Kruso

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: HörbuchHamburg, 2014, Seiten: 9, Übersetzt: Franz Dinda

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Wann ist ein Roman ein guter Roman? Was macht ein Werk zu etwas Außergewöhnlichem, Preiswürdigem? Kruso von Lutz Seiler eignet sich hervorragend als Lehrstück, um sich mit dieser Frage ernsthaft auseinander zu setzen. Kruso ist ein DDR-Roman, ein Wende-Roman. Und damit schon mal prädestiniert, um für Gesprächsstoff zu sorgen. Denn hier wird nicht nur eine Innensicht geboten, es wird auch eine Innensicht gefordert. Oder zumindest die Offenheit, die eigene Sicht über Bord zu werfen und sich ganz dem unbekannten und wohl meist auch verpönten zuzuwenden. Lutz Seiler provoziert ohne Provokation. Einfach nur dadurch, dass er diese ganz spezielle Innensicht der Menschen auf Hiddensee thematisiert. Es bedeutet für jeden Außenstehenden ein ganzes Stück Arbeit, sich auf diese unglaubliche Welt einzulassen und dem Autor das Augenmerk zu schenken, das er verdient. Denn allzu schnell verliert der Roman an Kraft und Überzeugung, wenn der Leser nicht auf sich wirken lassen kann, was Lutz Seiler hier in Worte verpackt hat.

Seiler schickt den traumatisierten Ed auf die Suche nach sich selbst. Der junge Mann landet zwangsläufig in Hiddensee, dieser Insel, die nach eigenen Gesetzen lebt und all den gestrandeten Seelen Erlösung von ihrer seelischen Not scheint. Hier auf Hiddensee will Ed nicht nur ein anderer werden, er liebäugelt auch mit der Freiheit, die in so wenigen Kilometern lockt und die wie ein verheißungsvolles Versprechen über der Insel liegt. Doch vermag dieses Versprechen die Atmosphäre von Kontrolle und Zwang nicht ganz zu verdrängen. So weiß Ed instinktiv, dass er sich nachts nicht am Strand herumtreiben darf, will er nicht riskieren, mit einem Strahl aus der Lampe von Sicherheitskräften aus dem Schlaf geholt zu werden. Zunächst scheint Eds Suche nach Arbeit aussichtslos. Erst in der abgelegenen Klause mag man ihm eine Chance geben und nimmt den jungen Mann auf. Der ahnt nicht, dass er hier mit einer Welt konfrontiert wird, von dessen Existenz er bisher nichts wusste. In der Klause begegnet dem verzweifelt nach seiner Identität suchenden Ed der Intellektuelle Kruso. Eine Freundschaft entwickelt sich, hat aber nicht nur einen intellektuellen Hintergrund, sondern auch einen erotischen. Ed wird zum Anhänger, ja, in mancherlei Hinsicht fast schon Jünger von Kruso, dem Deutschen mit russischen Wurzeln.

Je weiter der Roman fortschreitend, desto stärker wird die Geduld all jener gefordert, bei denen die Bilder keine Erinnerungen an eigene DDR-Erfahrungen wecken können. Fast scheint es so, als wäre „Kruso" eigens für jene geschrieben, die sich einst mit dieser Welt auseinandersetzen mussten, im Guten wie im Bösen. Als sollten Bilder noch einmal hochkommen, die von den Dabei gewesenen meist nur im kleinen Kreis diskutiert werden, weil sie von all den anderen mit einer ärgerlichen Handbewegung vom Tisch gefegt werden. Es ist eine andere Art von Freiheitssuche, die Ed hier erlebt. Eine Art, die vielen schwer verständlich ist. Wer nicht zumindest teilweise über DDR-Erfahrungen verfügt, dürfte sich mit dem Protagonisten Ed nur schwer anfreunden können. Er wirkt blass, verstört, konturenlos. Und dadurch wird er zum größten Schwachpunkt des Romans. Schritt für Schritt kämpft sich Ed durch seine Entwicklung, und genauso kämpft der unkundige Leser – allerdings ums Verstehen. Ein paar gruselige Szenen und die zunächst unterschwellig auftauchende und später offen mitschwingende Erotik wollen der Geschichte diesen Touch des Verruchten verleihen, der in vielen Romanen gewirkt hat – und auch hier scheinbar seine Wirkung nicht verfehlt. Doch vermag all dies nicht darüber hinweg zu trösten, dass der Roman wenig Fahrt aufnimmt, immer wieder ins Stottern kommt und bröckelt.

