Grundriss eines Rätsels

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2014, Seiten: 512, Originalsprache

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Almut Oetjen
Ich denke, also könnte ich sein

Buch-Rezension von Almut Oetjen Nov 2014

Gerhard Roth erzählt gerne von Menschen, die sich auf eine Suche begeben und die nicht wissen, in was sie hineingezogen werden, beispielsweise ein Verbrechen. Je mehr sie Details erhellen, desto dunkler wird das Gesamtbild. Dies ist nicht anders in Roths neuem Roman. Grundriss eines Rätsels ist auf etwa 500 Seiten in sechs Bücher und einen Epilog gegliedert. Im ersten Buch lesen wir eine Skizze der letzten Tage des Schriftstellers Philipp Artner, der durch eine Gasexplosion in einem Wiener Haus verschwindet. Danach werden verschiedene Geschichten erzählt, spielend an unterschiedlichen Orten zu weit auseinander liegenden Zeiten und ausgestattet mit dem überwiegend gleichen Personal. Die Geschichten sind nicht kohärent, Roth gibt den Lesern Hilfestellungen, mit denen er sie absichtsvoll auch in die Irre schickt.

Auslöschung und Auflösung des Subjekts

Der Germanist Vertlieb Swinden, wissenschaftliche Hilfskraft am Heimito-von-Doderer-Institut, nistet sich im zweiten Buch in Artners Haus in der Steiermark ein, gibt sich als Journalist und Bekannter Artners aus, sucht nach dessen letztem Manuskript und anderen Aufzeichnungen. Die ländliche Region, in der er sich aufhält, erweist sich als ein Ort der Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Drei Tschetschenen, Asylbewerber und Besucher einer einheimischen Witwe, die mit ihnen vermutlich sexuellen Verkehr hatte, wurden ermordet und geköpft.

Swinden findet zwei der Leichen, wird vom Kriminalpolizisten verdächtigt und beginnt eine Affäre mit der Apothekerin Pia Karner, die Artners Geliebte war und einen Sohn mit diesem hat, Gabriel Artner. Hauptfigur im dritten Buch ist Pia, die als allein erziehend versucht, im Gewirr ihres Lebens klarzukommen. Im vierten Buch erinnert sich Gabriel, mittlerweile Schauspieler in Hamburg, an seine Kindheit. Das fünfte Buch erzählt von Artners Ehefrau Doris, die sich mit Swinden auf die Spuren ihres toten Mannes begibt und dabei nach Tokio kommt. Im sechsten Buch begegnet Artner im Krankenhaus einem alten Italiener, der ihm aus dem Venedig des Jahres 1902 und vom Einsturz des Campanile erzählt. Der Epilog enthält Notizen Philipp Artners.

Roths Protagonisten versuchen sich in einer ihnen fremden Umwelt zu begreifen, ihr Selbst zu definieren. Dazu schickt er sie auch auf Reisen, in die Provinz oder nach Japan, in die Verdrängung und in die Erinnerung und damit Vergangenheit. Ihre Suche ist immer in verschiedene Zusammenhänge eingewebt, wie in gesellschaftspolitische Strukturen und in den schöpferischen Prozess.

Wahrnehmungen und Repräsentationen

Menschen benutzen einander, lügen sich ihre Welt zurecht, die bestimmt ist durch Hass, Zerstörung, Faschismus, das Böse, dies im Mikrokosmos kleiner Gemeinschaften und im Individuum. Sie existieren in Parallelwelten. Roth leitet das zweite Buch mit einem Zitat zur Kleinschen Flasche ein, sprachlich ein Missverständnis, mathematisch eine nicht orientierbare Fläche, allgemeinverständlich und von Roth in dieser inhaltlichen Absicht genutzt: eine Konstruktion, bei der die Unterscheidung zwischen Innen und Außen nicht möglich ist.

Das Phänomen der Geisteskrankheit verwendet Roth, um unsere Wirklichkeitskonstruktion in Frage zu stellen. Auch Geisteskrankheit ist teils eine soziale Konstruktion, die sichtbar wird in der Abweichung vom Normalen, einer Verschiebung der Wahrnehmung und des Denkens, wie Artner nahe legt, der die sichtbare und die unsichtbare Wirklichkeit in seinem Werk abbilden will.

Swinden versucht die Lücke zu füllen, die Artner hinterlassen hat, nähert sich dessen Ehefrau an, der Geliebten und ihrem Sohn. Er stiehlt Pia Artners Manuskript, das er nicht dem Institut übergeben will. Die Identitäten werden unklar, Swinden verschwindet wie zuvor Artner, taucht unter anderen Bedingungen wieder auf, soll sich für Artner halten.

Roth wirft die Frage auf, inwieweit Menschen Zugriff auf sich selbst haben und die Grenze zwischen verschiedenen Identitäten überschreiten können. Den interessantesten Fortschritt macht die Figurenwahrnehmung, als Swinden glaubt herauszufinden, er sei nur die Fiktion eines Autors, der Swindens Identität definiert und damit die Identität des Erzählers aus dem zweiten Buch, dem einzigen mit einem Ich-Erzähler. Roth spielt hier geschickt und mit mehreren Windungen mit der Fiktion der realen Figur.

Doppelungen und Krähen

Ausgangspunkt in Grundriss eines Rätsels sind die Doppelung und die Spiegelung, das gegenseitige Durchdringen: die Existenz und die Nicht-Existenz eines Menschen, sein Dasein und sein Verschwinden, das unmittelbare Erleben und die – verlorene und wiedergefundene - Erinnerung, Fiktion und Reales, das Aufeinandertreffen und wechselseitige Neutralisieren männlicher und weiblicher Energien, innere und äußere Reisen, die Zwangsläufigkeit und die Konstruktion tragischer Entwicklungen, das Erwachen und das Vergehen, das Entstehen aus und das Aufgehen in Literatur.

Roth verwendet wiederkehrende Motive, darunter Krähen, die er zu lieben scheint. Sie haben für ihn in Momenten ihres Verhaltens etwas Mechanisches an sich, in anderen folgen sie einer unsichtbaren inneren Logik, so beim Fliegen im Schwarm, der synchron in seinen Bewegungsabläufen und Veränderungen ist. Wie beim Chaos erscheint alles als unorganisiert, folgt jedoch strukturierenden Prinzipien. Gibt es ein ordnendes Prinzip, folgt es der Logik sich selbst organisierender Systeme? Wird darin eine unhörbare Musik spürbar?

Das menschliche Leben. Wir kommen darin besser oder schlechter zurecht, ohne es selbst zu verstehen, reduzieren seine Komplexität auf ein überschaubares Maß in einer Qualität, die daraus vielleicht etwas anderes macht. Roths Swinden vermutet bisweilen eine Absicht und geordnete Strukturen, durchdringt Grenzen, beobachtet nur unvollkommen, wenngleich er auf jedes Detail bedacht scheint, verfügt aber nicht über die notwendigen Informationen, die ihm Sinnzuweisungen erlauben würden.

Gerhard Roths Grundriss eines Rätsels entwickelt über perspektivische Wechsel Repräsentationen von Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit kann sie selbst sein, eine Simulation oder ein Simulakrum. Postmodern ist der Roman, wenn man will, und nimmt keine Rücksicht auf die Leser.

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