Outlaws

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Lumen, 2012, Titel: 'Las leyes de la frontera', Originalsprache
  • Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014, Seiten: 512, Übersetzt: Peter Kultzen

Couch-Wertung:

71

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

1 x 91-100
1 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:91.5
V:1
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":1,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":1,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Sebastian Riemann
Kampf und Verwirrungen im jungen Spanien

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Sep 2014

Spaniens Demokratie ist jung. Während die Diktaturen in Deutschland und Italien im zweiten Weltkrieg besiegt wurden, konnte sich der General Francisco Franco als Alleinherrscher des spanischen Staates bis zu seinem Ableben im Jahre 1975 an der Macht halten und seinem Land die Demokratie verwehren. Die Folgen dieses verspäteten Wandels sind noch heute zu bemerken. In seinem neuesten Buch befasst sich Javier Cercas mit der Zeit, da Spanien das Erbe des Diktators hinter sich lassen wollte. Die Transición war geprägt vom Kampf neuer und alter Kräfte, vom Ringen um die Neugestaltung des Landes. Dabei spielten nicht nur politische Parteien eine Rolle, sondern auch alte Militärs und die Guardia Civil, die noch 1981 versuchten eine neuerliche Diktatur zu errichten. Eine Zeit des Aufbruchs, aber auch des Chaos. Ort der Handlung ist der Norden Kataloniens, die Stadt Gerona, in der Nähe Barcelonas.

Ein Sechzehnjähriger spielt Flipper in einer Spielhalle, als plötzlich eine Gruppe ihm unbekannter Jugendlicher auftaucht. Ein Junge und ein Mädchen drängen ihn zur Seite, übernehmen den Flipper, und er bleibt verdutzt stehen. Das Mädchen ist das Schönste, was er in seinem Leben gesehen hat, er ist auf der Stelle verliebt. Der Junge macht, was er will, ob es Brillenschlange – so der Spitzname, den sie ihm kurzerhand gegeben haben – gefällt oder nicht. Denn Brillenschlange ist ein Kind der Mittelschicht, lebt in geordneten Verhältnissen, während die Anderen Quinquis sind, Herumtreiber aus den Notunterkünften am Rande der Stadt. Sie kommen aus zerrütteten Familien und haben wenig Aussichten auf ein schönes Leben. Im Rotlichtviertel hängen sie ab, trinken Bier und rauchen Joints. Sie sind eine Gang und Tere, dieses hübsche Mädchen, ist Teil der Gang. Deshalb will Brillenschlange auch ein kleiner Ganove werden, um in ihrer Nähe zu sein. Und weil er eine romantische Vorstellung von Gesetzesbrechern hat. Für ihn sind sie Kämpfer der Gerechtigkeit, ganz so wie im Fernsehen. Er ist sechzehn Jahre alt, natürlich fasziniert ihn eine Bande mit einem hübschem Mädchen.

Das Buch hat einen journalistischen Charakter. Im ersten Teil, „Jenseits" genannt, führt der (fiktive) Autor Interviews mit Ignacio Cañas, so der bürgerliche Name von Brillenschlange, und Inspektor Cuenca, der die Bande in den 70ern verfolgte und auch zur Strecke brachte. Sie erzählen abwechselnd von der Entwicklung des Anführers Zarco und seiner Truppe. Die verhinderte Liebesgeschichte zwischen Tere und Ignacio kommt dabei auch immer wieder hoch, ohne dass geklärt werden kann welche Absichten das Mädchen damals hatte. Vielleicht war sie auch die Freundin Zarcos. Die Interviewpartner sind sich unschlüssig. Ebenso im zweiten Teil, „Diesseits" genannt. Das Interview mit Cañas wird fortgeführt, diesmal jedoch abgewechselt mit den Darstellungen des ehemaligen Gefängnisdirektors der Stadt Gerona.

