Der Angestellte

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Editorial Seix Barral, S.a., 2010, Titel: 'El oficinista', Originalsprache
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014, Seiten: 192, Übersetzt: Svenja Becker

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Sebastian Riemann
Angst, Kampf und die Hoffnung auf ein besseres Leben

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Sep 2014

Die Stadt ist in nächtliches Schwarz gehüllt, große Scharen von Fledermäusen versuchen den Luftraum zu erobern, zwischen den Gebäuden schweben Hubschrauber und sorgen für Ordnung, während im Büro nur eine Lampe ihr Licht auf den Schreibtisch unter ihr wirft. Der Angestellte ist wie immer der Letzte. Düster beginnt der Roman von Guillermo Saccomanno und beschwört sogleich eine Atmosphäre herauf, die gespenstisches Unheil erwarten lässt. Man fühlt sich erinnert an Gotham City, ein bisschen an das Jahr 1984. Chaos und Gewalt scheinen die Stadt zu beherrschen oder unter ihrer Oberfläche auf eine Gelegenheit zu warten.

Der Angestellte poliert den Brieföffner. Ein harmloser Gegenstand im Büro, in den entsprechenden Händen aber eine Waffe. Es muss sich nur jemand entscheiden ihn zu verwenden, ihn zum Werkzeug eines tödlichen Plans zu machen und schon verliert sich der routinierte Gebrauch und der Brieföffner zaubert einen überraschten Ausdruck in das Gesicht des Opfers, welches niedergestreckt wird mit einem Gebrauchsgegenstand. Der Angestellte fragt sich, ob er dieser jemand sein kann, ob er den Mut hat, etwas derartiges zu tun. Er fragt sich wer er bisher war und wer er sein könnte.

Ein fragiler und deprimierter Mann ist dort, redet mit sich, ist froh, dass ihn niemand in seinem speckigen Mantel sieht, hängt seinen gewaltvollen Fantasien hinterher im nahezu dunklen Büro. Er und die Ratten, die sich munter unter den Tischen tummeln. Und plötzlich erscheint die Sekretärin. Beide erschrecken sich, da sie zu so später Stunde niemanden erwartet hatten. Der Angestellte fasst sich überraschend schnell und bietet der junge Frau an, sie zu ihrem Haus zu begleiten. Die Nächte sind gefährlich, sagt er, und außerdem ist er seines Lebens überdrüssig und dankbar für alles, was sich ihm an Möglichkeiten und Abwechslung bietet. Letzteres sagt er nicht, er bewahrt Haltung und bringt die Sekretärin heim, versucht sich mit ihr zu unterhalten. Als sie ihn hinaufbittet, staunen der Leser und der Angestellte nicht schlecht. Wie kann es sein, dass eine attraktive, junge Frau Interesse an einer Person wie ihm hat?

Der Angestellte ist ein Schattenwesen. Er will nicht gesehen werden, nicht auffallen. Die Welt ist ein unfreundlicher Ort für Leute wie ihn, deshalb lebt er in Angst und versteckt sich. Mittels seiner brutalen Vorstellungen hält er sich die Option offen, alles auf den Kopf zu stellen, allen zu zeigen, was wirklich in ihm steckt. Die Angst und das schwache Ich zu besiegen. Er träumt von einer radikalen Handlung, die gewaltiger ist als seine erdrückenden Umstände, die ihn hinauskatapultiert aus seinem alltäglichen Trott mit all den Erniedrigungen. Meistens sterben Menschen aus seinem Umfeld in seinen Vorstellungen, manchmal begeht er Selbstmord. Doch all dies ist verborgen, nach außen erscheint er als kleines Rädchen in der Maschinerie der Firma, als Schwächling und Sonderling.

Die Sekretärin findet ihn nicht anziehend, weder sein Erscheinungsbild noch seine duckmäuserische Persönlichkeit. Sie ist verzweifelt und er war im entsprechenden Augenblick jemand, der vor ihr stand, sich anbot sie zu begleiten und später nichts ablehnt, was sie ihm vorschlägt. Er sieht in ihr die Motivation aus seinem Leben auszubrechen, endlich den großen Schritt zu wagen. Für sie ist er ein Objekt, um ihre Lust zu befriedigen.

