Der Apfelsammler

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Der Audio Verlag, 2014, Seiten: 6, Übersetzt: Marion Martienzen und Maja Schöne

Couch-Wertung:

72
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Rita Dell'Agnese
Weil Liebe nicht so einfach ist

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2014

Der Tod ihrer Tante Eli trifft die junge Journalistin Hannah schwer, hat Eli sie doch teilweise aufgezogen. So macht sie sich auf den Weg nach Castelnuovo, wo Eli in einem kleinen Sommerhaus lebte, um den Nachlass der Tante zu ordnen. Für Hannah ist es auch eine Flucht aus Konstanz, wo sie in eine unglückliche Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann verstrickt ist. In Castelnuovo erwartet Hannah ein zwar pittoreskes Häuschen, das sich aber in einem schlechten Zustand befindet. Hannah fragt sich, weshalb es Eli so sehr in diesen kleinen italienischen Ort gezogen hat, dass sie das solide Bauerngut am Bodensee dafür verlassen hatte. Beim Aufräumen stößt Hannah auf Fragmente eines Briefes, der Dinge offenbart, von denen Hannah keine Ahnung hatte. Obwohl Hannah Elis Geheimnis aufdecken möchte, kann sie sich nicht ganz auf die Suche nach dem vollständigen Brief konzentrieren. Denn da ist der knurrige Matteo di Lauro, der Hannah zunehmend fasziniert. Obwohl sich Matteo zugeknöpft gibt, stöbert Hannah in seinem Leben herum. Seit sie weiß, dass sich Eli zu dem jungen Mann hingezogen fühlte, will sie ergründen, was hinter dem Einzelgänger steckt, der mit zwei Hunden auf einem abgelegenen Hof lebt und alte Obstsorten sammelt.

Mit Eli und Hannah hat die Autorin Anja Jonuleit zwei völlig verschiedene Charaktere gezeichnet. Geht man zunächst davon aus, dass sich die Geschichte zur Hauptsache auf Hannah konzentriert, wird man bald eines Besseren belehrt. Je weiter sich der Roman entwickelt, desto facettenreicher wird die verstorbene Eli. Es ist allerdings nicht Hannah, die nach und nach Elis Vergangenheit an den Tag bringt – Anja Jonuleit bedient sich hier eines anderen Stilmittels. Sie splittet die Geschichte in zwei Erzählstränge, die sie parallel laufen lässt. Zwar gibt es immer wieder Verknüpfungspunkte, doch die Leser merken bald, dass die beiden Schicksale, die klar miteinander verwoben sind, doch jeweils einen ganz anderen Hintergrund haben. Mit dieser Offenheit schiebt Anja Jonuleit die verstorbene Eli nach und nach ins Zentrum des Romans und arbeitet eine faszinierende Protagonistin heraus, die weit entfernt von einer typischen Heldinnen-Figur agiert. Eli ist in ihrer ganzen Handlung und ihrem Denken eine greifbare Figur, die der Realität stets nahe steht und in der sich viele wohl auf die eine oder andere Art wieder entdecken. Sie geht ihren Weg konsequent, aber nicht ohne menschliche Schwächen. Letztlich hat Eli dennoch ein starkes Charisma, das der zweiten Protagonistin Hannah jedoch vollständig fehlt. Bis zum Ende scheint Hannah vor allem eines: Eine egoistische und vor allem höchst unreife Persönlichkeit, die kaum Tiefgang aufzuweisen hat.

Der Plot ist geschickt aufgebaut. Durch die sehr verschiedenen Handlungsstränge kann Anja Jonuleit auch verschiedenste Themenkreise aufgreifen. Eine große Rolle spielen dabei Fremdenfeindlichkeit und häusliche Gewalt. Mit ihrer unaufgeregten, aber präzisen Art, die Ereignisse zu schildern, macht Anja Jonuleit betroffen. Sie holt die Leser sehr nahe an Eli heran und lässt sie diese bedrückende Atmosphäre im elterlichen Haus miterleben. Aber auch die Verzweiflung einer Frau, die in einer unglücklichen Liebe gefangen ist und nicht in der Lage scheint, loszulassen. Selbst als sich die charakterlichen Schwächen des Mannes offenbaren, bleibt Eli sich selber und ihren Gefühlen treu. Das im Wissen, gegen jede Vernunft zu handeln. Nach und nach offenbart sich den Lesern auch, weshalb Eli sich ausgerechnet in diesem kleinen, italienischen Ort niedergelassen hat. Dass sich bald recht klar abzeichnet, was Eli in Castelnuovo fest hielt, mag man der Autorin nachsehen.

Zurück bleibt allerdings ein ambivalentes Bild von diesem Roman. Es sind starke und bewegende Themen, die Anja Jonuleit aufgreift und auch sehr professionell umsetzt. Das in einer süffigen Sprache, die die Lektüre zu einem Seitendreher macht. Doch die Figur Hannahs legt sich hier quer. Der leicht dümmliche Charakter der zweiten Protagonistin schwächt die starken Momente des Romans stark ab. Das mögen die verschiedenen Geheimnisse, die sich mit der Zeit offenbaren, nicht auffangen. Matteo mag als weitere tragende Figur des Romans bestehen, bringt aber keinen besonderen Glanz in die Geschichte hinein.

Der Apfelsammler ist bestimmt nicht der beste Roman von Anja Jonuleit. Aber er ist unterhaltend, spricht mehrere gut gewählte Themenkreise an und ist in sich stimmig. Eine Lektüre, die sich nicht nur für Urlaubstage am Strand, sondern auch für gemütliche Leseabende am Kamin eignet.

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