Vier neue Nachrichten

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Schöffling, 2014, Seiten: 272, Übersetzt: Ulrike Blumenbach
  • Minneapolis: Graywolf Press, 2012, Titel: 'Four New Messages', Originalsprache

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Almut Oetjen
Die Kolonisierung des menschlichen Geistes durch das Internet

Buch-Rezension von Almut Oetjen Sep 2014

Der Titel der Erzählungssammlung - Vier neue Nachrichten - lässt sich erweitern zur Meldung eines E-Mailprogramms: Sie haben vier neue Nachrichten. Hier zeigen sich die Fluchtlinien des Buches – Literatur und Schreiben, Kommunikation und Internet. Die Protagonisten der vier längeren Geschichten tragen alle einen Kampf aus, in dem es um ihre physische und digitale Existenz sowie die in dieser Konstellation möglichen Erfahrungen der Welt geht.

Das Medium vergisst nie

In „Emission", der ersten und komischsten Geschichte der Sammlung, ist der Erzähler ein Autor, der für seine erste Million Dollar ins Geschäftsleben gewechselt ist. Während eines Biergartenbesuchs in Berlin lernt er den jungen Drogendealer Mono kennen, der einmal unter Drogeneinfluss über einem schlafenden Mädchen auf einer Party masturbiert und davon später einem anderen Mädchen erzählt hat. Als Mono bei einer Bewerbung für einen Job unter Hinweis auf seinen Ruf abgelehnt wird, erfährt er, dass diese Geschichte im Internet kursiert.
Mono googelt sich selbst und findet sie mit Angabe seines Namens auf dem Blog einer Zehntklässlerin, des Mädchens, dem er auf der Studentenparty davon erzählt hat. Es folgt eine absurde Auseinandersetzung zur Beseitigung des Eintrags. Mono muss erfahren, dass Informationen, die einmal den Weg ins Internet gefunden haben, dort verbleiben, mehr noch, dass es vor dieser Form öffentlicher Bloßstellung keine Fluchtmöglichkeit gibt, wie den Wechsel des Wohnortes oder des sozialen Umfelds. Die Erzählung ist mehrfach gerahmt, und die Geschichte verliert mit jeder Rahmung an Authentizität.

Sprache als Kampf

Cohen beschreibt viele Ängste, die nicht nur mit der Nutzung des Internet unmittelbar zusammenhängen, wie das Compliance Problem in „Emission", sondern auch solche, die sich auf indirekte Weise (über Zwischenstationen) ableiten lassen. In „McDonald's" versucht der Erzähler seinem Vater und später, auf andere Weise, seiner Mutter zu erklären, wovon seine Story handelt, mit der er gerade zu kämpfen hat. Er arbeitet sich gedanklich daran ab, ob er in einem Text das Wort „McDonald's" verwenden sollte, und versucht mithilfe von Suchmaschinen herauszufinden, was mit seiner Geschichte nicht stimmt.

In „Der Uni-Bezirk", der am leichtesten zugänglichen Geschichte, erzeugt Cohen Spannung aus dem Zusammentreffen eines zynischen jüdischen New Yorker Schriftstellers, der in den Mittleren Westen gezogen ist, und den eher unbedarften Vorstellungen der Teilnehmer seines Schreibkurses. Erzähler ist ein Vater, der mit seiner Tochter die New York University aufsucht, wobei er sich an den Dozenten erinnert.

Die letzte der vier Geschichten ist zugleich die umfangreichste, „Gesendet". Sie besteht aus zwei Teilen, die vordergründig wenig gemeinsam haben: I. Das Bett und II. Com/Moc. Der erste Teil erzählt in Form eines Märchens die über mehrere Generationen laufende Geschichte eines Betts mit Schnitzereien, die im zweiten Teil einen plötzlichen Wechsel in Erzählform, Personal und Story erfährt. Ein junger Journalist, besessen von Internetpornographie, fährt nach Osteuropa, wo er über junge Frauen recherchiert, die im Internetzweig der US-Pornoindustrie arbeiten oder verbraucht werden, und die er aus Filmen kennt. Er interviewt die Frauen. Ständig verändert sich in dieser Erzählung die Perspektive, was beim Leser eine ähnliche Verwirrung hervorruft, wie sie beim Erzähler zu beobachten ist.

Matrjoschka und zerlegbare Geschichten

Die vier Geschichten sind verschachtelt, von einfach bis mehrfach, thematisieren alle auf je eigene Weise den Warencharakter von Kunst, das Verhältnis zwischen Literatur und Autor, Realität und Fiktion. Die Erzähler der vier Geschichten sind Autoren, die als Vermittler von Geschichten anderer Personen agieren. Cohen lotet auch das Internet als Medium aus, physisch und metaphysisch. Naturgemäß bekommt er es kaum zu greifen. Der Mensch online und der Mensch im Online-Modus ist ein Hauptthema, auf interessante Weise von Cohen verknüpft mit sozialen Problemstellungen. Die Veränderungswirkungen des Internet (und sozialer Netzwerke) auf die Sprache und Kommunikation sind unmittelbar daran gebunden. Cohen verwendet in seinen vier Geschichten viele Wiederholungen, erzeugt Neuphrasierungen und Neologismen, scheint mehr interessiert am Internet als einem Medium, das nicht unendlich viele Möglichkeiten bietet, sondern uns vielmehr immer wieder und trotzdem auf die gleichen Seiten und zu den gleichen Inhalten und Sichten führt.

Joshua Cohen legt in seinem ersten ins Deutsche übersetzten Erzählungsband vier unterschiedlich lange Geschichten vor, die ambivalent sind, bei einer Lektüre absurd-komisch, bei einer weiteren Lektüre ernsthaft, aber immer tiefsinnige Metafiktionen, die mehr als einmal gelesen werden wollen, auf jeden Fall aber gelesen werden sollten.

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