Die Welt des Romans kann im ersten Moment als nahe Zukunft verstanden werden, entpuppt sich aber schnell als Alternative zu unserer Gegenwart. Technologischer Fortschritt ist kaum ersichtlich, es gibt keine fliegenden Autos, keine Laserkanonen, Roboter haben die Menschen nicht ersetzt, Computer sind immer noch fehlerhaft und kosten viele Nerven. Die klassischen Utensilien auf dem Schreibtisch des Angestellten weisen sogar in eine andere Richtung. Papier und einen Brieföffner benutzt er, erinnert damit an das prädigitale Zeitalter. In den Straßen greifen geklonte Hunde Obdachlose und unachtsame Passanten an. Woher sie kommen wird nicht geklärt. Vorstellbar ist ein Versuch im Labor, der schief lief. Oder ein Anschlag, der die gefährlichen Biester befreite und somit eine tödliche Plage schuf. Zweifelsohne reihen sie sich hervorragend in das Szenario ein, sie symbolisieren Chaos und manipuliertes Leben, welches den Tod bringt. Ein Fehlgriff der Menschheit. Unachtsamkeit beim Spiel mit der Schöpfung. Ähnliches scheint für das Klima zu gelten und damit verwandelt sich der Roman in eine Gesellschaftskritik. Der Angestellte sieht an der Küste einen riesigen Eisberg vorbeiziehen und man muss nur noch den sauren Regen samt beständiger Wolkendecke hinzuziehen, um die Klimakatastrophe in ihren Auswirkungen zu erkennen. Die Gewalt, die ihren Ausdruck in alltäglichen Bombenanschlägen und überwältigender Straßenkriminalität findet, ist Folge jener Katastrophe. Ein omnipräsenter Überlebenskampf prägt das Dasein, das immer weniger Zusammensein bedeutet. Die Mordgelüste des Angestellten erscheinen da schon verständlicher. Verglichen mit den Tagesnachrichten erscheinen sie sogar harmlos.

Die Darstellung der Psyche des Angestellten wird sorgfältig und langsam entwickelt, der erste Eindruck bleibt über eine gewisse Zeit bestehen, dann werden kleine Details ergänzt. Seine Angst und Passivität kommen immer stärker zum Ausdruck, da er sich immer vehementer gegen sie aufzulehnen versucht. Er ist frustriert ob der eigenen Unzulänglichkeit, stellt sich immer häufiger und detaillierter einen Ausweg vor. Der Andere in ihm, der rebellierende Teil seiner Persönlichkeit, erstarkt und drängt ihn zu Veränderungen. Fraglich bleibt lange Zeit, ob die wachsende Spannung im Innern wirklich in Handlungen mündet und wen sie treffen würden.

„Niemand ist, wie er scheint, denkt er. Es brauchte bloß eine Gelegenheit, dann würde er zeigen, wozu er fähig ist. Diese Überlegung hilft ihm, den Chef zu ertragen, seine Kollegen und seine eigene Familie. Weder im Büro noch zu Hause weiß man, wer er ist."

An einen wahren Ausbruch möchte man kaum glauben. Der Angestellte scheint zufrieden in seiner unterlegenen Stellung, die ihm die Möglichkeit gibt zu fantasieren und Verantwortung nur unter Einschränkungen zu übernehmen. An einigen Stellen tritt ein wahrhaft hündisches Wesen hervor. Eines Abends vergewaltigt ihn seine Frau und beschämend muss er feststellen, dass es ihm gefällt und dies, obwohl er sie in jeder Hinsicht abstoßend findet. Er selbst wäre nicht auf die Idee gekommen körperlichen Kontakt mit ihr zu suchen.

Die ganze Zeit wirkt der Anspruch des Angestellten zweifelhaft. Seine Idee jemand zu sein, der zu jeder Zeit zuschlagen und die Dinge verändern kann, wird bedroht, da seine ersten Versuche, eine neue Person zu werden, scheitern. Er glaubt in sich einen Anderen, einen der besser ist als der Duckmäuser, der jeden Tag als Letzter das Büro verlässt und daheim von seiner Frau geschlagen, von den Kindern verlacht wird. Die Sekretärin gibt ihm endlich Anlass diesen jemand aus sich herauszuholen, ihn mit all der Wut und Kraft auf die Welt loszulassen. Er will sich einfach nehmen was er braucht, ohne Fragen, ohne Angst. Er will nicht mehr leiden unter den Umständen, sondern alles so hinbiegen, dass sie und er ein schönes Leben führen können, irgendwo weit weg. Er glaubt sie will es auch und so beginnt er die Leine der inneren Bestie lockerer zu führen, er beginnt Grenzen zu überschreiten. Er überfällt eine Frau, stiehlt ihre Kette und landet beinahe im Gefängnis. Er schreitet dem Wahnsinn entgegen, verliert die Kontrolle, denn nichts verläuft gemäß seinen Vorstellungen. Es bleibt ihm nur übrig, alles zu wagen.

Die fortlaufenden Darbietungen der Fantasien des Angestellten haben etwas Ermüdendes, er dreht sich im Kreis und der Leser wartet auf mehr Handlung. Beständig scheint etwas zu geschehen, dann bleibt jedoch alles beim Alten. Das Verschwimmen der Wahrnehmung der Hauptperson wird auf diese Weise deutlich, zieht sich aber derart in die Länge, dass der Leser ein wenig die Geduld verliert und gern eine Portion der psychologischen Tiefe gegen mehr Action eintauschen würde.

Guillermo Saccomanno ist mit Der Angestellte ein sehr einnehmender Roman gelungen, der durch die Verstrickung der verschiedenen Ebenen, durch die düstere Stimmung und den dubiosen Protagonisten zu überzeugen versteht. Ein Szenario, welches begeistert, erschreckt und die Frage aufwirft, wie groß der Unterschied zu unserem Dasein ist. Große Unterhaltung mit viel Geist, die auf Superhelden und High-Tech verzichten kann, die an die fatalen Charaktere der russischen Weltliteratur erinnert und zugleich modern ist.

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