Die Bande hatte sich radikalisiert, nachdem ein Teil von ihnen der Polizei in die Fänge ging. Sie kauften sich Waffen und begannen Banken zu überfallen. Inspektor Cuenca war ihnen dabei immer auf den Fersen, letztlich konnte er mit Unterstützung der restlichen Polizisten eine Falle stellen und die Bande auf frischer Tat ertappen. Zarco, der Anführer, wurde gefasst und verurteilt, gleich seinen Gehilfen. Brillenschlange jedoch konnte entwischen und die hübsche Tere war nicht beteiligt, sie besuchte eine Freundin in Barcelona. Im Gefängnis wird Zarco zur Berühmtheit, ein Symbol für das Aufbegehren, ein moderner Robin Hood, ein inspirierender Rebell. Film, Fernsehen und Literatur werden ihm gewidmet und der Mythos Zarco entsteht. Brillenschlange Cañas kehrt in sein altes Leben zurück, nimmt die Schule wieder auf, wird Anwalt. Und eines Tages sehen die beiden sich wieder, da Zarco nach Gerona verlegt wird und Cañas ihn verteidigen soll. Tere bittet ihn darum und natürlich kann er ihr immer noch keinen Wunsch abschlagen.

Das Buch lebt vom Unausgesprochenen. Die Fragen danach, wer die Bande bei der Polizei verraten hat, oder ob Tere die Zuneigung zu Brillenschlange nur vortäuscht, um ihn zu instrumentalisieren, stehen im Zentrum dieser Ganoven- und Gesellschaftsgeschichte. Bald kommt man jedoch dahinter, dass es keine wirkliche Auflösung geben wird, dass zentrale Fragen, die von großer Bedeutung für Cañas sind, nicht geklärt werden. Die Ungenauigkeiten in den Darstellungen, die Ausflüchte der beiden Quinquis, auch seine eigene Unsicherheit und Ignoranz, alles legt einen Schleier über das Geschehen, welcher durchaus interessant sein kann, im vorliegenden Buch jedoch das Durchhaltevermögen des Lesers arg herausfordert. Man spürt, dass Cañas nie das erreichen wird, was er will, nie wissen wird, was er wissen will. Und so bringt das Versteckspiel der Intentionen mehr Ermüdung als Spannung hervor. Hinzu kommt die zeitliche Distanz. Des Öfteren erwähnen die Interviewpartner, dass alles schon so lange zurückliege, dass sie sich nicht mehr recht erinnern können. Auch diese Ungenauigkeit trägt nicht zur Spannung bei. Denn letztlich bleibt alles nebulös.

„Jetzt aber sah ich sie wieder so wie bei unserer ersten Begegnung im Spielsalon Vilaró und wie während des ganzen Sommers: Spöttisch, selbstsicher, strahlend, das hübscheste Mädchen, das ich kennengelernt hatte. Ich wich ihrer Frage aus, indem ich meinerseits fragte, ob sie ein Bier wolle."

Javier Cercas lebt derzeit in Gerona, wo er als Professor für spanische Literatur tätig ist. Im Jahr 2011 erschien sein Essay Anatomie eines Augenblicks in Deutschland, welcher sich mit dem Putschversuch 1981 in Spanien befasst. Cercas wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Outlaws ist sein fünfter Roman.

Deine Meinung zu »Outlaws«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
12.03.2015 07:29:52
M. Lehmann-Pape

Es ist kein Zuckerschlecken, wenn man mitten in der Pubertät nur „Brillenschlange“ gerufen wird und plötzlich ein massives Mobbing durch gerade jene erlebt, die man Freunde nannte.

Ignacio Canas lebt in Gerona. Keine allzu große Stadt, bekannt vor allem durch ihren patriotischen General, der die Stadt bis zum Letzten gegen die Franzosen verteidigte.

Eine Stadt mit ihrem bürgerlichen „Kern“, aber auch den Problemvierteln.
Dem überschaubaren Rotlichtbezirk. Der Sozialsiedlung.
Lebensbereiche, die erst mal wenig miteinander zu tun haben.
Die Cercas treffsicher durch die flüssige Erzählung in ihren je eigenen Atmosphären nahe bringt.

Für Ignacio aber stellen sich bald schon Verbindungen her.
Denn ausgestoßen und malträtiert von seinen Freunden gerät der Junge aus gut bürgerlichen Verhältnissen im Gerona Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre an Zarco. Und Tere.

Jugendliche aus Behelfsunterkünften am Stadtrand. Quinquins, eine Art Roma Spaniens (wenn der Begriff Roma auch von den Quinquins massiv abgelehnt wird).