Dass Kruso zu den Werken gehört, die eine hohe Auszeichnung erhalten haben, erstaunt indes kaum. Denn der Roman scheidet die Gemüter, zwingt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Hier ist die eigentliche Kraft der Erzählung zu finden: Kaum jemand mag kopfschüttelnd das Buch aus den Händen legen und sagen: Mich langweilt die Geschichte. Zu sehr prallen hier die Welten aufeinander, versucht die eine Seite die andere zu überzeugen. Es wäre jedoch zu einfach, den Roman als DDR-Erinnerung abzutun. Der Roman ist sehr wohl ein Spiegel nicht nur einer Zeit des Umbruchs, sondern auch einer Welt die abseits von all den Gegebenheiten der DDR existiert und als solche gleichzeitig eine stetige Auflehnung gegen das System bedeutet. „Kruso" ist aber auch eine Geschichte, mit der man sich auseinandersetzen muss. Nicht, weil sie ausgezeichnet worden ist, sondern weil in ihr eine Dringlichkeit, eine Atemlosigkeit wohnt, die selbst von den langatmigsten, wenngleich in einer faszinierenden Sprach-Virtuosität verfassten, Passagen nicht erschlagen werden kann.

Was auch immer die Jury bewogen haben mag, gerade Kruso mit dem Deutschen Buchpreis 2014 zu beehren, falsch ist die Vergabe nicht. Nur wenige Bücher vermögen so stark zu polarisieren und eine solch breit gefächerte Diskussion zu entfachen, wie es dieser Roman tut. Wer sich aber auf eine Diskussion einlässt, wird sich auch mit der Materie auseinander setzen. Und so hat Lutz Seiler letztlich mit seiner Geschichte sehr viel mehr erreicht, als es der Verfasser eines hochgeistigen und unbestritten hervorragenden Romans getan hätte.

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Letzte Kommentare:
18.12.2018 00:43:53
Dr. Maxiilian von Eck und Weid

Wenn in Kritiken schon steht, es handele sich um ein Buch, welches einem viel Geduld abverlange, bis es hypnotisch würde, ist nahezu immer grundlegende Skepsis geboten. Wie schon mit ,,Hurz!" angesprochen, handelt es sich bei solchen Kritiken wohl eher um den Beleg dafür, dass ,,Experten" großer Zeitungen ihre ,,Expertenrolle" aus dem Konsens mit wenigen meinungsbildenden Kritikern ziehen. Mit solchen Formulierungen ein sich hinziehendes Buch ohne nennenswerte oder gar spannende Handlung noch so zu beschreiben, dass die eigene Expertise sich auch mit der, der Verleiher des deutschen Buchpreises deckt, erreicht hier bei ,,Kruso" ein neues Level.
Das Buch ist schlichtweg umständlich, langsam und unangenehm geschrieben, und verliert sich oft im noch so unwichtigsten Detaillierst. Wo einige die große Kunst des Übermittels der Atmosphäre sehen, sehe ich eine unnötige Streckung des Textes um unwesentliche und ablenkende Punkte von der Hauptstory. Da diese aber durch das ganze Buch hinweg sehr minimalistisch ausfällt, besteht der Großteil des Textes aus Ablenkungen und noch unangenehmeren Wiederholungen.
Es vermittelt sich über das Buch hinweg der Eindruck, alle Charaktere seien etwas geisteskrank und mit dem Protagonisten kann man sich aufgrund seiner Eigenartigkeit, die wohl aus seiner unsympathischen Art rührt, nicht gut identifizieren. Das ist insofern noch störender, als das das Buch in eine personalen Erzählweise geschrieben ist.
Alles in allem ist Lutz Seilers ,,Kruso" für mich ein misslungenes Debüt eines Lyrikers, der sich von seiner alten Textsorte nicht genug lösen konnte, um ein Roman von wirklichem Inhalt zu schreiben, für die Vertuschung davon durch ausschweifende und poetische Sprache aber grundlos in den Himmel gelobt wird.

05.11.2014 02:17:43
Ulrich Leive

Wenn sogenannte Literaturexperten wie etwa Denis Scheck in Deutschland begeistert sind, sollten bei Lesern immer rote Lampen aufleuchten. Das verheißt nichts Gutes. "Hurz!" ist das Stichwort. Als Westdeutscher interessiere ich mich durchaus für "das Leben der Anderen" . Ich glaube, es wird von Filmschaffenden wesentlich besser dargestellt als von Autoren. Wie schon im Roman "Der Turm" von Tellkamp muß man sich auch in "Kruso" von Seiler durch eine schwadronierende und umständliche Sprache wühlen, die darüber hinwegtäuschen will, daß es eigentlich keine Story gibt, die einen interessieren könnte.
Wenn es im Roman vorwiegend statt um Handlung um Befindlichkeitsorientierungen gehen sollte, dann ist meine Befindlichkeit als Leser nur Öde und Langeweile gewesen. - Mein Fazit:
"Kruso" ist ein absolut uninteressantes Buch.