Insassen wurden besser behandelt und die Anzeichen der Gewaltherrschaft vertuscht. Es sollte darstellen, wie angenehm ein Leben im Lager doch sein kann. Gefangen, aber glücklich sollten die Einwohner erscheinen.

Die Wohlhabenden in Buenos Aires leben ebenfalls in einem Paradiesghetto. Sie stehen auf der Gewinnerseite des Lebens, konnten viel Geld machen und sich zahlreiche Träume erfüllen. Sie leben in großen, schicken Häusern, während ein Großteil der Bevölkerung der Millionenstadt in prekären Verhältnissen ein Auskommen sucht. Um sich zu schützen, lassen die Reichen Mauern und Zäune um ihre Häuser errichten. Sie sperren sich ein und wollen ihr Glück schützen.

Eberhard Rathgeb hat ein Buch über eine alte Frau geschrieben, die sich in ihrem Leben und ihren Entscheidungen eingeschlossen hat. Sie lebt in Deutschland, seit vielen Jahren schon, und ist unglücklich darüber jemals in dieses Land gekommen zu sein. Sie mag die Menschen nicht und noch weniger dieses graue Provinznest, in dem sie lebt. Ihre Kindheit verbrachte sie in Buenos Aires, einer Weltstadt, weit entfernt vom damaligen Nazi-Deutschland. Sie waren eine deutsche Familie im Ausland, keine Nazis - das ist ihr sehr wichtig, vielleicht sogar das Wichtigste, denn ihr Groll gegen Deutschland und seine zufriedenen Einwohner resultiert aus der Geschichte der Nazis und der jungen Demokratie in Deutschland, die nicht ordentlich aufräumte mit den Verbrechen und den verbrecherischen Ideen der Vergangenheit. Der Mord an den Juden zeigte die grausame Seite der Menschen, die folgende Stille zeigte die Ignoranz, mit der sie sich abwandten und wieder unbeschwert das eigene Glück verfolgten, so als wäre nichts geschehen.

Auch die Töchter der alten Frau suche das eigene Glück und wollen sich nicht verantwortlich fühlen für vergangene Taten Anderer. Die Mutter verurteilt sie dafür und macht ihnen Vorwürfe. Der unbeschwerte Genuss in einer Welt gezeichnet vom Grauen. Das ist unzulässig und deshalb versagt sich die alte Frau viele Freuden und verschließt sich der Welt. Sie wird zur Einsiedlerin, zur ewig mahnende Stimme, zum Klageweib mit verklärten Erinnerungen. Sie schimpft auf nahezu Alles, erinnert an das Leiden der Juden und verweist immer wieder auf ihre eigenen Entbehrungen. Sie ist jedoch nicht nur unerbittlich gegenüber ihren Mitmenschen, sondern auch gegen sich.

 

„Sie bestand nur aus Haut und Knochen, sie aß zu wenig. Aber der Körper hielt durch, er war zäh und daran gewohnt, von ihr nicht beachtet zu werden. Er hatte sich gegen ihre Ignoranz am Leben erhalten.
Du darfst nicht sofort nachgeben, sagte sie, als spräche sie zu einem faulen, unwilligen Kind. Du musst durchhalten."

 

Die Atmosphäre des Romans ist außergewöhnlich. Wie in einem gespenstischem Amphitheater bei Nacht sitzt die alte Frau im Zentrum des Geschehens, um sie herum eine Schar von Erinnerungen und Geistern. Sie spricht mit den Toten, mit ihrem Vater, den sie sehr verehrte, und mit ihrem Mann, der sie überzeugte Argentinien zu verlassen und in Deutschland zu leben. Sie beklagt sich bei ihren Töchtern, die keine Namen haben und stets im Chor reden. Adolf Eichmann flimmert auf, immer wieder. Dazu eine stark begrenzte Szenerie, die sich auf die wenigen Orte beschränkt, die der alten Frau zugänglich sind. Diskutiert und gestritten wird über die gleichen Themen, so lange bis sich die Gesprächspartner in Luft auflösen und die alte Frau allein zurückbleibt mit ihren Gedanken und dem Hund, der immer Gassi gehen will.

Rathgeb ist vielerlei gelungen in seinem Roman, den man leicht für ein Psychogramm halten kann, der den Werdegang der alten Frau und ihre Abschottung erklären will. Doch derartigem konnte der Autor zum Glück widerstehen. Er beschränkt sich auf die Darstellung des körperlichen und geistigen Zustandes der Frau, ist bereit Konfusion und auch Widersprüchlichkeiten zu dulden, was dem Ganzen viel Authentizität verleiht. Diese realistische Präsentation der alten Frau und ihrer Weltsicht, sowie die besondere Atmosphäre der Dialoge zeichnen dieses Buch aus und prägen das Leseerlebnis. Dafür muss der Leser aber eine sehr spärliche Handlung hinnehmen und sich auf Dialoge beschränken, anstatt sich an lebendigen Charakteren zu erfreuen. Kein leichter Tausch, aber wer sich darauf einlässt wird mit einer besonderen Protagonistin belohnt.

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