Bei 30 Grad im Schatten

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Salzburg: Jund und Jung, 2014, Seiten: 144, Originalsprache

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Plett
Ziellos ans Ziel

Buch-Rezension von Kathrin Plett Nov 2014

Das Ziel finden ohne ein Ziel zu haben? Durchaus möglich, wenn es darum geht, sich selbst zu finden und bereit ist, sich ganz auf die Situation einzulassen, ohne zuvor über das wo und wie nachzudenken. Alles hinter sich lassen und ganz für Neues und Unbekanntes offen zu sein erfordert jedoch auch viel Mut, denn alles hinter sich zu lassen ohne zu wissen, was man bekommt, ist nicht ohne Risiko. Genau dieses Risiko geht Jakob Walter ein, als er beschließt, sich auf den Weg zu machen...

Nachdem Jakob Walter von seiner Frau Edith verlassen wurde, macht er sich auf den Weg. Er packt seinen Rucksack mit dem Nötigsten, verlässt seine Heimatstadt Bern und kehrt seiner Vergangenheit den Rücken zu. Ohne direktes Ziel geht er los, zunächst planlos und ohne zu wissen, wo es hingehen soll, lässt er sich von seinem Gefühl treiben. Klar ist zunächst nur, dass er nicht gefunden werden will. Auf seiner Reise begegnet er vielen interessanten Menschen, die wie er irgendwo in ihrem Leben gestrandet sind und ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Je weiter er kommt, desto mehr findet er zu sich zurück, bis er schließlich in Griechenland landet und völlig einsam vielleicht endlich am Ziel seiner Reise angekommen ist.

Lorenz Langenegger, geboren 1980 in der Schweiz, lebt heute in Wien und Zürich. 2009 erschien sein erster Roman Hier im Regen. Außerdem schreibt Langenegger für das Theater und hatte bereits zahlreiche Uraufführungen.

Als Jakob Walter von seiner Frau verlassen wird, wird ihm klar, dass es so nicht weitergehen kann und er schon seit Langem nicht mehr glücklich in seiner Ehe ist. In letzter Zeit kommt es immer häufiger zu Streit, eigentlich ohne Grund, es scheint, als haben sich beide darüber hinaus nichts mehr zu sagen:

 

"Alles was er mit Edith an Streit zustande bringt, ist hässliches Gezänk. Seit Wochen machen sie einander Vorhaltungen wegen unliebsamer Angewohnheiten, alter Zeitungen unter dem Sofa, in der Badewanne liegen gebliebener Zehennägel, beim Abwasch vorsätzlich vergessener Töpfe auf dem Herd. Meistens reagieren sie mit Schweigen auf die Vorwürfe des anderen, manchmal bricht ein Streit auf, der von zwei, drei immer gleichen Charakterzügen genährt wird, die sie aneinander kritisieren."

 

Jakob bricht auf, folgt seinem Wunsch, den er schon seit Langem hegt und verlässt seine Stadt, Edith und den ganzen Berg an Sorgen, der sich in all den Jahren angesammelt hat. Wer ist er selbst eigentlich? Die Antwort auf diese Frage fällt ihm schwer. Angestellter, Ehemann, erfüllt fühlt er sich davon längst nicht mehr. Je weiter er kommt, desto tiefer dringt er vor, bis er schließlich sogar das Menschsein selbst zu hinterfragen beginnt und dabei seinem inneren Ziel immer näher kommt:

 

"Vielleicht ist der Mensch gar nichts so komplex, als er gerne sein möchte, denkt Walter. Er kann komplizierte Strukturen erkennen, sich Zukunftsszenarien mit vielen Eventualitäten ausmalen, Geschichten erzählen, die auf den verschiedensten Ebenen spielen, aber er handelt in den meisten Fällen nach leicht durchschaubaren Mustern. Auf die leiseste Enttäuschung folgt die Beruhigung. Walter braucht sich nicht vor sich selbst zu fürchten. Die Überforderung ist ein vorübergehender Zustand, der vom Denken ausgeht, und kein im Wesen des Menschen angelegter Widerspruch. Wenn er sich auf seine Handlungen verlässt, wird er früher oder später in seine Ordnung finden."

 

Langenegger schildert einfühlsam und sprachlich gekonnt wie sein Protagonist durch den Mut, sich auf den Weg zu machen, seinem unbekannten Ziel, geleitet durch sein Unterbewusstsein, immer näher kommt. Schritt für Schritt nähert er sich nahezu simultan Stück für Stück einem Ziel, von dem er zu Beginn seiner Reise nicht einmal weiß, dass es wirklich existiert. Ganz nah an seiner Hauptfigur gelingt es dem Autor, dessen Gefühle und Gedanken klar und nachvollziehbar zu beschreiben, so dass seine Zweifel und Ängste miterlebbar werden. Beinahe philosophisch lässt Langenegger Jakob Walter existenziellen Fragen nach dem eigenen Menschsein, menschlichen Beziehungen und dem Leben stellen und bietet Antworten an, mit denen sich der Leser selbst auseinandersetzen kann. Trotz der eigentlich einfachen Handlung erhält der Roman auf diese Weise eine Tiefe, die bis in das eigene Leben des Lesers reicht und im Gedächtnis bleibt.

Alles in allem ist Bei 30 Grad im Schatten ein gelungener Roman, der viele Fragen und auch das Ende offen lässt, dazu viel Raum für eigene Interpretation und Gedanken bietet. Obwohl der Roman mit gut 140 Seiten eher knapp gehalten ist, beinhaltet er viele Ideen, die zum mit- und weiterdenken einladen.

Bei 30 Grad im Schatten

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