Vor dem Fest

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2014, Seiten: 6, Übersetzt: Saša Stanišić

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Claire Schmartz
Erinnern und Nicht-Loslassen-Können

Buch-Rezension von Claire Schmartz Sep 2014

1978 in Bosnien geboren, zog Staniši 1992 nach Deutschland. In diesem Rahmen erscheint die Wahl der Uckermark als Schauplatz für seinen Roman naheliegend. Hier begegnen sich Tradition und wilde Natur, Urdeutsche und neu Hergezogene, In- und Ausländer, Seen treffen aufeinander. Wirtschaftlich ist die Gegend nicht rentabel, man züchtet Rassehühner und Schweine, und die Dagebliebenen verwahren Erinnerungen nicht nur im Haus der Heimat, sondern auch in und unter den Feldern und Wäldern auf; Fürstenfelde hat eine DDR-Vergangenheit, anderthalb Nazis, rumänische Saisonarbeiter, zwei Seen und keinen Fährmann mehr.

 

„Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat genau an diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen."

 

Es geht in dem Roman, wie der Titel bereits verrät, um eine Freitagnacht vor dem Annenfest. Denn diese hat es in sich. Diese lange Nacht voller abenteuerlicher Begegnungen und Beschlüsse erlaubt es, den Geist Fürstenfeldes einzufangen. Nächtlichen Gestalten und morgendliche Gewohnheiten verwerfen das Bild eines ruhigen und langweiligen Dörfchens. Wer schreibt wie Staniši, darf den Roman gerne mit „Wir sind traurig. " beginnen, denn das anlautende Versprechen wird er halten. Wir als Erzähler – das ist ungewohnt, das ist gut, und das ist vor allem schön. Saša Staniši haut uns um. Mit unglaublicher Feinfühligkeit schafft er es, Erzählstimmen zu erschaffen, die zwar über dem Geschehen schweben und doch die nötige Nähe aufweisen, um mit einigen Details die Gesamtheit einer Person oder eines Lebens zu schildern. Die Personen, zwischen denen die einzelnen Kapitel wechseln, sind zwar regelrecht skurril in ihren Erlebnissen oder Charakterzügen, doch glaubhaft und markant. Stanišis Personenbeschreibungen reduzieren sich auf hervorstechende Eigenschaften die viel verraten und bedürfen dabei keiner gekünstelter Stil- oder Sprachbrüche, um uns eine Figur näher zu bringen. Da gibt es Herrn Schramm, der „mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen" hat. Es gibt Lada, der gelegentlich sein Auto in einem der beiden Seen versenkt. Es gibt die Dorfchronistin Frau Schwermuth, die bei all den alten Geschichten in Depressionen versinkt. Es gibt ein Schwein mit einem Menschenkopf. Es gibt einen rumänischen Saisonarbeiter, der aus dem Graffiti "Rumänen raus" ein "Rumänen-Haus" macht. Vor dem Fest ist ein Roman über zarte und dennoch starke Personen und einen langsamen Untergang – Fürstenfelde hat keine Zukunft, und doch lebt und feiert man – hier verweben sich Mythen, Sagen und Nachtgestalten, alte Geschichten und neue Ereignisse und Rettungsversuche.

In Stanišis Roman fließen Stimmen aus den unterschiedlichsten Zeitaltern ineinander über und ergeben gemeinsam erst das richtige und ganze Dorf. Die „Wir"-Perspektive, in die der Roman mehrfach umschlägt, die Instanz der durch die Nacht streifenden Fähe, die Zitate aus der mittelalterlichen Dorfchronik, jeder einzelne Sprung von einer Person zur anderen, alle vermitteln sie ein ganz eigenes Gefühl von Ruhe, Anspannung, Geschichte, Bedeutsamkeit und Schönheit – und dies nicht nur als lokaler Roman, sondern in einer entzückenden Allgemeingültigkeit als Roman über die Menschlichkeit und das Nicht-Loslassen-Können. Und somit werden die Festvorbereitungen auch schnell zu einer Tradition der Erinnerung und der Zurückbesinnung, wichtiger als das Fest selber. Am Ende ist alles bereit, und mit dem Fest endet auch der Roman. Das Bild, das Staniši gezeichnet hat, hat das Dorf umfangen und abgebildet, und dieses Tableau bedarf des eigentlichen Festes nicht. Was nun passiert, wird wieder Teil der Geschichte Fürstenfeldes werden. Es wird Sterni geben, und ausnahmsweise Schnittchen, die der Kneipenersatz-Garagenbetreiber Ulli organisiert hat. Anna wird nicht brennen, doch gefeiert wird.

Mit Vor dem Fest hat Staniši den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewonnen. Und der Erfolg seines neuen Romans ist eigentlich keine Überraschung. Schon 2006 gelang Staniši mit Wie der Soldat das Grammofon reparierte ein Bestseller, der bereits in 30 Sprachen übersetzt wurde. Es gibt Bücher, die packen und fesseln den Leser, die lassen ihn nicht mehr los und flüstern ihm Geschichten ins Ohr. Staniši hat es geschafft, diese Geister zu rufen und zu zähmen.

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Letzte Kommentare:
18.03.2019 21:39:20
Philipp Amthor

Ich weiß nicht wie man sich so etwas antuen kann, das Buch ist gut geschrieben und in sich selbst ein Meisterwerk aber für einen Leser ist die kurze Zeitspanne der erzählten Zeit und der gestreckte Inhalt unangenehm, und zu kompliziert um es noch Unterhaltung zu nennen. Wer ein Buch sucht das er mal auf der Toilette lesen kann ist hier falsch aufgehoben

23.04.2016 09:05:12
Wolfgang Wagener

Für mich ist "Vor dem Fest" eins der wunderbarsten Bücher der letzten Jahre. Auch wenn es nicht die klassische Form eines Romans hat sondern eine lockere Reihe paraleller kleiner Geschichten ist, die sich berühren und überschneiden. Erzählt werden die Geschichten einer Nacht, in der ein Autounfall geschieht, Kirchenglocken gestohlen werden, eine Füchsin versucht, ein paar Eier für ihre Jungen zu stehlen (eine genial dramatische und dichte Passage) und vieles mehr - und doch ist es eigentlich eine Nacht, in der nichts passiert. Daraus entsteht aber das Bild eines Dorfes und seiner Menschen - sogar über Jahrhunderte. Denn der Autor schafft es, Alltag und märchenhafte Passagen zu verbinden. Er erschafft lebendige Charaktere, die er oft ironisch, aber immer warmherzig schildert (Herr Schramm, ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden). Dabei schreibt er plastisch, ohne geschwätzig oder verquast zu sein. Und er wechselt souverän zwischen Stilen, vom mittelalterlicher Chronik bis zum Rap. Einfach wunderbar, aber das hatte ich ja anfangs schon geschrieben.

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