Meine Kühe können fliegen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2014, Seiten: 144, Originalsprache

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Plett
Geschichten über Worte, Texte und das Erzählen

Buch-Rezension von Kathrin Plett Sep 2014

Buchstaben, einzelne Wörter, ganze Sätze: Sprache ist allgegenwärtig. Wir unterhalten uns, lesen Texte, sehen fern, hören Radio und denken in Worten. Von überall her dringen Sätze zu uns durch, erreichen uns Buchstaben. Kommunikation durch Sprache ist so selbstverständlich, dass gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird, wie besonders Sprache ist, die Fixierung von Texten über Schrift und wir groß das Glück ist, an der Welt der Worte teilhaben zu können. In „Meine Kühe können Fliegen" beschäftigen sich zehn große Autoren mit den Themen Lesen, Schreiben und Erzählen und rücken die verschiedenen Facetten von Sprache in den Mittelpunkt.

In Meine Kühe können Fliegen versammeln sich unterschiedlichste Geschichten, die eins gemeinsam haben: Sie handeln von Sprache und vom Erzählen. Eine Frau findet im Jackett ihres Mannes einen Brief und fürchtet, ihr Mann könnte sie betrügen. Sie ist nicht in der Lage, den Inhalt des Briefes zu überprüfen, denn sie ist Analphabetin. In einer anderen Geschichte stellt sich für einen Mann die Frage: „Wer bist du?" als ihn keiner seiner Bekannten und Freunde mehr zu kennen scheint, drei unscheinbare Wörtchen, die so viel beinhalten. In einer weiteren Erzählung verzweifelt Mark Twain an der deutschen Sprache, für die es seiner Meinung nach mindestens 30 Jahre braucht, um sie zu erlernen. Katrin Jacobsen hingegen befasst sich mit der Form von Sprache und der Gestaltung der Buchstaben und Kurt Tucholskys erörtert die Frage, „Wo lesen wir unsere Bücher?".

Die im Band enthaltenen Geschichten wurden von ihren jeweiligen Autoren zwischen den Jahren 1924 (Mark Twain) und 2009 (Ulla Hahn/Salli Sallmann) veröffentlicht. Neben den bereits genannten Autoren befinden sich außerdem Texte von Michail Sostschenko, Italo Calvino, Giovanni Papini, Kurt Tucholsky, V.S. Naipul, Katrin Jacobsen und dem Herausgeber selbst, Mario Früh, im Buch.

Mit der Auswahl der im Band enthaltenen Texte beweist Mario Früh großes Geschick. Zehn bekannte Autoren befassen sich in ihren Erzählungen mit dem Thema Sprache und nähern sich dieser Thematik aus unterschiedlichster Sichtweise an. Dabei unterscheiden sich die Texte nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch stark. Mark Twains Text liest sich eher wie eine Kolumne, in der er sich über „Die Schrecken der deutschen Sprache" auslässt:

 

„An diese Notiz möchte ich einige Bemerkungen über eine der sonderbarsten Erscheinungen unsres Gegenstandes knüpfen; nämlich über die Länge deutscher Wörter. Einige davon sind so lang, dass sie einen Schatten werfen und perspektivistisch wirken, z.B.: Freundschaftsbezeugungen – Dilettantenaufdringlichkeiten – Stadtverordnetenversammlungen. Das sind keine Wörter mehr; das sind alphabetische Prozessionen."

 

V.S. Naipaul hingegen schreibt seinen Text, der nur aus Stundenbucheinträgen eines Nachtwächters besteht, in vielen kleinen Abschnitten, die aus einzelnen Wörtern oder sehr kurzen Sätzen bestehen:

 

„1.Dezember 22.30. C. E. Hillyard übernimmt Dienst in C...-Hotel, alles korrekt, 12Uhr Mitternacht Bar geschlossen 2Uhr Mr. Wills 2 Carib, 1Brot".

 

Und Michail Sostschenkos Anfang erinnert an ein Märchen:

 

„Es lebten in Leningrad Mann und Frau."

 

Wie sich erkennen lässt, ist die Auswahl der Texte sehr abwechslungsreich. Jede einzelne Erzählung steht und wirkt für sich, zusammengehalten werden die Texte durch ihr gemeinsames Überthema. Auch sprachlich unterscheiden sich die Texte stark. Liest sich der Text von Sostschenko leicht wie ein Märchen, ist der Text von Mark Twain durch seine vielen grammatikalischen Begriffe und Beispiele doch schwieriger und bedarf mehr Zeit. Alle Erzählungen besitzen eine gewisse Tiefe, die zum Nachdenken anregen kann oder dafür sorgt, dass die Erzählungen noch längere Zeit im Gedächtnis bleiben.

Alles in allem ist Meine Kühe können Fliegen, der Titel ist übrigens auch der Titel der letzten Geschichte im Buch, die von Herausgeber Marion Früh selbst verfasst wurde, ein interessanter und lesenswerter Erzählband. Jede einzelne Geschichte sorgt dafür, dass Sprache einmal aus ihrer Ecke der Selbstverständlichkeit und Unscheinbarkeit in den Mittelpunkt gerückt und aus einer ganz neuen Perspektive betrachtet wird.

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