Das Huhn, das vom Fliegen träumte

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Seoul: Sakyejul Publishing Ltd., 2000, Titel: 'Madangeul naon amtak', Originalsprache
  • Zürich: Kein & Aber, 2014, Übersetzt: Senta Berger

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Plett
Ein etwas anderes Hühnerleben

Buch-Rezension von Kathrin Plett Sep 2014

Freiheit oder Sicherheit? Ein bequemes Leben ohne jegliche Selbstbestimmung oder ein Leben unter ständiger Gefahr, dafür aber mit eigenem Willen? Gar nicht so einfach zu entscheiden, denn was bringt einem die große Freiheit, wenn der Tod um die Ecke lauert oder Selbstbestimmung, wenn es keinen Raum für eigenen Willen gibt. Für Sprosse, ein Huhn in einer Legebatterie, ist dennoch klar: So kann sie nicht weiterleben! Fressen, Ei legen, Ei wird weggenommen, weiterfressen, neues Ei legen... Ein sich immer wiederholender Kreislauf, aus dem es scheinbar kein Entkommen gibt. Ihr ist klar: Freiheit, um jeden Preis!

Sprosse lebt mit vielen anderen Hühnern in einer Legebatterie. Ein ums andere Ei wir ihr nach dem Legen weggenommen, was ihr jedes Mal aufs Neue das Herz bricht. So kann es nicht weitergehen! Sprosse beschließt, ihrem tristen Dasein zu entfliehen und verweigert die Nahrung, bis sie keine Eier mehr legen kann und schließlich halbtot aus ihrem Käfig entfernt wird. Doch Sprosse lebt und schafft es, sich aus dem Loch des Todes, in das alle verendeten Hühner geworfen werden, zu befreien. Doch anders als erhofft ist sie bei den anderen Hoftieren nicht erwünscht und wird zum Außenseiter. Allein muss sie sich gegen die ständige Bedrohung durch das Wiesel behaupten und freundet sich schließlich mit Streuner, einer Wildgans an. Ganz unverhofft hat sie Glück und findet ein verlassenes, angebrütetes Ei, so dass sich ihr Mutterwunsch doch noch erfüllt. Kurz vor der Geburt ihres Kükens wird Streuner, der Sprosse die ganze Zeit des Brütens über ein treuer Freund war, vom Wiesel getötet. Fortan muss Sprosse sich und ihr Küken, das sich zum Entenküken entwickelt, ganz allein gegen die Gefahren der Freiheit und Anfeindungen der Hoftiere schützen, während die Gefahr durch das Wiesel immer größer wird...

Nach zahlreichen veröffentlichten Büchern und diversen Preisen gelang Sun-Mi Hwang mit Das Huhn, das vom Fliegen träumte der internationale Durchbruch. Der Roman wurde in neunzehn Sprachen übersetzt und prägte zehn Jahre die Bestsellerliste Koreas, wo er auch Vorlage für den Film „Liefi. Ein Huhn in der Wildnis" wurde. Sun-Mi Hwang ist neben ihrer Tätigkeit als Autorin Professorin für Literatur in Seoul.

Ein Huhn namens Sprosse, das von der großen Freiheit träumt. Was auf den ersten Blick nicht ganz so spannend klingt, entpuppt sich als moderne Fabel über das Leben, Träume, Wünsche und die Liebe. Schon mit der Wahl ihres Namens zeigt Sprosse, wie sie ihr Leben sieht, denn

 

„Sprosse war der beste Name der Welt. Sprossen bildeten Blätter heraus, die von Wind und Sonne berührt wurden, bevor sie abfielen, vermoderten und zu Erde wurden, auf der wohlriechende Blumen wachsen konnten. Sie wollte etwas aus ihrem Leben machen, wie die Sprossen, die sich zu Akazien entwickelten."

 

Für immer im Käfig dahinvegetieren? Für Sprosse unmöglich! Dass es sich zu kämpfen lohnt und sich jedes Hindernis überwinden lässt, erzählt Sun-Mi Hwang in einfacher Sprache und erzielt dabei doch gleichzeitig große Tiefe. Es ist nicht notwendig, großes Wissen zu haben, körperlich stark zu sein oder gute Beziehungen zu haben, durch Mut und Entschlossenheit gewinnt Sprosse die Freiheit und lernt das Leben kennen. Begegnungen mit arroganten Hofhühnern, einem abenteuerlustigen Ganter oder dem fiesen und gefährlichen Wiesel lassen sie unterschiedlichste Charaktere kennenlernen, wobei es ihr schließlich sogar gelingt, die Motive des Wiesels nachzuvollziehen und Verständnis zu entwickeln. Naiv-philosophisch, so lässt sich die liebevoll bebilderte Fabel beschreiben, in der sich viele Elemente der Menschenwelt wiederfinden lassen und die einige versteckte Weisheiten enthält. Da schnell klar wird, dass die Geschichte nicht auf ein Happy-End setzt, bleibt die Handlung bis zum Schluss spannend, vor allem, da es unvermeidlich ist, nicht mit der sympathischen Protagonistin mitzufühlen.

Mit Das Huhn, das vom Fliegen träumte ist Sun-Mi Hwang eine moderne Fabel gelungen, die einerseits stilistisch durch ihre Einfachheit andererseits durch ihre einfühlsame Art überzeugt.
Ein lesenswertes Buch.

Das Huhn, das vom Fliegen träumte

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