Zarco, der nicht nur hart und kühl wirkt, sondern ebenso hart und kühl auch ist. Der mit Tere, seinem „Schatten“, einem Mädchen, das bedingungslos an seiner Seite steht, „erfolgreich“ schon auf eine Reihe von Einbrüchen zurückblickt. Den nächsten Coup bereits im Blick.

Da kommt „Brillenschlange“ gerade recht. Denn Ignacio könnte Informationen besorgen, die Zarco gut gebrauchen kann.
Während Ignacio sich umgehend in die schöne Tere verliebt und von dieser durchaus ebenfalls beachtet wird, ahnt der Leser bereits, dass Zarco und Tere ganz ihr eigenes Ding machen und Ignacio, zumindest zu Anfang, nur „Mittel zum Zweck“ ist.

Was sich ändern wird. Oder vielleicht auch nur an der Oberfläche.
Mehr und mehr schließt sich Igancio an, überwindet seine Angst und bietet mehr und mehr „Köpfchen“ für den weiteren Verlauf der Bande.
Bei einfachen Einbrüchen in unbewohnten Ferienhäusern wird es nicht bleiben.

Was mit der Zeit auch die Polizei auf den Plan ruft.

Es kommt, wie es kommen muss.
Irgendjemand gibt einen Tipp. Bei einem Banküberfall ist die Polizei vor Ort, Ignacio kann entkommen. Sehr zu seiner (und des Lesers) Verwunderung, zunächst.
Es wird lange dauern, bis ans Ende des Buchs, bis eine Idee entsteht, warum das so war.

Jahre später beginnt ein Prozess. Und Ignacio wird wiederum eine gewichtige Rolle übernehmen.
Einer, der den Absprung geschafft hat, der die Seiten gewechselt hat, der nun als Anwalt arbeitet. Und wieder ist es Tere, die ihn einbezieht, die in ihm die einzige Chance sieht, Zarco bestmöglich zu verteidigen.

Doch alles kommt anders, als gedacht. Anders, als geplant. Anders, als möglich.

Liebe, die einen unrettbar an eine andere Person bindet, trotzt irgendwann dann besseren Wissens.
Verehrung eines Freundes, der vielleicht nie ein Freund war, einen aber dennoch in der Pahse des Findens des eigenen Selbst beeindruckt hat.

Momente, Emotionen, die vor allem eines in sich tragen: Sie füllen das innere Vakuum in einer drögen Zeit, an einem drögen Ort in einem Moment der tiefen Verletzung.

Doch Ignacio scheint an sich kein glückliches Händchen, keinen klaren Blick für Freundschaften zu besitzen. Ein ganzes Leben fast wird es brauchen, bis Ignacio mit bitteren Erfahrungen versehen die Augen wirklich öffnet.

Eine Geschichte auch von Chancenlosigkeit, auf der anderen Seite. Von Kindern und Jugendlichen, die von früh an nur am Rand standen und nur den Rand kannten. Was sich in der eigentlichen Beziehung zwischen Zarco und Tere später noch einmal ausdrücken wird.

„Zarco war ein übler Typ. Ein richtig übler Typ. Und zwar immer schon, soweit ich weiß“.

In Form eines rückblickenden Berichtes erzählt Ignacio diese Geschichte, um einem Autor zu ermöglichen, diese in eine Buchform zu bringen. Unterbrochen hier und da von Einschüben aus der Sicht des damals ermittelnden Polizeibeamten.

Ein dichter, teils mäandernder Strom von Worten, eine Vielfalt an Erlebnissen, die das Innerste des jungen und später erwachsenen und jetzt alten Menschen Ignacio zum Vorschein kommen lässt. Das den Leser weniger wegen der kriminellen Aktionen, vielmehr aufgrund der inneren Beziehungen zwischen den Figuren fesselt, gerade weil Cercas so manches an Motiven im Vagen und Ungewissen lassen wird und damit die Fantasie des Lesers immer wieder fordert.

Was ist Wahrheit? Was verbindet Menschen? Was bindet Menschen auch gegen eigentlich besseres Wissen? Hätte es andere Möglichkeiten, Chancen gegeben?

Nicht immer einfach zu lesen und hier und da auch mit Längen verbunden, gelingt Cercas doch wiederum ein treffendes Portrait einer Zeit, einer gesellschaftlichen „Platzzuweisung“ und intensiv miteinander verzahnter Personen.